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SachsenKann autonomes Fahren zum Motor des Strukturwandels werden?

25.07.2026, 04:02 Uhr
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Beim Elektroauto geriet Deutschland ins Hintertreffen. Nun beginnt mit dem autonomen Fahren der nächste Umbruch. Sachsen will dabei eine Vorreiterrolle einnehmen.

Chemnitz/Dresden (dpa/sn) - Die Transformation der Automobilindustrie ist für Sachsen längst Realität. Während Hersteller und Zulieferer den Wandel zur Elektromobilität bewältigen müssen und Standorte wie das Volkswagen-Werk in Zwickau unter Druck geraten sind, rückt bereits die nächste Schlüsseltechnologie in den Fokus: autonomes Fahren. Politik, Wissenschaft und Unternehmen verbinden damit die Hoffnung, den Strukturwandel nicht nur zu bewältigen, sondern neue Wertschöpfung im Freistaat aufzubauen.

Ganz neu ist die Technik dabei längst nicht mehr. In Hamburg können ausgewählte Fahrgäste bereits mit selbstfahrenden Kleinbussen unterwegs sein, weitere Projekte laufen unter anderem in Berlin, Hessen und Bayern. Auch Sachsen arbeitet seit Jahren an entsprechenden Technologien und will autonome Fahrzeuge bis 2030 im öffentlichen Nahverkehr in den Regelbetrieb bringen. Dafür unterzeichneten im Frühjahr 19 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kommunen und Politik eine gemeinsame Absichtserklärung.

Deutschland unter Zugzwang

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sieht Deutschland im internationalen Wettbewerb unter Zugzwang. "Beim autonomen Fahren herrscht weltweit eine große Dynamik, die vor allem aus Ländern wie den USA und China kommt", sagt VDV-Präsident Ingo Wortmann. Der Verband fordert deshalb eine nationale Strategie, mehr Investitionen und bessere Rahmenbedingungen.

Auch aus Sicht der Industrie eröffnet das autonome Fahren neue Chancen für Sachsen und Ostdeutschland. Karsten Schulze, Geschäftsführer des Chemnitzer Technologieunternehmens FDTech, verweist auf die besondere Stärke der Region. Rund um Chemnitz gebe es eine deutschlandweit einzigartige Dichte spezialisierter Unternehmen, die gemeinsam die gesamte Wertschöpfungskette von der Algorithmenentwicklung über Sensorik bis zur Funktionsabsicherung abdeckten. Die Kompetenzen reichten weit über den Automobilbau hinaus und könnten auch im öffentlichen Nahverkehr, der Logistik, Landwirtschaft oder im Bau eingesetzt werden.

"Wir sind mit all unserer Stärken noch wettbewerbsfähig - aber nicht mehr Vorreiter, weil die Rahmenbedingungen anderswo deutlich vorteilhafter sind", sagt Schulze. Jetzt müsse der politische und gesellschaftliche Rahmen so gesetzt werden, dass die Technologie auch in Deutschland zum Einsatz komme. "Sonst bleiben wir am Ende nur Integrator fremder Technik, statt selbst Technologieentwickler zu sein."

Sachsen setzt auf Zukunftstechnologien

Die Staatsregierung setzt dabei nicht allein auf den klassischen Fahrzeugbau. Sie sieht die Zukunft vor allem dort, wo Automobilindustrie, Halbleiter, Software und Forschung zusammenkommen. Autonomes Fahren verbinde Robotik, Künstliche Intelligenz, Sensorik und Datenmanagement zu einer neuen Schlüsseltechnologie. Gerade daraus könnten neue industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze entstehen.

Nach Einschätzung des Wirtschaftsministeriums bringt Sachsen dafür gute Voraussetzungen mit. Neben einer starken Automobil- und Maschinenbauindustrie verfüge der Freistaat über Europas größtes Mikroelektronik-Cluster Silicon Saxony sowie leistungsfähige Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Softwareentwicklung, Systemvalidierung und digitale Dienstleistungen könnten den klassischen Fahrzeugbau künftig ergänzen, hieß es.

Vom Labor auf die Straße

Seit Jahren fördert der Freistaat nach eigenen Angaben Forschungs- und Pilotprojekte. An der Technischen Universität Dresden entsteht im Smart Mobility Lab in Schwarzkollm eine Versuchshalle für autonome Systeme. In Leipzig soll das Verbundprojekt "Sächsische Initiative Automatisierte Shuttle im ÖPNV" (SIAS-ÖV) den Weg für fahrerlose Shuttlebusse ebnen. Parallel unterstützt Sachsen Kommunen und Verkehrsunternehmen bei Machbarkeitsstudien und der Vorbereitung auf den späteren Einsatz autonomer Fahrzeuge.

Dass die Technik zunehmend den Sprung aus dem Labor schafft, zeigen erste Projekte bereits heute. So ist der automatisierte Shuttlebus "Flash" seit 2023 im Landkreis Nordsachsen im Testbetrieb unterwegs. Noch fährt ein Operator zur Sicherheit mit, künftig soll der Bus jedoch über eine Leitstelle aus der Ferne überwacht werden.

Mit der "Vision 2030: Autonomes Fahren im sächsischen ÖPNV" verfolgt der Freistaat das Ziel, autonome Fahrzeuge schrittweise in den Regelbetrieb zu bringen. Vor allem im städtischen Umland und im ländlichen Raum sollen dadurch neue Mobilitätsangebote entstehen. Auch erste konkrete Vorhaben laufen bereits: In Dorfhain im Nordwesten des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge soll künftig ein autonomer Shuttlebus die Gemeinde mit dem Bahnhof Edle Krone verbinden und so den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen.

Zwischen Forschung und Regelbetrieb

Nach Einschätzung des Infrastrukturministeriums verfügt Deutschland inzwischen über umfangreiche Erfahrungen aus Forschungs- und Pilotprojekten sowie über einen Rechtsrahmen für autonome Fahrzeuge. Jetzt komme es darauf an, ausreichend Fahrzeuge, Infrastruktur und qualifiziertes Personal bereitzustellen. Dafür brauche es insbesondere eine verlässliche Finanzierung durch den Bund und Unterstützung für Modellregionen.

Ob autonomes Fahren tatsächlich zum nächsten Wachstumsmotor für Sachsens Schlüsselindustrie wird, ist offen. Dass die Technologie inzwischen weit mehr ist als ein Forschungsthema, zeigte zuletzt auch der Sächsische Industriedialog in Chemnitz. Dort diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik autonomes Fahren bereits als Baustein für den Strukturwandel der Industrie. Während Deutschland den Wandel zur Elektromobilität vielerorts nur mühsam bewältigte, beginnt mit dem autonomen Fahren bereits der nächste internationale Wettbewerb.

Quelle: dpa

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