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Tabellenführer RB entthront "Laktat-Junkies" stoppen Leipzigs Höhenflug

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Emil Forsberg fand nicht viel Positives am Auftritt von RB Leipzig.

(Foto: imago images/Hartmut Bösener)

RB Leipzig agiert beim 1:3 gegen Schalke erstmals in dieser Saison über ein ganzes Spiel hinweg unter Niveau. Nicht nur spielerisch, sondern auch was die Grundlagen angeht, zeigt RB Nerven. Ein Rückschlag bei Leipzigs Entwicklung zum Spitzenteam und Titelanwärter.

Emil Forsberg musste lange darüber nachdenken, was RB Leipzig an Positivem aus der 1:3 (0:2)-Niederlage gegen Schalke mitnehmen könne. Vielleicht die Mentalität, trotz 0:3-Rückstandes nach einer Stunde weiter auf den Anschlusstreffer zu drängen, der Forsberg mit einem Flatterball aus der Distanz schließlich gelang (84.)? Ein schwacher Trost, Trainer Julian Nagelsmann bezeichnete den Ehrentreffer - Leipzigs 200. Tor in der Bundesliga - als "Kosmetik". Mehr nicht.

An Leipzigs Pleite gegen die "Königsblauen", für RB im vierten Jahr im Oberhaus erst die neunte Bundesliga-Niederlage im eigenen Stadion überhaupt, war nichts zu deuteln. Das 1:3 war verdient, da waren sich alle einig. Schalke wuchs taktisch, mental und physisch über sich hinaus, während RB seine Leistungsgrenze deutlich verfehlte. "Ich war begeistert von dem Spirit, den die Jungs heute hatten, denen kam in den letzten fünf Minuten das Laktat aus den Augen. Das sind Laktat-Junkies", frohlockte S04-Trainer David Wagner. Über 124 Kilometer rannten die Schalker - Saisonrekord. Schon am RB-Strafraum drängten Guido Burgstaller & Co. die Leipziger zu Rückpässen zu Keeper Peter Gulacsi oder in Richtung Eckfahne wie ein Boxer seinen Gegner in die Ringecke.

Schalke verhindert Leipzigs Spielidee

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Wenn die Bälle dann im Mittelfeld ankamen, standen überall in Ballnähe schon die Schalker bereit, warfen sich in die Zweikämpfe und gewannen die entscheidenden. So fand RB nie in sein in dieser Saison modifiziertes Spiel: aktiver Spielaufbau durch die Innenverteidiger, klatschen lassen im Mittelfeld, schnelle Spielverlagerung und präzise Pässe in die gefährlichen Zonen kamen kaum zustande. "Wir haben viele Fehler gemacht, hatten einfache Ballverluste, haben Angriffe nicht zu Ende gespielt. Uns fehlten klare Entscheidungen im letzten Drittel ebenso wie im ersten Drittel", mahnte Spielmacher Forsberg, dem insbesondere in der ersten Hälfte selbst kaum etwas gelang.

Hinzu kam indisponiertes Abwehrverhalten bei Schalkes Treffern. Erst konnte Nordi Mukiele Schalkes Abwehrturm Salif Sané nicht am Kopfball nach einer Ecke hindern (29.). Dann traf Amadou Haidara Matchwinner Amine Harit am Fuß, was der kommunikative Referee Manuel Gräfe nach langer Überprüfung als Foulelfmeter wertete, den Harit selbst verwandelte (43.). Das 3:0 durch Rabbi Matondo nach einem Drei-gegen-Zwei-Konter und feinem Pass von Harit war der endgültige Todesstoß für RB (58.).

Noch nicht auf dem Level des FC Bayern

So war in diesem Spiel auch zu beobachten, dass RB nach dem Hype um die Tabellenführung in den vergangenen Wochen nicht auftrat wie ein Spitzenreiter, den Experten und Konkurrenten in die Rolle als Titelkandidat drängten. Schalkes Sportchef Jochen Schneider etwa, bis März selbst noch bei RB Leipzig, hatte der "Mitteldeutschen Zeitung" gesagt: "Ich traue RB Leipzig zu, in dieser Saison Deutscher Meister zu werden!" Bei RB hatten sie versucht, diese Rolle so gut es ging abzulehnen. Nun hat die Mannschaft sozusagen den Beweis geliefert, dass sie in der Tat noch Zeit braucht, um dauerhaft ganz oben vor dem FC Bayern zu stehen.

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Gegen Schalke war zu sehen, dass Leipzig hinsichtlich des spielerischen Selbstverständnisses ebenso wie der Chancenverwertung erstmals über ein ganzes Spiel hinweg unkonstant und unter Niveau agierte. Und das betraf auch die Grundlagen. Stürmer Yussuf Poulsen kritisierte deutlich: "Die Qualität fast aller Spieler war heute zu schwach. Wir hatten zu wenig Präsenz und Bereitschaft, zweite Bälle zu holen - wenn man nicht bereit ist, in jeden Zweikampf reinzugehen, wird es schwierig gegen Schalke." Und Forsberg ergänzte: "Gegen Schalke muss man 100-prozentig fokussiert sein, um zu gewinnen. Das hat heute gefehlt."

"Vier Spieler hinten zu parken, ist nicht so meine Welt"

Woran das kollektive Leistungstief lag - von der imponierend giftigen Leistung der Schalke einmal abgesehen - vermochte keiner der Protagonisten zu sagen. Doch auch im Kopf war RB nicht voll bereit für dieses Spiel und zeigte Nerven. Trainer Julian Nagelsmann analysierte sachlich, blieb gefasst und stellte sich schützend vor sein Team. "Ich gestehe meinen auch Jungs auch mal zu, dass nicht alle in jedem Spiel an ihr Leistungsoptimum kommen. Das ist ganz normal bei einer jungen Mannschaft. Da sind Schwankungen in der Tagesform gestattet und normal, aber es sollte nicht so oft sein", so der 32-Jährige.

Anders als in den vergangenen Spielen, als er in der Pause entscheidende Impulse geben konnte, vermochte diesmal auch Nagelsmann keine Wende herbeizuführen. Angesprochen auf Mukieles Ballverlust am gegnerischen Strafraum und das daraus resultierende 3:0 verteidigte der Chefcoach seine offensive Herangehensweise: "Vier Spieler hinten zu parken, ist nicht so meine Welt. Da werde ich mich auch in Zukunft für die mutigere Variante entscheiden."

So geht es nicht

Bleibt die Frage, wie RB mit der jähen Unterbrechung des Höhenfluges umgeht. "Es ist schon ein kleiner Rückschlag. Klar willst du den so weit wie möglich herauszögern, aber es ist menschlich, dass es mal eine Niederlage gibt", sagte Kapitän Orban. "Das tut weh, aber es sensibilisiert wieder, dass wir die Basics wieder bringen müssen: in den Zweikämpfen konsequenter und im Kopf gieriger."

Auf die Tabelle wollen sie beim Tabellenzweiten nun vor dem zweiten Champions-League-Spieltag am Mittwoch gegen Olympique Lyon noch weniger schauen als zuvor, sagte Forsberg: "Wenn wir gut spielen, sind wir auch oben dabei. Aber so wie gegen Schalke geht das nicht."

Quelle: n-tv.de

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