Collinas Erben

"Collinas Erben" und Farbenlehre Brych wird's zu bunt: Gelb-Rot für Schwarz

IMG_ALT

In Mainz sieht erstmals in der Geschichte der Fußball-Bundesliga ein Trainer die Gelb-Rote Karte. Für das nächste Spiel ist er deshalb gesperrt, auch die Kabine darf er nicht betreten. In Leipzig gibt der Schiedsrichter einen Elfmeter, von dem er selbst nicht recht überzeugt ist.

Auf diesen Eintrag in die vielbeschworenen Geschichtsbücher hätte Sandro Schwarz gewiss gerne verzichtet: Am Samstag erhielt der Coach des 1. FSV Mainz 05 in der Nachspielzeit der Partie gegen den VfL Wolfsburg (0:1) von Schiedsrichter Felix Brych als erster Trainer in der Historie der Fußball-Bundesliga die Gelb-Rote Karte. Genauer gesagt sah er, und das lässt das Ereignis noch außergewöhnlicher werden, sogar Gelb und Gelb-Rot in derselben Spielunterbrechung. Nach dem Schlusspfiff zeigte sich der 40-Jährige im Interview des Senders "Sky" halb einsichtig, halb fand er die Sanktion übertrieben: "Irgendwas werde ich schon gesagt haben. Wahrscheinlich wird es mein Gesichtsausdruck gewesen sein", gab er zu Protokoll.

Nun, die Mimik alleine war es nicht. Schwarz war vielmehr auf das Spielfeld gelaufen - in der irrtümlichen Annahme, die Begegnung sei abgepfiffen, wie er erklärte -, um gegen den Unparteiischen zu protestieren. Er gestikulierte, winkte ab, verließ den Platz wieder - und klatschte schließlich erkennbar höhnisch Beifall in Brychs Richtung. Wenn man den Wortlaut im Regelwerk buchstabengetreu auslegt, wäre sogar eine glatt Rote Karte in Betracht gekommen. Denn diese Sanktion ist vorgesehen, wenn es zu einem "absichtlichen Verlassen der eigenen technischen Zone" kommt, "um gegenüber einem Spieloffiziellen" - also dem Referee oder einem Assistenten - "zu protestieren oder sich bei diesem zu beschweren".

imago42905416h.jpg

Das ging fix: Schiedsrichter Brych zückt erst Gelb, dann Gelb-Rot. Der bestrafte Trainer Schwarz (3.v.l.) zetert.

(Foto: imago images/Thomas Frey)

Auch das Betreten des Spielfelds durch einen Teamoffiziellen, um "einen Spieloffiziellen zur Rede zu stellen" oder "einen Spieloffiziellen zu beeinflussen", wird in den Regeln als Beispiel für Vergehen genannt, in denen eine Rote Karte fällig ist, auch nach dem Schlusspfiff. Die sportliche Leitung der Bundesliga-Schiedsrichter hat den Unparteiischen vor der Saison allerdings Handlungsleitlinien mit auf den Weg gegeben, die eine nicht ganz so restriktive Auslegung des Regeltextes vorsehen. Darin heißt es beispielsweise, eine Rote Karte sei (nur) dann angebracht, wenn "die Aggressivität über das Maß eines respektlosen Verhaltens hinausgeht", "eine öffentliche Diskreditierung deutlich wird" oder der Schiedsrichter massiv bedrängt wird.

Brych hatte keinen Ermessensspielraum

*Datenschutz

Ein "normaler Umgangston" und ein "sachliches Kurzgespräch" dagegen sollten akzeptiert werden. Das heißt, die Übungsleiter in der Bundesliga mussten und müssen keineswegs eine übermäßige Strenge vonseiten der Schiedsrichter befürchten. Doch bei Sandro Schwarz hatte Felix Brych letztlich keinen Spielraum: Das sehr deutliche Betreten des Platzes um mehrere Meter in unfreundlicher Absicht musste - selbst wenn Schwarz davon ausging, dass das Spiel beendet ist - zwingend eine Verwarnung nach sich ziehen, das sarkastische Klatschen als separates und in den Regeln ausdrücklich erwähntes Vergehen ebenfalls. Das machte in der Summe eben Gelb-Rot.

Und das bedeutet, dass Sandro Schwarz seiner Mannschaft bei nächsten Bundesligaspiel in Paderborn fehlen wird. Bis vor dieser Saison zog der Verweis eines Trainers auf die Tribüne nicht unbedingt eine Zwangspause nach sich, das ist nun anders. Eine Gelb-Rote oder Rote Karte gegen einen Teamoffiziellen führt jetzt dazu, dass der Betreffende automatisch gesperrt wird. Das bedeutet: Ab 30 Minuten vor dem Anpfiff bis 30 Minuten nach Spielende darf Schwarz den Innenraum des Stadions nicht betreten, also auch nicht die Kabine. Jegliche Kontaktaufnahme mit der Mannschaft, ob unmittelbar oder mittelbar, ist ihm untersagt. Deshalb sucht er nun eine Lösung: "Man muss sich mit der Situation beschäftigen, wie das nächste Woche funktionieren soll."

In der vergangenen Saison wäre Sandro Schwarz für sein Verhalten vermutlich ebenfalls auf die Tribüne geschickt worden, nur eben per Fingerzeig. Nach sechs Spieltagen lässt sich als erstes Zwischenfazit jedenfalls festhalten: Die Einführung der Karten auch für Trainer und andere Teamoffizielle bewährt sich. Wo es vorher nahezu komplett im Ermessen des Unparteiischen lag, wann er einen Coach verbal anzählt und wann er ihn des Innenraums verweist, wird nun im Regelwerk an zahlreichen Beispielen erklärt, welches Fehlverhalten zu welcher Sanktion führt. Das sorgt für mehr Transparenz und Berechenbarkeit. Und die Referees setzen ihre Handlungsleitlinien sehr maßvoll um.

Was sonst noch wichtig war:

  • Als Amine Harit beim Spiel zwischen RB Leipzig und dem FC Schalke 04 (1:3) im Strafraum der Gastgeber nach einem Beinstellen des Leipzigers Amadou Haidara zu Fall kam, ließ Schiedsrichter Manuel Gräfe weiterspielen. Denn für ihn hatte es sich so dargestellt, dass Harit "auf den Kontakt gewartet hat und den Elfmeter ziehen wollte", wie er nach der Partie sagte. Video-Assistent Günter Perl schätzte diese Entscheidung jedoch als klaren und offensichtlichen Fehler ein, weshalb er Gräfe ein Review am Spielfeldrand empfahl. Der Referee schaute sich die Szene lange an, dann entschied er schließlich doch auf Strafstoß. Aber ist eine Entscheidung wirklich klar und offensichtlich falsch, wenn der Schiedsrichter am Monitor anderthalb Minuten benötigt, um sich endgültig festzulegen? Auch nach dem Spiel war Gräfe nicht völlig überzeugt: "Es gibt für mich immer noch Argumente zu sagen, dass der Schalker seinen Gegenspieler sucht. Er macht es auch geschickt. Aber der Verteidiger ist in dem Fall ungeschickter als der Stürmer geschickt."
  • Ohne Frage sprach mehr für einen Elfmeter als dagegen, doch das genügte eigentlich nicht für einen Eingriff des VAR. Warum Manuel Gräfe, der ja auch zögerte, dann nicht einfach nach dem Review bei seiner ursprünglichen Entscheidung blieb, erklärte er selbst so: "In dem Moment, in dem ich rausgehe, geht es nicht mehr darum, ob es eine klare Fehlentscheidung war, sondern darum, die richtige Entscheidung zu treffen." Das heißt: Ob ein offensichtlicher Fehler oder ein übersehenes Vergehen vorliegt, beurteilt der Video-Assistent. Ist das aus seiner Sicht der Fall, empfiehlt er dem Unparteiischen ein Review. Folgt dieser der Empfehlung - was er nicht muss, aber so gut wie immer tut -, bewertet er die fragliche Situation auf der Basis der Bilder neu.
  • Am Strafstoß, den es auf Intervention der Video-Assistentin Bibiana Steinhaus in der Partie von Fortuna Düsseldorf gegen den SC Freiburg (1:2) für die Gäste gab, konnte dagegen kein Zweifel bestehen, denn Rouwen Hennings hatte Nicolas Höfler im eigenen Strafraum abseits des Balles klar zu Boden gerissen. Die Hausherren hätten allerdings ebenfalls gerne einen Elfmeter bekommen, als Vincenzo Grifo seinem Mitspieler Christian Günter den Ball bei einem missglückten Befreiungsschlag aus kurzer Distanz gegen den Arm drosch und Referee Daniel Siebert weiterspielen ließ. Doch diesmal griff Steinhaus nicht ein, dabei hatte Günter seinen Arm über Schulterhöhe gehalten. Andererseits hatte er ihn nahe am Körper, und mit seiner Drehung aus der Schussbahn hatte er recht eindeutig das Ziel verfolgt, den Ball nicht mit der Hand zu spielen. Warum hätte er den Klärungsversuch seines Mitspielers (!) auch regelwidrig im eigenen Strafraum blockieren sollen? Dass es hier keinen Strafstoß gab, ist jedenfalls so sinnvoll wie nachvollziehbar.
  • Ein schwarzer Sonntag war's für den 1. FC Köln, der nicht nur sein Heimspiel gegen Hertha BSC mit 0:4 verlor, sondern auch seinen Innenverteidiger Jorge Meré durch einen Feldverweis. Meré hatte bei einem Konter der Gäste dem Berliner Vladimir Darida mit hoher Intensität und der offenen Sohle von vorne das Schienbein rasiert, von Schiedsrichter Sören Storks gab es dafür zunächst die Gelbe Karte. Denn das Foul hatte sich in der Wahrnehmung des Referees offenkundig zwar als rücksichtslos, aber nicht als brutal dargestellt. Die Bilder sprachen jedoch deutlich für eine Rote Karte, weshalb der Video-Assistent dann auch richtigerweise eingriff und Storks den Kölner nach dem Review vom Platz schickte.

Quelle: n-tv.de