SachsenWelche Lehren Experten aus der Vogelgrippe-Welle ziehen

Mehr als 500.000 Tiere sind allein in Sachsen der Vogelgrippe zum Opfer gefallen. Warum Experten mit weiteren Ausbrüchen rechnen und warum auch flächendeckende Impfungen das Töten nicht verhindern.
Dresden/Greifswald-Insel Riems (dpa/sn) - Das Vogelgrippe-Virus hält Geflügelhalter seit Monaten in Atem. Noch immer geschehen neue Ausbrüche - so zuletzt in Ostsachen im Kreis Görlitz. In Sachsen ist die aktuelle Geflügelpest-Saison die heftigste seit Beginn der Aufzeichnungen, bilanzierte zuletzt das Gesundheitsministerium. Allein im Freistaat sind demnach bislang über 500.000 Tiere der Krankheit zum Opfer gefallen. Deutschlandweit sind es Millionen gewesen.
Wie lange wird es dauern, bis die Bestände wieder aufgefüllt sind und die Preise sich erholen?
Christian Riedel, Vorsitzender des sächsischen Geflügelwirtschaftsverbandes, geht von einem Zeitraum von sieben bis acht Monaten aus, bis ein betroffener Betrieb wieder wie zuvor arbeiten könne. So lange dauere die Aufzucht von Junghennen, bis diese Eier in ausreichender Größe legen könnten. Bis dahin könne es weiterhin zu Engpässen kommen, glaubt Riedel. "Es wird Eier geben, nur nicht immer in der gewünschten Größe oder der gewünschten Haltungsform", schätzt der Experte. Weiter steigende Preise erwartet er indes nicht. Gestiegene Futterpreise, höhere Lohnkosten und jetzt auch Zusatzkosten durch die nötige Nachzucht hätten bereits zu Preissprüngen geführt.
Wie gut greifen Entschädigungen und staatliche Hilfen?
Tierhaltern, die ihre Bestände wegen der Vogelgrippe töten mussten, hilft die Tierseuchenkasse. Wie hoch die Entschädigungszahlungen ausfallen werden, ist aktuell noch unklar, teilte die Tierseuchenkasse auf dpa-Anfrage mit. Bislang seien für zwei Ausbrüche im vergangenen Jahr Zahlungen in Höhe von rund 675.000 Euro geleistet worden. Eine vollständige Bilanz für das vergangene Jahr folgt im April. Die Höchstsumme je Tier hatte die Bundesregierung Ende vergangenen Jahres rückwirkend zum 1. Oktober von 50 auf 110 Euro erhöht.
Ist die Vogelgrippe-Saison vorbei?
Seit dem ersten Auftreten des H5N1-Virus vor rund 20 Jahren habe es nur wenige Jahre ohne Ausbrüche gegeben, ab 2020 dann jedes Jahr, sagte Martin Beer, Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts der Deutschen Presse-Agentur. "Das Virus wird nicht verschwinden, es wird in Wellen wiederkommen", so der Fachtierarzt für Virologie. Nicht ausgeschlossen sei gar, dass das schon bald der Fall ist: "Wir wissen nur, dass es in der Regel nach einer frühen ersten Welle es etwas ruhiger wird und danach wieder eine zweite kommen kann. Also wir müssen sogar damit rechnen, dass wir noch einmal vermehrt Ausbrüche haben." In Wildvögeln sei das Virus inzwischen dauerhaft vorhanden, beispielsweise bei Wildenten.
Welche Lehren müssen aus dem Ausbruchsgeschehen gezogen werden?
Für Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) ist klar: Künftig braucht es mehr Impfungen gegen die Vogelgrippe "als ergänzendes Instrument, um Tierbestände besser zu schützen und Ausbrüche wirksam zu begrenzen". Zwar ist die Impfung prinzipiell erlaubt, flächendeckend angewendet wird sie aber nicht - wegen aufwendiger Kontrollpflichten und weil Betriebe mögliche Handelsbeschränkungen beim Export ihrer Waren befürchten. Die Impfung werde in Zukunft schon allein aus ethischen Gründen wichtiger, schätzt Martin Beer vom FLI. Es stelle sich die Frage, "bis zu welchem Punkt ist das ethisch eigentlich noch haltbar, dass wir große Zahlen an Tieren töten, die wir eventuell schützen können?", so der Experte. Hinzu komme, dass der Wunsch nach mehr Tierwohl und damit verbunden auch mehr Freilandhaltung gleichzeitig ein höheres Infektionsrisiko durch Kontakt mit Wildvögeln bedeute.
Ein massives Impfprogramm in Frankreich bei größeren Entenbeständen habe gezeigt, dass großangelegtes Impfen gegen H5N1 möglich ist. Gleichzeitig habe sich gezeigt, dass die derzeit geforderten Kontrollen und Tests kaum flächendeckend durchführbar und bezahlbar sind. Derzeit müsse regelmäßig offiziell bestätigt werden, dass geimpfte Tiere auch tatsächlich gesund sind. "Es müssen zahlreiche Proben genommen werden, die ein Labor in engen Abständen untersuchen muss. Und wir reden ja nicht von zehn Hühnern, sondern eventuell von einem Betrieb mit zwei Millionen." Deshalb gebe es Gespräche auf EU-Ebene, die Regularien zu vereinfachen und künftig nur tatsächliche krank erscheinende oder verendete Tiere in geimpften Beständen zu untersuchen.
Würde Impfen das Töten der Tiere verhindern?
Gezielt eingesetztes Impfen würde helfen, es würde die übrigen Maßnahmen gegen eine Verbreitung von Erregern aber nicht ablösen, so FLI-Experte Beer. Das heißt auch, es würde das Töten von Tieren beim Seuchenausbruch nicht verhindern können. Die dreijährige Impfkampagne in Frankreich habe gezeigt, dass Impfungen das Ausbruchsgeschehen aber deutlich reduzieren können. Auch bei Deutschlands Nachbarn gebe es "einzelne Ausbrüche, aber eben nicht mehr Hunderte wie zuvor", so Beer.
Welche Rolle spielen die Haltungsbedingungen beim Ausbruch von Tierseuchen wie der Vogelgrippe?
Zwar verbreitet sich der Erreger entsprechend schnell in großen Stallanlagen mit etlichen tausend Tieren. Gleichzeitig seien komplett abgeschlossene Haltungen wie Hühnermastanlagen besser vor einer Infektion geschützt als das etwa bei Kleinsthaltern der Fall ist, deren Tiere frei herumlaufen, so FLI-Experte Beer. "Was man diskutieren muss, ist wie dicht ist Geflügelhaltung denn noch sinnvoll? Also wir haben Regionen in Deutschland, da steht alle zwei-, dreihundert Meter ein Stall." Das führe zu Hochrisikoregionen und mache den Infektionsschutz sehr schwierig. Man sollte daher auch sprechen "über die Formen der Tierhaltung, was Gesamtdichten angeht", glaubt Beer.