Sport
Donnerstag, 11. Januar 2018

"Collinas Erben" urteilen: Der Videobeweis krankt auch am DFB

Von Alex Feuerherdt

Der Videobeweis ist das Dauerthema der Fußball-Bundesliga-Hinrunde. Die Erwartungen sind hoch - entsprechend schwer fallen Fehler und Ungereimtheiten ins Gewicht. Torpediert wird die Testphase aber auch vom DFB selbst.

Eines lässt sich ein knappes halbes Jahr nach der Einführung der Video-Assistenten in der Bundesliga unzweifelhaft feststellen: Die im Vorfeld vielfach geäußerte Vermutung, dass es künftig kaum noch Diskussionen über die Schiedsrichter und ihre Entscheidungen geben wird, hat sich als falsch erwiesen. Das Gegenteil ist der Fall - der Videobeweis selbst war an fast jedem Spieltag der Hinrunde ein bestimmendes Thema.

Patrick Ittrich nutzt die Möglichkeit der "Reviewzone" im letzten Hinrundenspiel des FC Bayern in Stuttgart.
Patrick Ittrich nutzt die Möglichkeit der "Reviewzone" im letzten Hinrundenspiel des FC Bayern in Stuttgart.(Foto: imago/MIS)

Das haben vor allem zwei Faktoren wesentlich begünstigt: zum einen die lange Zeit äußerst sparsame Kommunikation vonseiten der verantwortlichen Schiedsrichter-Funktionäre und die damit zusammenhängende mangelnde Transparenz, die für Unsicherheit bei Klubs, Fans und Medien sorgte und zu viel Raum für falsche Interpretationen schuf. Zum anderen aber auch die überaus hohen Erwartungen einer Öffentlichkeit, die davon ausging, dass schon alles perfekt laufen wird, und Fehler sowie Ungereimtheiten teilweise extrem aufgebauscht hat.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Ernstfall lässt sich nicht simulieren

Zu dieser Erwartungshaltung hat allerdings auch der DFB selbst beigetragen. Denn dessen Projektleiter Videobeweis, der inzwischen abgelöste Hellmut Krug, hatte zu Saisonbeginn vollmundig versprochen, in der Liga werde die Kooperation zwischen den Referees auf dem Feld und ihren Kollegen an den Monitoren erheblich besser laufen als beim Confed Cup in Russland. Dort waren viele Unparteiischen mit der Neuerung erkennbar überfordert. Die Bundesliga-Schiedsrichter dagegen hielt Krug dank der einjährigen Vorbereitung für bestens präpariert. Doch schnell stellte sich heraus, dass man mit Trockenübungen und Testspielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit nur bedingt den Ernstfall simulieren kann.

 

Der Druck für die Unparteiischen und ihre Video-Assistenten ist um ein Vielfaches größer, wenn ungeduldige Spieler und tobende Fans in einem ausverkauften Stadion auf das endgültige Urteil in einer womöglich spielentscheidenden Situation warten und Millionen von Fernsehzuschauern bereits mehrere Zeitlupen gesehen haben. Außerdem kommen unter Wettkampfbedingungen viele Blickwinkel und öffentliche Reaktionen hinzu. Mit denen waren weder die Schiedsrichter noch ihre sportliche Leitung während der sogenannten Offline- und Pre-Live-Tests konfrontiert. Diese lassen sich nur eingeschränkt kalkulieren - beeinflussen aber die Debatte.

Die Fans in den Stadien werden allein gelassen

Die Ansichten zum Videobeweis gehen dabei weit auseinander, und jede kann Legitimität für sich beanspruchen. Die Klubs etwa sind längst zu Unternehmen im Business namens Fußball geworden, ihr Interesse ist es deshalb, Risiken und Unwägbarkeiten so weit wie möglich zu minimieren. Zu diesen Risikofaktoren gehören - bei aller Professionalität - auch die Schiedsrichter. Genau deshalb wurde der Videobeweis eingeführt: Die Gefahr, dass die Unparteiischen mit einem nachweislich klaren Fehler entscheidenden Einfluss auf den Ausgang eines Spiels und im ungünstigsten Fall sogar auf den Saisonverlauf nehmen, soll drastisch reduziert werden. Trotz aller Kritik werden die Bundesligisten deshalb die Tatsache, dass die Video-Assistenten bei ihren „Empfehlungen zur Entscheidungsumkehr“, wie die Interventionen offiziell genannt werden, in der Hinrunde nach Einschätzung des DFB auf eine Trefferquote von über 75 Prozent kamen, als Erfolg werten.

Eine andere Perspektive haben die Fans in den Stadien. Weil dort bei einem Videobeweis keine Bilder gezeigt werden, können sie oft nur raten, warum eine Szene überprüft und eine Entscheidung gegebenenfalls geändert wird. Das ist besonders nach Toren nervenzehrend und sorgte in der Hinrunde häufig für Unmut, der sich bisweilen sogar in Transparenten („Videobeweis abschaffen!“) und Sprechchören gegen den DFB („Ihr macht unseren Sport kaputt!“) niederschlug. Inzwischen scheint das International Football Association Board (Ifab) jedoch begriffen zu haben, dass das ein Problem ist: Im Dezember des vergangenen Jahres gaben die obersten Regelhüter bekannt, dass die zu einem Videobeweis gehörenden Sequenzen künftig auch auf den Videowänden in den Arenen gezeigt werden dürfen. Bislang lautete die Empfehlung, auf der Anzeigetafel lediglich einen schriftlichen Hinweis zu veröffentlichen, dass gerade ein Videobeweis vorgenommen wird. Allerdings entschied die DFL jüngst, dass aufgrund technischer Probleme auch in der Rückrunde keine strittigen Szenen auf den Stadionleinwänden gezeigt werden.

Dass die Zuschauer im Stadion im Unklaren gelassen, an den heimischen Bildschirmen dagegen mit Zeitlupen und Erklärungen versorgt werden, macht eine Prioritätensetzung deutlich, die längst nicht allen gefällt. Als "reines Zugeständnis an die Sehgewohnheiten der Fernsehzuschauer" hat beispielsweise Anke Gröner, Kunsthistorikerin und Werbetexterin sowie Fan des FC Augsburg, in einem lesenswerten Artikel den Videobeweis kritisiert.

Tatsächlich ist der Profifußball in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten trotz voller Stadien immer mehr zu einem TV-Sport geworden, schon lange nehmen die Klubs mehr Fernseh- als Eintrittsgelder ein. Gröner warnt mit einer Zuspitzung vor einer Entwicklung, die weiter zulasten des Stadionpublikums geht: "Dann können wir das Ganze auch gleich in leere Hallen verfrachten mit 30 Schiris auf allen Positionen, und man selbst konsumiert halt bequem auf dem Sofa im wohligen Bewusstsein, keine einzige Fehlentscheidung mehr sehen zu müssen."

Über Fehler wird mehr gesprochen als über Erfolge

Und die Schiedsrichter? Sie haben die Einführung der Video-Assistenten begrüßt, weil sie sich davon erhofft haben, deutlich seltener wegen eines Fehlers an den Pranger gestellt zu werden. Nüchtern betrachtet, wurde dieses Ziel bislang erreicht: 50-mal schlugen die Video-Assistenten in der Hinrunde die Änderung einer Entscheidung im Zusammenhang mit Toren, Strafstößen oder Roten Karten vor, wobei es in mehr als der Hälfte der Fälle um Elfmeter ging. 48-mal folgten die Referees auf dem Feld dieser Empfehlung, davon 11-mal nach Einschätzung der DFB-Schiedsrichter-Kommission Elite zu Unrecht. Zweimal blieb der Unparteiische richtigerweise bei seiner ursprünglich getroffenen Entscheidung. Daraus folgt, dass im Durchschnitt pro Spieltag mehr als zwei gravierende Fehlentscheidungen mithilfe der Video-Assistenten korrigiert wurden. Das ist eigentlich eine gute Bilanz.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen jedoch nicht die vielen Situationen, in denen der Video-Assistent richtig lag, sondern die wenigen, in denen er falsch handelte. Für besondere Aufregung sorgten dabei zum einen diejenigen Fälle, in denen der Video-Assistent sich zurückhielt, obwohl er hätte einschreiten sollen. So etwa am 12. Spieltag in der Partie zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und dem 1. FC Köln, als Schiedsrichter Felix Brych einen Strafstoß für die Gastgeber verhängte und von seinem Video-Assistenten Tobias Welz keine gegenteilige Empfehlung erhielt. Dabei zeigten die Bilder, dass Pablo De Blasis ohne jeden gegnerischen Kontakt im Kölner Strafraum zu Boden gegangen war. Der Elfmeter wurde verwandelt, die Mainzer gewannen das Spiel mit 1:0. Zum anderen gab es Ärger, wenn der Video-Assistent mit seinem Ratschlag zu einer falschen Entscheidung beitrug. So wie Brych am 4. Spieltag in der Begegnung Borussia Dortmund gegen 1. FC Köln: Er empfahl dem Unparteiischen Patrick Ittrich kurz vor der Pause, auf Tor für den BVB zu erkennen, obwohl das Spiel bereits durch einen Pfiff unterbrochen war, als der Ball die Torlinie überquerte.

Die Eindeutigkeit der Bilder ist eine Fiktion

Hinzu kommt, dass es für die Schiedsrichter und die Video-Assistenten schwierig ist, zu einer klaren Linie hinsichtlich der Antwort auf die Frage zu finden, wann eine Entscheidung so eindeutig falsch ist, dass sie eine Intervention des Helfers in der Kölner Video-Zentrale zwingend erforderlich macht. In Schwarz-Weiß-Situationen - also etwa bei der Prüfung, ob ein Tor aus Abseitsposition erzielt oder ein Foul innerhalb oder außerhalb des Strafraums begangen wurde - war das zwar kein Problem. Aber bei Szenen, die der Auslegung bedurften - beispielsweise Zweikämpfe und Handspiele im Strafraum oder Vergehen, bei denen sich die Frage stellte, ob sie feldverweiswürdig waren oder nicht -, führten vergleichbare Fälle nicht immer zur gleichen Konsequenz. Das Ifab hält die Eingriffsschwelle in der Bundesliga außerdem für zu niedrig und hat seine entsprechende Anweisung nun ergänzt: Eine Intervention des Video-Assistenten soll nur noch dann erfolgen, wenn der Schiedsrichter mit einer spielrelevanten Entscheidung nicht nur klar, sondern auch offensichtlich falsch liegt. "Wir wollen keine Video-Assistenten, die detektivisch arbeiten", sagte dann auch Lutz Michael Fröhlich, der Leiter der Schiedsrichter-Kommission Elite.

Ob sich mit dieser definitorischen Änderung in der Praxis mehr Einheitlichkeit herstellen lässt, ist allerdings zweifelhaft. Denn "die Eindeutigkeit des Bildmaterials ist eine hübsche Fiktion", wie Peter Körte in einem bemerkenswerten Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb. Die Beweiskraft von Kameraaufzeichnungen sei fragwürdig, "weil Evidenz eben immer von der Deutung der Bilder abhängt". Körte hat Recht: Unterschiedliche Kameraperspektiven können zu gegenteiligen Schlüssen führen. Gleiches gilt für unterschiedliche Geschwindigkeiten, in denen die Wiederholung einer Szene gezeigt wird. Zeitlupen zum Beispiel können verzerren und eine Handlung bewusster oder heftiger aussehen lassen als in Echtzeit. Manche Entscheidungen lassen sich nicht objektivieren, schon gar nicht unter immensem Zeitdruck. So kommt es, dass der eine einen eindeutigen Fehler sieht, wo für den anderen eine noch vertretbare Entscheidung vorliegt.

Umso wichtiger ist ein offensiver Umgang der sportlichen Leitung der Schiedsrichter mit dem Thema Videobeweis. Der Erklärungs- und Informationsbedarf ist bei dieser gravierenden Neuerung sehr groß, gerade weil es zu vielen Unklarheiten und Ungereimtheiten gekommen ist. Doch viel zu lange hat sich die Schiedsrichter-Kommission zurückgehalten und den Videobeweis als interne Angelegenheit der Referees behandelt, statt für Transparenz zu sorgen und so die Akzeptanz für das Projekt zu erhöhen. Der Tiefpunkt dieser desaströsen Kommunikationspolitik war ein Brief an die Bundesligisten, in dem eine Änderung der Praxis beim Videobeweis erst mehrere Wochen nach ihrer Einführung bekanntgegeben wurde. Erst nachdem Anfang November der Projektleiter Hellmut Krug durch Lutz Michael Fröhlich ersetzt wurde, besserte sich die Außendarstellung. Viel Luft nach oben bleibt diesbezüglich dennoch.

Quelle: n-tv.de