Collinas Erben

"Collinas Erben" klären auf Der VAR verwirrt und erzürnt Schalke

IMG_ALT

Die Schalker fühlen sich beim Spiel in Mainz vom Schiedsrichter und vom VAR in mehreren Situationen ungerecht behandelt. Bei genauerem Hinsehen bleibt aber nur ein Fehler übrig. Im Topspiel bleibt es derweil ruhig, was auch am Unparteiischen liegt.

Als die Partie des 1. FSV Mainz 05 gegen den FC Schalke 04 (2:2) beendet war, nutzte Jochen Schneider die Gelegenheit, um öffentlich seinen Unmut kundzutun. "Ich weiß nicht, was da in Köln los ist in dem Moment", sagte der Schalker Sportvorstand im Interview des Senders "Sky". Mit "Köln" meinte er das dort ansässige Video-Assist-Center, in dem Tobias Reichel bei dieser Partie als VAR von Schiedsrichter Patrick Ittrich eingeteilt war. An ihm entzündete sich die Kritik von Schneider, der fand: "Es reicht irgendwann." Schalke fühle sich "schlecht behandelt" und "benachteiligt".

af5ceedb5e7a8cc713ec6cd0efebb78b.jpg

So viel Zeit muss sein.

(Foto: imago images/Werner Schmitt)

In gleich vier engen Strafraumsituationen war eine Abstimmung zwischen Ittrich und Reichel erforderlich, keine dieser Situationen endete so, wie die Schalker sich das erhofft hatten. Mit drei Entscheidungen waren sie ausdrücklich nicht einverstanden, die erste davon traf der Unparteiische schon nach sechs Minuten. Einen harten Zweikampf im Schalker Strafraum zwischen Matija Nastasić und dem Mainzer Jonathan Burkardt hatte er als regelkonform bewertet, weshalb das Spiel zunächst weiterlief. Dann aber schaltete sich der Video-Assistent ein und empfahl ein On-Field-Review. Als Patrick Ittrich vom Monitor am Spielfeldrand zurückkehrte, erkannte er auf Strafstoß für die Mainzer.

Das konnte Schneider nicht nachvollziehen, denn das ursprüngliche Urteil des Referees war nach seinem Dafürhalten "keine krasse Fehlentscheidung". VAR Reichel hatte Ittrich auf etwas aufmerksam gemacht, das diesem auf dem Feld verborgen geblieben war: Einen schmerzhaften Tritt von Nastasić mit der Sohle auf den Knöchel und die Ferse von Burkardt, zu dem es zwar gewiss versehentlich gekommen war, doch die Absicht spielt bei Foulspielen nun mal keine Rolle. Was auf dem Feld nur schwer zu erkennen war, zumal sich der Zweikampf vor allem im Oberkörperbereich abgespielt hatte, zeigten die Bilder deutlich. Der Eingriff aus Köln war deshalb berechtigt. Daniel Brosinski nutzte den Strafstoß, um das Führungstor für Mainz 05zu erzielen.

Für den zweiten Mainzer Elfmeter sprach nichts

Noch stärker in Wallung brachte die Schalker der zweite Elfmeter für die Gastgeber kurz vor der Pause. Nach einem Laufduell zwischen Ozan Kabak und dem Mainzer Philippe Mateta ging der Stürmer der Hausherren im Strafraum zu Boden, Ittrich zögerte nicht und entschied erneut auf Strafstoß. Mateta trat selbst an und traf vom Punkt. "Wenn das ein Elfmeter ist: Wahnsinn", sagte Sportvorstand Schneider, und der Schalker Trainer Manuel Baum fand die Entscheidung "ungeheuerlich". Was in der Realgeschwindigkeit zumindest nach einem vertretbaren Pfiff aussah, wurde beim Betrachten der Wiederholungen immer zweifelhafter.

Einzig der kurze Kontakt an Matetas Oberschenkel, der mit einer leichten Berührung im Fußbereich einherging, ließe sich bei kleinlicher Regelauslegung womöglich als regelwidrig einstufen - doch beides hatte sich außerhalb des Strafraums zugetragen. Unmittelbar zuvor hatte Mateta überdies beim Versuch, sich Kabak vom Leib zu halten, seine Hand kurz in dessen Gesicht platziert. Kurzum: Für den Strafstoß sprach eigentlich nichts. Diesmal blieb es nach der Überprüfung in Köln jedoch bei der ursprünglichen Entscheidung, und es ist inhaltlich nachvollziehbar, dass die Schalker sich gewünscht hätten, dass der VAR auch hier interveniert.

Das tat er dann in der 50. Minute, nachdem Kabak das vermeintliche 2:2 erzielt hatte. Diesmal gab es keinerlei Dissens: Der Schalker hatte den Ball unmittelbar vor seinem Torschuss an den Arm bekommen, und weil ein Handspiel in einer solchen Situation seit der vergangenen Saison ausnahmslos immer strafbar ist, durfte der Treffer nicht zählen. Da Schiedsrichter Ittrich das Handspiel auf dem Feld aber nicht wahrgenommen hatte, griff VAR Tobias Reichel ein, woraufhin das Tor zu Recht annulliert wurde - ohne vorheriges On-Field-Review durch den Unparteiischen. Denn die Strafbarkeit des Handspiels musste nicht erst bewertet werden, sie stand automatisch fest, weil sofort danach ein Tor erzielt wurde.

Mit zweierlei Maß gemessen?

Zur vierten Situation, die den Schalker Zorn erregte, kam es nach 84 Minuten, als Goncalo Paciencia von der linken Seite mit dem Ball in den Mainzer Strafraum eindrang. Moussa Niakhaté hielt und zupfte im Kampf um die Kugel ein wenig am Trikot des Schalkers und eroberte den Ball schließlich mit dem linken Fuß; in diesem Moment ging Paciencia mit reichlich Theatralik zu Boden. Dass das Halten ursächlich für den Sturz war, darf man bezweifeln, und die Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) haben erst kürzlich noch einmal darauf hingewiesen, dass ein geringfügiges Halten, mit dem der Gegner nicht wesentlich an der Fortbewegung gehindert wird, nicht geahndet werden soll.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass Patrick Ittrich weiterspielen ließ, war daher zu vertreten, daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Vorgang des Haltens recht offensichtlich war. Ein Strafstoß wäre zwar keine gänzlich abwegige Entscheidung gewesen, aber eine unangemessen harte. Für den Video-Assistenten bestand jedenfalls kein Anlass einzugreifen. Trotzdem schäumten die Schalker, was vor allem daran gelegen haben dürfte, dass sie zuvor ihrerseits genau einen solch unangemessen harten Elfmeter hatten hinnehmen müssen - und nun der Ansicht waren, dass mit unterschiedlichem Maß gemessen wurde.

Da eine Konzessionsentscheidung für den Schiedsrichter aber immer eine schlechte Idee ist - weil er damit keinen Fehler ausbügelt, sondern lediglich einen weiteren begeht - und deshalb ausschied, lag der Knackpunkt letztlich bei der zweiten Strafstoßentscheidung für die Mainzer und hier vor allem beim ausgebliebenen Eingriff des VAR. Bei den anderen strittigen Szenen passte sowohl die Kooperation zwischen Referee und Video-Assistent als auch die jeweilige finale Entscheidung. Das sollte in all der Aufregung nicht vergessen werden.

Was sonst noch wichtig war:

  • Auch im Spiel RB Leipzig - SC Freiburg (3:0) sorgte eine Elfmeterentscheidung für Diskussionen, nämlich jene für die Gastgeber in der 67. Minute beim Stand von 1:0: Als Nicolas Höfler im eigenen Strafraum leicht die Ferse von Christopher Nkunku streifte und der Leipziger daraufhin zu Boden ging, erkannte Schiedsrichter Felix Zwayer auf Strafstoß. Dass die anschließende Überprüfung durch den Video-Assistenten recht lange dauerte, hatte einen nachvollziehbaren Grund: Der Kontakt war weniger eindeutig, als es in der Realgeschwindigkeit anmutete. Am Ende entschied sich der VAR gegen einen Eingriff, weil Zwayers Urteil zwar grenzwertig hart, aber nicht klar und offensichtlich falsch war - und die Video-Assistenten nicht dazu da sind, zur besseren von zwei möglichen Entscheidungen zu verhelfen. Selbst wenn für diese bessere Entscheidung deutlich mehr spricht.
  • Über zwei Unparteiische sprach an diesem Spieltag kaum jemand, dabei hätten es beide redlich verdient gehabt: Manuel Gräfe leitete das Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München (2:3) gewohnt souverän, mit bemerkenswerter Leichtigkeit, herausragender Akzeptanz und wohltuender Großzügigkeit. Für dieses anspruchs- und niveauvolle Fußballspiel war der 47-jährige Berliner in seinem 276. Einsatz als Schiedsrichter im Oberhaus die perfekte Wahl. In der Begegnung Union Berlin - Arminia Bielefeld (5:0) feierte derweil Matthias Jöllenbeck sein Debüt als Bundesliga-Referee. Der klare Spielverlauf erleichterte dem 33-Jährigen, im Hauptberuf Arzt, zweifellos seinen Einstand. Doch er überzeugte ungeachtet dessen mit Ruhe, Selbstbewusstsein, einem guten Spielverständnis und einem gelassenen Umgang mit den Akteuren.

Quelle: ntv.de