Rheinland-Pfalz & SaarlandNeue Herausforderungen für psychiatrische Versorgung

Psychische Erkrankungen nehmen zu – vor allem bei Kindern und Jugendlichen und bei älteren Menschen. Wo der neue Psychiatrieplan des Saarlandes Handlungsbedarf sieht und was er empfiehlt.
Saarbrücken (dpa/lrs) - Im Saarland gibt es pro Jahr rund 15.000 klinische Fälle mit psychischen Erkrankungen. Die Zahl der ambulanten Patienten wird von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) auf 40.000 geschätzt. Tendenz steigend. Was bedeutet das für die Versorgung? Was läuft gut, wo gibt es Probleme? Und was muss passieren, um den wachsenden Herausforderungen gerecht zu werden? Darauf versucht der erste Landespsychiatrieplan des Saarlandes Antworten zu geben.
"Das Saarland ist im Ländervergleich im Hinblick auf die Versorgung psychisch kranker Menschen gut aufgestellt", bilanzierte Professor Rudolf Schmid, Gründer und Seniorberater des Kölner Instituts FOGS (Gesellschaft für Forschung und Beratung im Gesundheits- und Sozialbereich, der den Psychiatrieplan mit Gesundheitsminister Magnus Jung (SPD) vorstellte. Es werde aber wie die gesamte Republik "von Problemstellungen erfasst, auf die zu reagieren ist". Mittlerweile zählten psychische Erkrankungen zu einer der großen Volkskrankheiten und ständen etwa an fünfter Stelle.
Das 120-seitige Gutachten bewertet nicht nur die aktuelle Situation, sondern nennt auch konkrete Verbesserungsvorschläge.
Landarztquote für psychiatrische Versorgung
"Entscheidend ist für uns, dass sich die Versorgung konsequent an den tatsächlichen Bedarfen der Menschen orientiert", sagte Jung. Viel zu lange seien diese Erkrankungen stigmatisiert worden, und die Menschen hätten nicht ausreichende Hilfen in dieser Gesellschaft bekommen. Um dem entgegenzuwirken, wolle man auch weiterhin für gute Strukturen und gute Formen der Zusammenarbeit zwischen den Akteuren in den unterschiedlichen Sektoren sorgen.
Gerade im ambulanten Bereich sieht Rudolf Schmid Handlungsbedarf: "Wir müssen prognostizieren, dass sich zunehmend Lücken auftun werden, sowohl qualitativ als auch in der Fläche." Da die KV bereits sinnvolle Arbeit leiste, könne dies nur gelingen, wenn sich auch die Kommunen ihrerseits aktiv in diese Versorgungsgestaltung einbringen würden: Etwa, indem sie gemeinsam mit der KV Modelle entwickeln - wie etwa Praxisräume bereitstellen - um Ärztinnen und Ärzte aus für den ambulanten Bereich für die ambulante Versorgung zu gewinnen.
Zudem appellierte er an den Gesundheitsminister, einmal darüber nachzudenken, ob man - ähnlich der Landarztquote, die es im Saarland gebe - auch Studenten für die psychiatrische Versorgung und eine Niederlassung im Saarland motivieren könne.
Angesichts der demographischen Entwicklung wird laut Schmid vor allem die Zahl der Demenzen zunehmen: "Aber es wird nicht die Lösung sein, weitere Heime zu bauen, sondern wir müssen ganz anders herangehen." Zum Beispiel, indem man Netzwerke vor Ort fördere und das Ehrenamt stärke.
Und auch die Zahl von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen steige. Dies sei auch ein Problem der Bildung: "Es geht einfach nicht, dass wir seit zwölf Jahren eine konstante Zahl von Schulabbrechern haben, ohne dass Bildungsinstitutionen darauf reagieren."
Der Experte appellierte, künftig mehr auf Prävention zu setzen. "Das kann das Fachsystem allein nicht bewältigen." Seiner Ansicht nach sei es auch eine gesellschaftliche Aufgabe, für schulische, erziehungsbezogene Maßnahmen zu sorgen, die den Kindern mehr Sicherheit und Orientierung bieten.