Nordrhein-WestfalenSensoren und KI sollen marode Brücken vor Sperrung retten
Viele Brücken im Land sind alt und marode. Sensoren und künstliche Intelligenz sollen nun helfen, Schäden früh zu entdecken und Sperrungen zu vermeiden.
Mülheim/Ruhr (dpa/lnw) - So einen Moment wie Ende Januar will Tobias Fischer nicht noch einmal erleben. Von jetzt auf gleich musste die Autobahn GmbH damals eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Rheinland und Ruhrgebiet sperren: Die A52-Brücke über die Ruhr zwischen Düsseldorf und Essen. In der Fahrbahndecke hatte sich ein Spalt aufgetan.
"Sowas ist eine Vollkatastrophe", sagt Fischer, der bei der Autobahn GmbH für den Erhalt der Brücken im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zuständig ist. Mehr als 80.000 Fahrzeuge fahren normalerweise jeden Tag über die 1,8 Kilometer lange Mintarder Brücke bei Mülheim an der Ruhr. Auf den Umleitungsstrecken gab es während der Sperrung wochenlang Chaos.
Um solche bösen Überraschungen in Zukunft zu vermeiden, wird die Brücke im Moment mit Sensoren ausgestattet, die jede noch so kleine Veränderung an der Substanz des Bauwerks registrieren. Es ist ein Pilotprojekt, auf dem große Hoffnungen ruhen – denn im ganzen Land gibt es noch viele weitere Brücken, die in keinem guten Zustand sind. Die Hoffnung ist, dass Schäden durch die neue Technik so früh bemerkt werden, dass man rechtzeitig handeln und ungeplante Sperrungen vermeiden kann.
KI analysiert die Daten in Echtzeit
Rund 150 Sensoren installieren Techniker im Moment an der längsten Brücke in Nordrhein-Westfalen. Wenn alles funktioniert, werden sie eine riesige Menge an Daten übermitteln. "Wir bekommen hier an der Brücke 100.000 Messwerte pro Sekunde", erklärt Panagiotis Martakis, der das System entwickelt hat und nun über seine Firma Irmos anbietet.
Während jeder Mensch von 100.000 Messwerten pro Sekunde völlig überfordert wäre, kann die KI die Datenmengen in Echtzeit auswerten – 24 Stunden am Tag. "Die KI versteht nach und nach die Eigenarten einer jeden Brücke", erklärt Fischer. "Wir bekommen dadurch ein viel besseres Gefühl für die Brücke." Dehnt sich das Material an einer Stelle, weil die Sonne es im Frühling erwärmt – oder weil es einen Riss im Material gibt?
Hoffnung auf längere Nutzungsdauer von Brücken
Die Autobahn GmbH hofft durch das KI-gestützte Brückenmonitoring auf einen "echten Paradigmenwechsel" bei der Instandhaltung alter Brücken. "Wenn dieser Ansatz trägt, könnten Deutschlands Brücken künftig nicht nur saniert, sondern verstanden werden – mit deutlich optimierter Nutzungsdauer", heißt es in der Projektbeschreibung.
Ursprünglich war geplant, das neue System fünf Jahre lang an elf Brücken im Ruhrgebiet und im Bergischen Land zu testen. Doch die ersten Ergebnisse sind so positiv und der Handlungsdruck ist bundesweit so groß, dass die Technologie nun sehr viel schneller ausgerollt werden soll. "Der entscheidende Vorteil für uns ist, dass wir viel schneller und gezielter reagieren können, noch bevor Schäden entstehen", erklärt Fischer.
ADAC: Brücken in NRW liegen auf der Intensivstation
Wie wichtig das KI-gestützte Brückenmonitoring werden könnte, zeigt ein Blick auf den Zustand der Autobahnbrücken im Land. 55 Prozent aller Brücken wurden laut Autobahn GmbH vor 1985 errichtet. Sie seien für weniger Verkehr und vor allem nur für leichtere Lastwagen gebaut worden. Auch die Materialqualität und Bauweise der 1960er und 1970er Jahre entsprächen nicht mehr den heutigen Anforderungen.
"Die Brücken in NRW liegen auf der Intensivstation", bestätigt der Leiter des Fachbereichs Verkehr und Umwelt beim ADAC Nordrhein, Roman Suthold. "Mit jedem Jahr, das bei der Erneuerung einer Brücke ungenutzt verstreicht, steigen die Risiken für Folgeschäden und damit für starke Belastungen von Autofahrern, Anwohnern und Volkswirtschaft erheblich."
Das KI-gestützte Monitoring könne die Situation wirklich verbessern, glaubt Suthold. "Wenn dadurch frühzeitig gehandelt wird und vor allem sinnvolle Maßnahmen ergriffen werden, profitieren alle davon." Zugleich mahnt der ADAC-Verkehrsexperte, dass nicht nur Autobahnbrücken in die Jahre gekommen sind. "Auch das Land und die Kommunen sollten überlegen, ob sie die Technik für Brücken in ihrem Straßennetz einsetzen. Denn da warten noch viel mehr marode Brücken."
Andere Projekte analysieren die Geräusche von Brücken
Projekte, die künstliche Intelligenz nutzen wollen, um den Zustand alter Brücken zu überwachen, gibt es inzwischen mehrere in Deutschland. Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT) nimmt mit Mikrofonen die Geräusche auf, die Fahrzeuge verursachen, wenn sie über Brücken fahren. Die KI analysiert die Geräusche dann und soll anhand kleinster Veränderungen erkennen, wenn sich der Zustand einer Brücke verschlechtert.
Kosten bleiben überschaubar
Die Autobahn GmbH will nun weiter Erfahrungen mit dem KI-gestützten Brückenmonitoring der Firma Irmos sammeln. Fischer ist nicht zuletzt auch wegen der überschaubaren Kosten von dem neuen System überzeugt. Einige zehntausend Euro müsse man pro Brücke rechnen, sagt er.
Eine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, welche Kosten durch eine Vollsperrung für die Wirtschaft entstehen können. Bei der Rahmedetal-Brücke auf der A45 im Sauerland hat das Institut der Deutschen Wirtschaft den Schaden für die Unternehmen in der Region durch die vierjährige Sperrung auf rund 1,5 Milliarden Euro beziffert.