Rheinland-Pfalz & SaarlandMühe lohnt sich - Streuobstwiesen wichtig für Artenvielfalt

Sie sind mehr als bloße Wiesen mit Obstbäumen drauf. Streuobstwiesen haben einen großen Wert für Tiere und Pflanzen. Allerdings brauchen sie Pflege - und das kann zum Problem werden.
Mainz (dpa/lrs) - Gerade wieder erfreuen sich viele an der Obstbaumblüte. Prächtig leuchten teils knorrige Bäume auf Streuobstwiesen in Rheinland-Pfalz. Was nicht allen bewusst ist: Die Wiesen sind Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen. Sie gehören zu den artenreichsten Biotop-Typen in Mitteleuropa, wie der Naturschutzbund (NABU) Rheinland-Pfalz erklärt. Alljährlich rückt der Tag der Streuobstwiese sie bundesweit in den Fokus, in diesem Jahr am 24. April. Was die Wiesen ausmacht und wie es um sie in Rheinland-Pfalz bestellt ist.
Was macht Streuobstwiesen aus?
Sie seien auf mehreren Ebenen wichtig und erhaltenswert, erklärt Frederik Weires, Referent für Landwirtschaft und Naturschutz beim Nabu Rheinland-Pfalz. "Zum einen sind sie Hotspots der Artenvielfalt, zum anderen sind sie auch aufgrund ihres Sortenreichtums und des damit verbundenen genetischen Kapitals enorm wertvoll."
Streuobstwiesen böten viele ökologische Nischen auf engem Raum. Auf den Wiesen finden sich demnach Obstbäume verschiedener Arten und Sorten und unterschiedlichen Alters. "Hier finden viele unterschiedliche Tierarten Lebensräume", sagt Weires. "In den Kronen, dem Stamm und den Wurzeln." Bei alten Bäumen böten Baumhöhlen und Totholz Lebensraum für Tiere, das Obst sei wichtige Nahrung für Vögel und Insekten.
Auch Maren Goschke aus dem Vorstand der Mainzer Kreisgruppe des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) sagt: "Der ökologische Nutzen so einer Wiese ist immens, wie der Dschungel in den Tropen." Die Artenvielfalt sei riesig. Löcher und Höhlen im Holz alter Bäume etwa seien wichtige Rückzugsorte für Spechte, um nur ein Beispiel zu nennen.
Das Grünland um die Bäume ist den Fachleuten zufolge ebenfalls wichtiger Lebensraum, jedoch müsse das alles auch gepflegt werden.
Wie müssen Streuobstwiesen gepflegt werden?
Das Grünland der Wiesen müsse regelmäßig gemäht werden, erklärt Weires. Weil sich die Bäume in der Regel über eine ganze Wiese verteilten und unterschiedlich hoch seien, sei das allenfalls mit kleineren Maschinen zu machen. "Der größte Aufwand besteht aber in der Pflege der Bäume." Es brauche regelmäßig einen Pflegeschnitt, auch ältere Bäume müssten beschnitten werden, um nicht unter ihrer eigenen Last auseinanderzubrechen.
"Hinzu kommt das Nachpflanzen junger Bäume, um alte Bäume zu ersetzen", sagt Weires. "Allgemein ist eine Streuobstwiese von der Pflanzung bis zur Ernte mit viel, oft manueller Arbeit verbunden." Im vergangenen Jahr etwa hätten Apfelbäume wegen besonders vieler Früchte schon vor deren Reife teils abgepflückt oder geschüttelt werden müssen. Sonst wären Äste unter der Last der Äpfel gebrochen.
Der BUND in Mainz kümmert sich beispielsweise um Streuobstwiesen auf dem Gelände einer alten Ziegelei im Stadtteil Bretzenheim. Er setzt bei der Pflege nicht nur auf das Mähen des Grünlandes, sondern ein bis zwei Mal im Jahr auch auf die Arbeit von Schafen und Ziegen. Sträucher etwa von Kratzbeeren oder Brombeeren dürften nicht zu hoch wachsen, erklärt Goschke. Das wirke dem Charakter einer Streuobstwiese entgegen. Streifen von Bewuchs würden dennoch im Herbst stehengelassen. So könnten Wildbienen in die Stängel von Gräsern ihre Eier legen - noch so ein Beitrag zur Artenvielfalt.
Wie ist es um den Zustand von Streuobstwiesen bestellt?
Die Bäume seien im Allgemeinen sehr robust, sagt Weires. Vor allem alte Sorten seien auf Robustheit gezüchtet und so, dass sie zu dem jeweiligen Standort passten. "Bei Neuanpflanzungen sollte man aber auf die sich ändernden Klimabedingungen achten und die Sorten entsprechend aussuchen", sagt Weires. Es werde immer wichtiger, dass Bäume gut mit Trockenheit zurechtkommen, Frosthärte werde tendenziell unwichtiger.
Streuobstwiesen seien aus mehrerlei Gründen bedroht. Weil der Pflegeaufwand sehr groß sei und die Nachfrage nach regionalen und besonderen Obstsorten zurückgehe, kümmerten sich vor allem engagierte Landwirtinnen und Landwirte, Privatpersonen oder Ehrenamtliche um sie. Sie machten das aus einer Begeisterung für die Natur und Kultur heraus. Wenn es weniger solcher Menschen gäbe, verbuschten die Wiesen oder würden anders genutzt.
Entstehen können neue Streuobstwiesen als Ausgleichsmaßnahme für Bauvorhaben. Wenn also irgendwo gebaut und Fläche versiegelt wird, muss anderswo gepflanzt werden - grob gesagt. In der Realität sei es aber oft so, dass diese Wiesen aufgrund fehlender Kontrollen gar nicht erst umgesetzt würden oder nicht gepflegt würden, sagt Weires, "wodurch von den neu angelegten Streuobstwiesen nach wenigen Jahren nichts mehr übrig bleibt."
Wie kann man sich für Streuobstwiesen engagieren?
In Rheinland-Pfalz haben sich Streuobst-Aktive und -Interessierte etwa in der Interessengemeinschaft Streuobst (IG Streuobst) zusammengetan. Hier werden Erfahrungen ausgetauscht, Arbeitsgruppen kümmern sich um die Herausforderungen, die das Ganze mit sich bringt. Die Mitglieder des Netzwerks kümmern sich um etwa 400 Hektar. Personen, die tatsächlich selbst eine Wiese anlegen wollen, gibt die IG Tipps, etwa für die Sortenauswahl und was beim Boden zu beachten ist.
In Mainz kümmert sich die Kreisgruppe des BUND um Streuobstwiesen an der Alten Ziegelei im Stadtteil Bretzenheim, die vor einigen Jahrzehnten ebenfalls als Ausgleichsflächen angelegt wurden, wie Goschke berichtet. Dort gibt es auch die "Streuobstwiese Glück", auf der einst alte, etablierte Obstbaumsorten angepflanzt wurden. Hier konnten Baumpatenschaften übernommen werden. Für 50 Euro pro Baum konnte man sich einen für den jeweiligen Standort geeigneten Baum einer Lieblingssorte aussuchen. Auf Wunsch wurde der auch mit einer individuellen Plakette versehen. Das kam an, nach Angaben der Stadt ist die Wiese mittlerweile ausgebucht.