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Nordrhein-WestfalenNRW soll Brücke für den Luchs sein - es ist "fünf vor zwölf"

24.01.2026, 04:09 Uhr
Der-BUND-NRW-und-die-NRW-Stiftung-planen-die-Wiederansiedlung-des-Luchses-Das-Foto-zeigt-ein-Wildtier-das-von-einer-Wildkamera-erfasst-wurde
(Foto: -/Landesamt für Natur, Umwelt u)

Er gilt als scheuer Artgenosse mit Pinselohren und Backenbart. Warum soll der Luchs aber genau jetzt nach NRW zurückkehren? Und was bedeutet das für Wald, Wild und Schafe?

Düsseldorf (dpa/lnw) - Aufpassen wie ein Luchs: Seine Wahrnehmung kleinster Bewegungen bei der Jagd und sein hervorragendes Gehör sind besondere Eigenschaften, mit denen er sogar die Leistung von Hunden übertrifft.

Fast 300 Jahre nach dem Erlegen des letzten Exemplars auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens planen die Umweltschutzorganisation BUND und die NRW-Stiftung, die Raubkatze wieder dauerhaft anzusiedeln. Sie sehen den Luchs mit seinem Backenbart und Pinselohren auch eher als einen Sympathieträger, der über ein besseres Image als der Wolf verfügt.

Warum soll der Luchs angesiedelt werden?

Es gehe um eine unbesetzte Nische im Ökosystem. Der Luchs helfe, den Rehbestand zu regulieren und das zurückbleibende Aas sei eine wichtige Nährstoffquelle für andere Tiere sowie Pflanzen, zählt Christine Thiel-Bender, Referentin für Artenschutz beim BUND NRW, auf. Ute Röder vom Vorstand der NRW-Stiftung nennt einen weiteren Grund: Es bestehe eine Lücke zwischen Populationen östlich und westlich von NRW. Mit einer Vernetzung dieser Genpools könnten die Luchs-Bestände insgesamt gesund gehalten werden.

Wo gibt es bereits Luchs-Populationen?

Ole Anders, Koordinator des Luchsprojektes Harz, spricht von etlichen kleinen Luchs-Populationen in Mitteleuropa, deren Vernetzung eine entscheidende Frage sei. In Deutschland gebe es Vorkommen langjährig im Bayerischen Wald, dann im Harz und im Pfälzerwald. Drei Wiederansiedlungsprojekte seien im Gange: In Baden-Württemberg, Sachsen und im Thüringer Wald würden Tiere ausgewildert. Man gehe in Deutschland von insgesamt gut 200 Luchsen aus.

Außerdem gebe es kleinere Vorkommen in der Schweiz, Frankreich, Slowenien und Kroatien, teils durch Wiederansiedlungen. Sie stünden aber immer noch nicht in einem genetischen Austausch miteinander. Das führe zu erheblichen Inzucht-Problemen. In der Schweiz werde von Herzanomalien ausgegangen, die nicht selten auftreten. Es sei "fünf vor Zwölf", mahnt Anders. Es gelte das "zweite Aussterben" der Luchse zu verhindern.

Was wird konkret in NRW geplant?

Die Projektpartner peilen an, ungefähr innerhalb von fünf Jahren einen ersten Luchs in die freie Natur zu entlassen und in zeitlichen Abständen weitere Tiere auszuwildern. Zunächst müssten geeignete Tiere gefunden und ausgewählt werden. Dazu wollen die NRW-Projektpartner mit Zoos zusammenarbeiten.

Wo sollen Luchse ausgewildert werden?

Das ist nach Angaben der Projektpartner offen. Laut dem BUND NRW kämen mehrere große Waldgebiete infrage. So könnte etwa das Rothaargebirge eine Heimat für 30 Luchse bieten. Außerdem sei es nicht so stark mit Straßen durchzogen wie andere Gebiete. Denn für Luchse sei der Straßenverkehr eine große Gefahr. Bis zu 10 Prozent sterben demnach bei Unfällen. Herkömmliche Schutzzäune wirken den Angaben nach nicht, da der Luchs in der Lage ist, sie zu überspringen. Auch im Bereich der Senne und im Eggegebirge wird Potenzial gesehen.

Anders erklärt, dass die natürliche Ausbreitung des Luchses extrem langsam erfolge, wesentlich langsamer als beim Wolf, der sich in Deutschland weit verbreitet habe. Es bestehe die Gefahr, dass die Problematik der Inzucht zu große Ausmaße annehme. "Dass der Luchs von allein kommt, das wird nicht passieren. Wir müssen unterstützen, wenn wir ihn erhalten wollen", betont er.

Warum muss dem Luchs auf die Sprünge geholfen werden?

Dicht bebaute Regionen und Verkehrsadern stellen ein großes Hindernis für Luchse dar, wie der BUND erklärt. Die Männchen legten teils lange Strecken zurück. Die Chance, bei vielen Barrieren auf eine Partnerin zu treffen, sei gering. Das hätten die vergangenen zwei Jahrzehnte gezeigt. Seit 2004 lasse sich der ein oder andere Luchs zwar in NRW blicken, dauerhaft geblieben sei aber keiner.

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima NRW hat jüngst einen Luchs-Nachweis im Sauerland bestätigt. Eine Fotofalle löste am 30. Oktober 2025 im Kreis Olpe aus. Nur wenige Tage später, am 3. November, ist den Angaben zufolge derselbe Luchs erneut im Märkischen Kreis fotografiert worden.

Ob sich der aktuell nachgewiesene Luchs dauerhaft in NRW niederlässt, lasse sich derzeit nicht absehen, erklärte das Landesamt weiter. Luchse seien mit Blick auf die Eroberung neuer Lebensräume eher zurückhaltend. Weibchen blieben meist in der Nähe ihrer Herkunftsreviere, während männliche Tiere mitunter weite Strecken von mehreren Hundert Kilometern zurücklegten.

Wie funktioniert die Zucht?

Der Zoo in Wuppertal beschäftigt sich nun mit der Zucht von Luchsen, um das Projekt für NRW voranzutreiben. Seit dem Oktober 2025 lebt dort Karpaten-Luchs Viktor. Er habe sich als zu zahm für das Aussetzen im Thüringer Wald erwiesen und werde deshalb jetzt für die Zucht eingesetzt, sagt Zoodirektor Arne Lawrenz. "Es geht nicht nur darum, den Luchs einfach wieder hier zu haben. Vielmehr wollen wir mit NRW eine Brücke bauen", unterstreicht er.

"Züchtungsprojekte wie dieses sind für Zoos eigentlich gar nicht so attraktiv", erklärt Lawrenz. In den kommenden Wochen werde der Luchs mit einem Weibchen zusammengebracht und mögliche Jungtiere würden den Blicken der Zoobesucher sofort entzogen werden. "Es ist ein spezielles Projekt für den Artenschutz, dafür ist der Luchs zu uns gekommen. Die Tiere sollen sich gar nicht an den Zoobetrieb gewöhnen", macht der Zoodirektor deutlich.

Junge Luchse, die sich für eine Aussetzung eigneten, würden in der Folge in ein sogenanntes Koordinationsgehege gebracht, wo Experten sie auf die freie Natur vorbereiteten sowie auf Verhaltensauffälligkeiten und die Eignung für die freie Wildbahn kontrollierten. Nach dem Aussetzen der Tiere folgten strenge Kontrollen vor Ort und mittels Sendern am Halsband, sagt Lawrenz.

Werden Probleme wie beim Wolf befürchtet?

In der freien Wildbahn ernähre sich der Luchs hauptsächlich von Rehen, betont Thiel-Bender. Nutztierhalter müssten sich bei der Rückkehr der Raubkatze keine großen Sorgen machen. "Dass Luchse etwa Schafe reißen, passiert extrem selten", sagt sie. Das zeigten andere Wiederansiedlungsprojekte. Für den Menschen stelle das überaus scheue Tier keine Gefahr dar. Denn die Chancen, ihm über den Weg zu laufen, lägen beinahe bei null. "Man wird den Luchs im Wald niemals sehen", betont Thiel-Bender.

Der Schafzuchtverband Nordrhein-Westfalen hofft, dass es auch in Zukunft keine großen Probleme mit Luchsen gibt und die Tiere so scheu bleiben. Als Lauerjäger greife er sich nur ein Tier. Der Wolf reiße hingegen viele Tiere einer Herde, heißt es beim Verband. Andererseits sei es noch schwieriger als beim Wolf, eine Schafherde vor dem Luchs zu schützen. Befürchtet wird, dass die Raubkatze kletternd oder springend vorhandene Zäune überwinden kann.

Wie erfolgreich ist das Projekt im Harz?

Im Nationalpark Harz sind von Sommer 2000 bis Herbst 2006 insgesamt neun Männchen und 15 Weibchen in die Freiheit entlassen worden. Den ersten Nachweis eines wild geborenen Jungtieres im Harz gelang nach Angaben der Projektbetreuer im Sommer 2002. Seither kam in jeder Saison Nachwuchs zur Welt. Die ausgewachsenen Tiere mit der Schulterhöhe von etwa 60 Zentimetern und einer Länge von bis zu 110 Zenitmetern sind bis zu 25 Kilogramm schwer.

Quelle: dpa

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