55 Jahre Bundesliga

Die Saison 1964/65 Eintrittskarten im Sarg provozieren Skandal

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Werder Bremen wird völlig überraschend Deutscher Meister.

(Foto: imago sportfotodienst)

Werder wird erstmals Meister, Schalke steigt ab und bleibt doch drin und in München hat ein Stürmer tüchtig Durst. Die frisch gestartete Fußball-Bundesliga ist ein echter Hit - bis in Berlin ein unglaublicher Skandal für Furore sorgt.

Erst ein Jahr alt und schon ein echter Volltreffer! Die Bundesliga bombt und entwickelt sich zu einer Wochenendattraktion für die Deutschen. Busse und Züge rollen durchs Land. Die Fans genießen die weiten Auswärtsfahrten und unterstützen ihre Vereine tatkräftig. Der spannende Verlauf einer rasanten Saison lässt die Zuschauer zudem in die Stadien stürmen. Am Ende kann sich der SV Werder Bremen überraschend gegen die favorisierten Kölner durchsetzen. Der amtierende Deutsche Meister landet nach einem großen Kampf drei Punkte hinter dem Vorjahres-Zehnten aus Bremen auf dem zweiten Tabellenrang.

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Die Grün-Weißen können ihr Glück kaum fassen, wie Torwart Bernard im Rückblick erzählt: "Wenn mir jemand vor der Saison gesagt hätte, wir würden Meister werden, ich hätte ihn für verrückt erklärt!" An der knochenharten Hintermannschaft der Werderaner, die nur 29 Gegentore zulässt, beißt sich die Bundesliga die Zähne aus. Verzückt sagt der ehemalige Torwart der Bremer, Ilic: "Bei dieser Abwehr könnte ich auch noch mit 100 Jahren im Tor stehen."

"'A' wie arbeiten vor 'f' wie feiern"

Bereits vor der Saison studierte die Mannschaft unter ihrem strengen Trainer Willi "Fischken" Multhaup, der aus der Malocher-Region Ruhrgebiet stammt, eifrig taktische Varianten ein. Da das Trainingslager im Zuge eines internationalen Turniers in New York stattfand, verpasste man dem Team auch den Beinamen "Amerika-Elf". Und die Mannschaft der unbegrenzten Möglichkeiten schafft tatsächlich die Sensation. Der Titelgewinn wird ausgelassen gefeiert. Max Lorenz und Klaus Matischak lassen sich sogar die Haare nach einer verlorenen Wette deutlich kürzer schneiden. Ein Gag, der später noch zur großen Mode verkommen wird. In Bremen vergisst man im Meistertrubel nicht, wem man den unerwarteten Triumph am meisten zu verdanken hat: Trainer Willi Multhaup. Seine Devise hat sich am Ende ausgezahlt: "Im Fußball kommt 'a' wie arbeiten vor 'f' wie feiern!"

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Schalke-Legende Ernst Kuzorra betreibt auch noch einen Zigarrenladen.

(Foto: imago/Horstmüller)

Genauso turbulent wie an der Tabellenspitze geht es im Abstiegskampf zu. Dorthin hat sich auch ein Verein verirrt, mit dem niemand vor der Saison gerechnet hatte. Doch der FC Schalke 04 schafft es, Woche für Woche immer neue Negativschlagzeilen zu schreiben. Es herrscht Chaos auf allen Ebenen. Beobachter sprechen davon, dass die Mannschaft eine "Schande für den ruhmreichen Klub" sei. Ernst Kuzorra und der völlig hilflose Vorsitzende Fritz Szepan verzweifeln an einem schwierigen Team, das niemand richtig in den Griff bekommt. Höhepunkt der internen Auseinandersetzungen ist der Fußtritt von Egon Horst in das Gesicht seines Kameraden Bachmann. Das Schlimme: Der Verteidiger tritt mit voller Absicht zu. Der Abstieg kann so nicht mehr verhindert werden. Zusammen mit dem Karlsruher SC steigen die Königsblauen ab - denken alle. Doch dann erschüttert ein erster großer Skandal die Bundesliga.

Hertha wird aus der Liga verbannt

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Hertha BSC wird am Saisonende aus der Liga verbannt.

(Foto: imago sportfotodienst)

In Berlin hatte man den Erfolg auf Deubel komm raus einkaufen wollen. Für viel Geld - vor allem üppige Handgelder, die weit außerhalb des Erlaubten liegen - verpflichtet man Spieler für die Hertha. Schnell gerät man in eine finanzielle Schieflage, die man kreativ zu lösen versucht. Herthas Schatzmeister Herzog lässt 55.000 Karten schwarz bei einer Druckerei anfertigen, holt sie persönlich ab und lagert diese in einem Sarg in seinem Beerdigungsinstitut. Später hortet er in einem der hölzernen Ruhestätten auch das Geld, das durch den illegalen Verkauf der Tickets in die Kasse gespült wurde. Doch die Gerüchte, die nach den vielen namhaften wie teuren Transfers durch die Bundesliga wabern, zwingen den DFB zu einer Überprüfung der Bücher. Mittlerweile hat man in Berlin komplett den Überblick verloren, verstrickt sich in immer neue Widersprüche und muss schlussendlich mit ansehen, wie die Hertha durch übereinstimmende Sport- und Bundesgerichtsurteile wegen "schwerer Verstöße gegen das Statut" aus der Bundesliga verbannt wird.

"Berlin-Hilfe" lässt Liga wachsen

Nun muss schnell gehandelt werden. Auf einem außerordentlichen Bundestag beschließt der DFB Ende Juli - nur 14 Tage vor dem Start der Liga - die Aufhebung des Abstiegs nicht nur des Karlsruher SC, sondern auch des FC Schalke 04. Gleichzeitig wird Tasmania 1900 Berlin ohne jegliche sportliche Qualifikation in die Bundesliga aufgenommen. Mit dieser "Berlin-Hilfe" trifft der DFB eine politische Entscheidung, um die Anbindung Berlins an das restliche Bundesgebiet sportlich nicht zu gefährden. Die Liga wird von 16 auf 18 Vereine aufgestockt.

Mitten in dieses erste Chaos hinein steigen zwei Vereine in die Bundesliga auf, die in den nächsten Jahren das Geschehen an der Spitze maßgeblich prägen werden: Borussia Mönchengladbach und der FC Bayern München.

Kuriosum am Rande: In Berlin kündigt Trainer Jupp Schneider seinen Vertrag vorzeitig. Und dann passiert etwas aus heutiger Sicht Einmaliges, wie Herthas zweiter Vorsitzender Wolfgang Holst erzählt: "Herr Schneider erbat von uns ein Zwischenzeugnis für den 31. Dezember 1964. Mit diesem will er seine Bewerbungen stützen."

Torschützenkönig wird ein Spieler von 1860 München, über den sein Trainer Max Merkel sagt: "Wenn der Brunnenmeier an Bierwagen vorbeirumpeln hört, kriegt er an Durscht."

Unser Kolumnist Ben Redelings ist gerade mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: ntv.de