Sport
Bayerns Arturo Vidal profitierte bei seinem Einsteigen gegen Aymane Barkok vom Nicht-Eingreifen des Videoassistenten.
Bayerns Arturo Vidal profitierte bei seinem Einsteigen gegen Aymane Barkok vom Nicht-Eingreifen des Videoassistenten.(Foto: imago/Jan Huebner)
Montag, 11. Dezember 2017

"Collinas Erben" seufzen: Der Videobeweis bleibt ein Rätsel

Von Alex Feuerherdt

Im verschneiten Köln lässt Schiedsrichter Robert Kampka ein wenig Romantik in der Fußball-Bundesliga aufkommen. Die Kollegen in Leverkusen, Mönchengladbach und Frankfurt dagegen sorgen für Kopfschütteln. Grund ist wieder der Videobeweis.

Hört man sich unter langjährigen Fußballfans um, dann finden sich viele, die es bei aller Begeisterung für die Bundesliga zumindest ein bisschen bedauern, dass sich das Profigeschäft so weit vom Fußball an der Basis entfernt hat, dass es so durchgestylt, so technisiert, so auf Makellosigkeit angelegt ist. Doch manchmal gibt es selbst in der deutschen Eliteliga noch Momente, in denen etwas völlig Unvorhergesehenes geschieht. Etwas, das man sonst nur aus den Niederungen der Amateurspielklassen kennt und über das man bei allem heiligen Ernst doch schmunzeln muss. So wie am Sonntagnachmittag in der Partie des 1. FC Köln gegen den SC Freiburg (3:4), nachdem der exzellente Schiedsrichter Robert Kampka in der 14. Minute auf Strafstoß für die Gastgeber entschieden hatte.

Ja, wo isser denn, der Punkt?
Ja, wo isser denn, der Punkt?(Foto: imago/Moritz Müller)

Denn als Sehrou Guirassy den Ball auf den Elfmeterpunkt legen wollte, suchte er vergeblich die Markierung. Auf dem verschneiten Feld war sie nicht mehr zu erkennen. Die Begrenzungslinien hatte man zwar rot eingefärbt, die Strafstoßmarke aber war offenbar vergessen worden. Also behalf sich der Unparteiische notgedrungen so, wie es seine Kollegen in der Kreisliga tun, wenn der Platzwart den Punkt nicht abgekreidet hat: Er ging zur Torlinie und maß die Entfernung von dort aus mit elf Schritten selbst ab. Als die Freiburger kurz vor Schluss an derselben Stelle gleich zwei Strafstöße zugesprochen bekamen, war das übrigens nicht mehr nötig: Der Schnee war inzwischen geschmolzen, und so kamen wenigstens die Überreste der alten Elfmetermarke zum Vorschein.

Kein Thema war bei dieser Begegnung der Videobeweis, und das trotz gleich drei Strafstoßentscheidungen, die jedoch allesamt rasch vom Video-Assistenten bestätigt wurden. Anders sah es in Mönchengladbach aus, wo Referee Sascha Stegemann im Spiel der Borussia gegen den FC Schalke 04 (1:1) nach 40 Minuten einen Elfmeter für die Hausherren gab, nachdem Lars Stindl von Naldo gefoult worden war. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Video-Assistenten lief der Schiedsrichter in die Review Area am Spielfeldrand; als er zurück auf den Platz kam, nahm er den Strafstoß zurück und erkannte auf Freistoß für die Schalker.

Durfte sich der Mann in Köln einschalten?

Die Verwunderung war groß, schließlich konnte es eigentlich keinen Zweifel daran geben, dass Naldos Tackling elfmeterwürdig war. Stegemann korrigierte sich allerdings aus einem ganz anderen Grund: Bei der Balleroberung Sekunden vor dem Elfmeterpfiff hatte der Gladbacher Oscar Wendt seinen Gegenspieler Daniel Caligiuri mit einem Rempler zu Boden befördert, der Referee hatte jedoch weiterspielen lassen. Ein Fehler, wie der Video-Assistent meinte - und der Schiedsrichter nach Betrachten der Bilder ebenfalls.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Aber durfte der Mann an den Monitoren in Köln überhaupt eingreifen? Grundsätzlich ja - nicht nur nach Toren, sondern auch nach Elfmeterentscheidungen überprüft er automatisch, ob sich im Laufe des Angriffs, der dem Treffer oder dem Strafstoßpfiff vorausging, ein ungeahndetes klares Vergehen des angreifenden Teams ereignet hat. Wenn ja, muss das Tor respektive der Elfmeter zurückgenommen werden.

Doch war es wirklich ein eindeutiges Foul von Wendt gegen Caligiuri? Hatte der Unparteiische nicht eigentlich eine gute Sicht auf den Zweikampf und sich deshalb ganz bewusst entschieden, die Partie nicht zu unterbrechen? Sascha Stegemann selbst sagte nach der Begegnung dem "Kicker" zufolge: "Auf dem Spielfeld war es für mich ein grenzwertiger Zweikampf, bei dem es aber noch im Rahmen des Vertretbaren lag, ihn weiterlaufen zu lassen. Daraufhin hat der Video-Assistent Kontakt aufgenommen und mir mitgeteilt, dass das ein Foul an Caligiuri gewesen sei. Ich bin daraufhin in die Review Area gegangen und habe mir die Situation angesehen. Dort hatte ich natürlich einen anderen Blickwinkel als auf dem Spielfeld. Ich bin dann auch zur Erkenntnis gekommen, dass es wie vom Video-Assistenten erwähnt ein klares Foul an Caligiuri war."

Nach wie vor uneinheitliche Anwendung

Legt man die vom DFB unlängst noch einmal bekräftigte Definition zugrunde, nach der ein eindeutiger Fehler immer dann vorliegt, wenn der Unparteiische seine Entscheidung nach Ansicht der Bilder ändern würde, dann haben Stegemann und der Video-Assistent richtig gehandelt. Dennoch sorgt der Videobeweis weiterhin für hitzige Debatten und lässt so manchen unzufrieden zurück, weil eine Ein- und Abgrenzung des Kriteriums "klare Fehlentscheidung" in der Praxis immer noch oft schwerfällt und es deshalb nach wie vor uneinheitlich gehandhabt wird, wann der Video-Assistent eingreift und wann er sich heraushält – auch in Situationen, bei denen ein Vergleichsmaßstab existiert.

So kam der Stuttgarter Santiago Ascacibar im Spiel gegen Bayer 04 Leverkusen für seinen Sprung mit den Stollen auf das Sprunggelenk von Julian Brandt mit der Gelben Karte davon, weil sich die Video-Zentrale in Köln nicht einmischte, während der Leverkusener Wendell eine Woche zuvor für ein ähnliches Vergehen gegen den Dortmunder Gonzalo Castro auf Intervention des Video-Assistenten des Feldes verwiesen worden war. Auch in Frankfurt griff der Video-Assistent nicht ein, als Bayerns Arturo Vidal schon nach fünf Minuten die "Notbremse" gegen Aymane Barkok zog, von Schiedsrichter Harm Osmers jedoch nur mit einer Verwarnung bedacht wurde. Dabei war der Fall sogar klarer als vor zwei Wochen in Augsburg, wo der Wolfsburger Maximilian Arnold von Referee Tobias Stieler nach dessen Gang in die Review Area die Rote Karte wegen der Verhinderung einer klaren Torchance gezeigt bekommen hatte. Vor dem Eingriff des Video-Assistenten hatte Stieler nur eine Verwarnung ausgesprochen.

Gut war dagegen die Kooperation von Referee Osmers mit seinem Helfer an den Bildschirmen nach dem Platzverweis für den Frankfurter Marius Wolf in der 72. Minute. Wolf hatte James zwar mit einer Grätsche von hinten zu Boden gebracht, doch die Intensität des Fouls war eher gering, zudem wurde der Münchner nicht gesundheitsgefährdend getroffen. Es lag zwar ein rücksichtsloses, aber kein brutales Vergehen vor. Dass die Rote Karte deshalb vom Video-Assistenten als klarer und somit korrekturbedürftiger Fehler eingestuft und vom Schiedsrichter nach dem Betrachten der Wiederholung am Spielfeldrand in eine Gelbe Karte umgewandelt wurde, war nachvollziehbar. Es war das erste Mal in der Bundesliga, dass ein Platzverweis aufgrund des Videobeweises revidiert wurde.

Verwunderung in Leipzig

Gleich dreimal zog Patrick Ittrich in der Begegnung zwischen RB Leipzig und dem 1. FSV Mainz 05 (2:2) den Video-Assistenten zu Rate. Zunächst in der 36. Minute, nachdem der Mainzer Gerrit Holtmann kurz vor dem Leipziger Strafraum in einem Zweikampf mit Stefan Ilsanker in aussichtsreicher Position zu Fall gekommen war. Der Unparteiische hatte kein Foul erkannt und daher weiterspielen lassen, bevor er, als der Ball kurz darauf ins Seitenaus gespielt wurde, in Kontakt mit dem Video-Assistenten trat und anschließend die Review Area nutzte. Am Ende gab es einen Freistoß für die Gäste und die Gelbe Karte für Ilsanker. Darüber wunderten sich manche: Durfte es hier überhaupt zum Videobeweis kommen? Und wenn ja, warum?

Ittrich selbst erklärte nach dem Spiel, es habe der Verdacht bestanden, dass er eine "Notbremse" – also ein platzverweiswürdiges Vergehen – des Leipzigers übersehen hatte. Deshalb sei ein Review vorgenommen worden. Der Verdacht bestätigte sich nicht, allerdings zeigten die Bilder ein klares, verwarnungswürdiges Foul von Ilsanker. Und das musste entsprechend geahndet werden. Zwar darf der Video-Assistent prinzipiell nicht eingreifen, wenn eine Gelbe Karte zu Unrecht nicht gezeigt wird. Findet aber eine Prüfung statt, weil womöglich eine rotwürdige Regelübertretung nicht sanktioniert worden ist, dann kann auch eine Verwarnung dabei herauskommen. In Leipzig musste außerdem auf Freistoß entschieden werden, weil der Schiedsrichter trotz des Fouls weiterspielen lassen hatte.

Bei den anderen beiden Situationen, in denen es zum Kontakt zwischen dem Referee und dem Video-Assistenten kam, ging es um Strafraumszenen: In der Nachspielzeit der ersten Hälfte schaute sich Ittrich selbst noch einmal am Monitor an, ob seine Elfmeterentscheidung für die Leipziger korrekt war. Kurz vor dem Schlusspfiff wiederum besprach er mit seinem Kollegen in Köln, ob es klar falsch war, nach dem Zweikampf zwischen dem Mainzer Philippe Gbamin und Timo Werner im Strafraum der Gäste keinen weiteren Strafstoß für die Hausherren zu geben. In beiden Fällen blieb er bei seiner ursprünglichen Entscheidung, was allemal vertretbar war. Warum er aber im einen Fall die Review Area aufsuchte und im anderen Fall der Einschätzung des Video-Assistenten unbesehen folgte, obwohl sich die Spielszenen ähnelten, war nicht ersichtlich. Auch das zeigt, dass es an einer einigermaßen einheitlichen Linie bei der Praxis des Videobeweises weiterhin fehlt.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de