Regionalnachrichten

Sachsen-AnhaltKann autonomes Fahren zum Motor des Strukturwandels werden?

25.07.2026, 04:02 Uhr
Autonomes-Fahren-gilt-als-Schluesseltechnologie-fuer-die-Mobilitaet-der-Zukunft-und-als-Chance-fuer-den-Industriestandort

Beim Elektroauto geriet Deutschland ins Hintertreffen. Nun beginnt mit dem autonomen Fahren der nächste Umbruch. Welche Chancen ergeben sich daraus für Sachsen-Anhalt?

Magdeburg (dpa/sa) - Erst kam das Elektroauto, nun rückt das autonome Fahren in den Fokus. Während deutsche Hersteller noch mit den Folgen des Umbruchs zur Elektromobilität ringen und Werke wie der VW-Standort Zwickau unter Druck geraten sind, warnen Branchenvertreter bereits vor der nächsten technologischen Herausforderung. Sie sehen im autonomen Fahren die Chance, den Anschluss an die internationale Konkurrenz nicht erneut zu verlieren.

Ganz neu ist die Technik dabei längst nicht mehr. In Hamburg können ausgewählte Fahrgäste bereits mit selbstfahrenden Kleinbussen unterwegs sein, weitere Projekte laufen unter anderem in Hessen, Berlin und München. Auch Sachsen-Anhalt beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Die entscheidende Frage lautet nun: Gelingt es Deutschland diesmal, aus einer Zukunftstechnologie auch wirtschaftlich Kapital zu schlagen?

Deutschland unter Zugzwang

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sieht Deutschland unter Zugzwang. "Beim autonomen Fahren herrscht weltweit eine große Dynamik, die vor allem aus Ländern wie den USA und China kommt", sagt VDV-Präsident Ingo Wortmann. Der Verband fordert deshalb eine nationale Strategie, mehr Investitionen und bessere Rahmenbedingungen.

Auch aus Sicht der Industrie eröffnet das autonome Fahren neue Chancen für Ostdeutschland. Karsten Schulze, Geschäftsführer des Technologieunternehmens FDTech, das Software und Systeme für automatisiertes und autonomes Fahren entwickelt, verweist auf die Kompetenzen ostdeutscher Unternehmen. Diese deckten die gesamte Wertschöpfungskette von der Algorithmenentwicklung über Sensorik bis zur Funktionsabsicherung ab und reichten weit über den Individualverkehr hinaus – etwa in den öffentlichen Nahverkehr, die Logistik, Landwirtschaft oder den Bau.

"Wir sind mit all unserer Stärken noch wettbewerbsfähig - aber nicht mehr Vorreiter, weil die Rahmenbedingungen anderswo deutlich vorteilhafter sind", sagt Schulze. Jetzt müsse der politische und gesellschaftliche Rahmen so gesetzt werden, dass die Technologie auch in Deutschland zum Einsatz komme. "Sonst bleiben wir am Ende nur Integrator fremder Technik, statt selbst Technologieentwickler zu sein."

Sachsen-Anhalt setzt auf Modellregion

Auch Sachsen-Anhalt setzt auf die Technologie. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums soll das Land bis 2030 Modellregion für autonomes Fahren im öffentlichen Nahverkehr werden. Chancen sieht das Ministerium unter anderem für Automobilzulieferer sowie Unternehmen aus Maschinenbau, Chemie und Elektronik. Forschungseinrichtungen wie das Institut für Kompetenz in AutoMobilität (IKAM) in Magdeburg sollen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen bei der Transformation unterstützen.

Der neue Branchenverband SAHREG Automotive erwartet kurzfristig allerdings noch keine größeren wirtschaftlichen Effekte. "Momentan sind wir hier in Sachsen-Anhalt in der Forschungsphase mit regionalen Pilotprojekten, zum Beispiel in Magdeburg und Stolberg", sagt SAHREG-Chef Jens Lücke. Mittel- bis langfristig sieht der Verband Chancen vor allem bei Sensorik, Kameratechnik, Software und Testdienstleistungen.

Vom Testbetrieb zum Linienverkehr

Wie weit die Entwicklung bereits ist, zeigen Projekte in Magdeburg. Nach dem Shuttlebus "Elbi" wird derzeit im Forschungsprojekt "IMIQ - Intelligente Mobilität im Quartier" an der nächsten Generation autonomer Busse gearbeitet. Ziel sei es, "ganz grundsätzlich nachhaltige, skalierbare und gesellschaftlich etablierte Mobilitätslösungen für Magdeburg und Sachsen-Anhalt zu entwickeln", heißt es von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Im Unterschied zu "Elbi" soll ein deutlich größerer Bus mit bis zu 20 Sitzplätzen und einer Geschwindigkeit von bis zu 50 Kilometern pro Stunde zum Einsatz kommen. Eine Leitstelle soll die Fahrzeuge künftig aus der Ferne überwachen. Langfristiges Ziel ist ein autonomer Linienbetrieb.

Zwischen Vorreiterrolle und Aufholbedarf

Hartmut Zadek, Leiter des Lehrstuhls Logistik an der Otto-von-Guericke-Universität und verantwortlich für den Aufbau des Reallabors zur Erprobung neuer Mobilitätskonzepte, sieht Sachsen-Anhalt mit Projekten wie "Elbi", "Thyra Floh" in Stolberg und "IMIQ" bundesweit in einer Vorreiterrolle. Bis 2029 solle ein autonomer Bus in Magdeburg in den Regelbetrieb gehen. Zwar verfüge Deutschland nach seiner Einschätzung bereits über einen international führenden Rechtsrahmen für autonomes Fahren. "Deutschland hat mit den gesetzlichen Regelungen zum autonomen Fahren aus 2023 und 2025 einen weitgehenden Rechtsrahmen geschaffen und ist damit Vorreiter weltweit." Gleichzeitig müsse das Land "schneller in der Anwendung werden".

Auch die Magdeburger Verkehrsbetriebe sehen Fortschritte, mahnen aber zur Geduld. "Aus betrieblicher Sicht zeigte das Projekt jedoch auch deutlich, dass bis zu einem regulären Einsatz im Linienverkehr noch erheblicher Entwicklungsbedarf besteht", teilten die Verkehrsbetriebe mit. Bis zu einem flächendeckenden Einsatz seien deshalb weitere technische Fortschritte nötig. Erst wenn autonome Fahrzeuge zuverlässig unterwegs seien und die rechtlichen Voraussetzungen stimmten, könne die Technik den Nahverkehr sinnvoll ergänzen.

Ob autonomes Fahren tatsächlich zum nächsten Wachstumsmotor für die deutsche Automobilindustrie wird, ist offen. Während Deutschland den Wandel zur Elektromobilität vielerorts nur schwer aufholen konnte, beginnt beim autonomen Fahren bereits der nächste internationale Wettbewerb.

Quelle: dpa

Regionales