55 Jahre Bundesliga

Redelings: die Saison 2000/01 Als Thorsten Legat die Buxe hochzog

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Suchbild: Wo ist Thorsten Legat?

Für Schalkes Manager Rudi Assauer ist es der Moment, als der Fußballgott endgültig stirbt. Für alle anderen wird der "Meister der Herzen" geboren. Es geht um vier Bundesliga-Minuten und ein unglaubliches Teamfoto mit Thorsten Legat.

Die Saison 2000/2001 beginnt furios: Andreas Möller wechselt von Borussia Dortmund zum Reviernachbarn FC Schalke 04. Der Transfer sorgt in der Fußball-Bundesliga weit über das gewöhnliche Maß hinaus für Furore. BVB-Manager Michael Meier sagt mit einem verschmitzten Lächeln: "Möller hat mit seinem Berater bei uns um mehr Geld gepokert, gleichzeitig gesagt, er stünde bei einem anderen Klub im Wort. Dann hat er offenbart, dass er nach Schalke gehen will. Wir haben ihm nicht gesagt, dass er bekloppt ist. Aber gedacht haben wir es schon."

Meiers Worte sind der allgemeine Tenor. Natürlich ist sich auch S04-Manager Rudi Assauer sehr genau bewusst, was er da tut: "Ich gehe keinen einfachen Weg, ich weiß, dass viele Fans sagen: Nun holt der diese Heulsuse. Aber ich mache keine Fanbefragung, bevor ich jemanden verpflichte. Sonst könnte ich den Laden schließen." Der ehemalige Nationalspieler Möller nimmt die Sache selbst erstaunlich gelassen. Er versucht sich bei seiner Vorstellung sogar an einem Scherz: "Mein Lieblingswort heißt ab sofort Attacke."

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Bei Möllers erstem Auftritt im Parkstadion hängen die beiden Plakate "Zecke Möller - willkommen in der blau-weißen Hölle" und "Kampfschwein Möller" im weiten Rund. Für viele überraschend erkämpft sich der Ex-Dortmunder jedoch recht schnell den Respekt der Schalker. Seine guten bis überragenden Leistungen und der hervorragende Start der gesamten Mannschaft helfen hierbei natürlich sehr. Schalke spielt groß auf und gewinnt bereits bis zur Winterpause dreimal auswärts mit 4:0 (Berlin, Rostock, Dortmund). Während Assauer dies alles als "Momentaufnahme" gewertet wissen will, schreiben die Zeitungen die kommende Meisterschaft bereits herbei. Für den "Kicker" haben am königsblauen Aufschwung vor allem "Schalkes ruhende Pole(n)" Tomasz Waldoch und Tomasz Hajto einen großen Anteil.

"Der ist für mich gestorben"

Doch nach der Winterpause schwächelt Schalke plötzlich. Über 400 Minuten bleibt das Team ohne Treffer. Die Konkurrenz aus Dortmund, München und Leverkusen hofft wieder. Bayers Manager Reiner Calmund sagt gar: "Für den Titel würde ich mir 29 Kilo absaugen lassen." Nach dem 33. Spieltag - Bayern gewinnt 2:1 gegen Lautern, Schalke verliert 0:1 in Stuttgart - sind die Münchner den Königsblauen drei Punkte voraus, haben aber ein um drei Treffer schlechteres Torverhältnis. So kommt es zum legendären Finale am letzten Spieltag. Schalke trifft zu Hause auf die um den Klassenerhalt kämpfende SpVgg Unterhaching, Bayern tritt in Hamburg an.

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Von wegen.

Erst in der Schlussviertelstunde machen die Königsblauen den 5:3-Sieg über Unterhaching klar. Doch ohne einen Sieg des HSV wird es nichts mit der Meisterschaft. Umso grenzenloser ist der Jubel im Parkstadion, als Sergej Barbarez in der Schlussminute das 1:0 für die Hamburger erzielt. Als schließlich "Premiere"-Reporter Rollo Fuhrmann das Signal gibt, die Partie in Hamburg sei beendet, gibt es kein Halten mehr. Nur Sekunden später erscheint jedoch das Fernsehbild aus der Hansestadt auf der Leinwand in Gelsenkirchen. Im TV wird - entgegen der Ansage Fuhrmanns - noch gespielt. Und in diesem Moment erhält Bayern einen Freistoß. Sekunden später ist der Ball drin. In der Nachspielzeit. Schiedsrichter Markus Merk pfeift gar nicht erst wieder an. Bayerns Torwart Oli Kahn wird später sagen, dass er nach dem Führungstor des HSV nur gedacht habe: "Wir müssen weitermachen. Immer weitermachen. Immer weiter."

Der schwer angeschlagene Rudi Assauer sagt an diesem Tag mit tränenerstickter Stimme einen legendären Satz: "Wenn es einen Fußballgott gibt, ist er ungerecht. Der ist für mich gestorben."

"Ich erhöhe auf 1000, Thorsten!"

Den Aufreger der Spielzeit liefert der Neu-Schalker Thorsten Legat bereits vor der Saison: Weil er im Fitnessraum seines Vereins VfB Stuttgart auf ein Poster, das seinen dunkelhäutigen Mannschaftskollegen Pablo Thiam mit einer Trinkflasche in der Hand zeigt, das Wort "Negersaft" geschrieben hat, muss er die Schwaben verlassen. Nun spielt er beim FC Schalke 04 und hat wieder nur Unsinn im Kopf. Als das offizielle Mannschaftsfoto der Schalker geknipst werden soll, raunt ihm von der Seite sein Mitspieler Olaf Thon zu: "Legat, wenn du deine Hose bis zum Anschlag hochziehst, bekommst du von mir 500 Mark." Aus dem Hintergrund schaltet sich Andreas Möller ein: "Ich erhöhe auf 1000, Thorsten!" Da lässt sich Legat nicht lange bitten, schiebt das Hemd in die Hose und zieht diese bis unter die Achseln hoch.

Und tatsächlich schafft es Legat mit dieser Aktion unbemerkt in das "Kicker"-Sonderheft. Dumm nur, dass Manager Assauer, als er das Magazin in den Händen hält, nicht viel Sinn für Humor zeigt: "Mensch, Thorsten, was haste jetzt wieder angestellt? 20.000 Mark Geldstrafe, 5000 Mark in die Mannschaftskasse und noch ein Essen für alle obendrauf." Als Legat einwendet, dass sich das für ihn aber nicht rentieren würde, da er doch nur 1000 Mark bekommen habe für die Wette, wirft ihn Assauer aus seinem Büro.

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Quelle: n-tv.de

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