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(Foto: imago/Jan Huebner)
Montag, 29. Oktober 2018

"Collinas Erben" ächzen: Lewandowski lernt Regelwerk-Tücken kennen

Von Alex Feuerherdt

Noch nie werden in der Fußball-Bundesliga so viele Entscheidungen mithilfe des Video-Assistenten geändert wie an diesem neunten Spieltag. Die meisten Korrekturen sind letztlich unstrittig, doch nicht alle sind sofort nachvollziehbar.

Ein bisschen erstaunt waren sie an diesem neunten Spieltag der Fußball-Bundesliga beim FC Bayern schon, als Schiedsrichter Harm Osmers im Spiel beim 1. FSV Mainz 05 nach einer guten halben Stunde vom Video-Monitor am Spielfeldrand auf den Platz zurückkehrte und verkündete: Thiagos Treffer zum 1:0 für die Münchner zählt nicht, weil Robert Lewandowski zuvor ein Foul an Pierre Kunde begangen hat. Hatte der Unparteiische diesen Zweikampf nicht genau im Blick und als sauber bewertet? War diese Einschätzung wirklich eindeutig falsch? Überschritt der Video-Assistent nicht seine Kompetenzen, als er dem Referee dazu riet, die Entstehung des Tores in Augenschein zu nehmen?

Im Protokoll des International Football Association Board (Ifab) heißt es, dass der Video-Assistent nur intervenieren darf, wenn er einen klaren und offensichtlichen Fehler des Schiedsrichters identifiziert - und außerdem, wenn "ein schwerwiegender Vorfall 'übersehen', d. h. von den Spieloffiziellen nicht wahrgenommen wurde". Bei diesem Zusatz dürften die Regelhüter zwar in erster Linie an Ereignisse wie Tätlichkeiten hinter dem Rücken des Referees gedacht haben. Aber die Formulierung schließt auch Situationen ein, in denen der Unparteiische ein überprüfbares Vergehen nicht bemerkt, obwohl er seinen Blick auf die Szenerie gerichtet hat.

Beispielsweise, weil er bei einem Zweikampf seinen Fokus falsch ausgerichtet hat. Gerade wenn Schiedsrichter sich sehr nahe an einem Duell befinden, bei dem mit Händen und Füßen gearbeitet wird, können sie sich oft nur auf eine Körperregion konzentrieren. Also auf mögliche Vergehen im Bereich des Oberkörpers achten oder auf etwaige Verstöße mit den Füßen, aber nicht auf beides gleichzeitig. Gut möglich also, dass Harm Osmers beim Zweikampf zwischen Lewandowski und Kunde damit beschäftigt war, zu beobachten, was sich in der oberen Etage tat - nichts Regelwidriges nämlich -, weshalb ihm der heftige Fußeinsatz des Münchners entging. Anders ist der Eingriff von Video-Assistent Felix Zwayer kaum zu erklären. Sollte Osmers den Kontakt zwischen Lewandowskis und Kundes Fuß wahrgenommen und für regelgerecht erachtet haben, wäre das keine gravierend falsche Entscheidung gewesen.

Zweifelhafter Videobeweis in Hannover

In solchen Situationen gleicht der Video-Assistent seine Wahrnehmung mit jener des Schiedsrichters ab, und wenn sich dabei ergibt, dass Letzterer ein mögliches Vergehen überhaupt nicht bemerkt hat, empfiehlt ihm Ersterer ein On-Field-Review. Der diesbezüglich bekannteste Fall dürfte sich im WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien zugetragen haben, als der Ball im kroatischen Strafraum von Ivan Perišićs Arm ins Toraus sprang. Hätte der Unparteiische Néstor Pitana dieses grenzwertige Handspiel gesehen und als nicht strafbar beurteilt, wäre der Video-Assistent wohl nicht eingeschritten. Da Pitana es aber gar nicht wahrgenommen hatte, wurde ihm - weil ein Elfmeter im Bereich des Denkbaren lag - ein Review nahegelegt. Tatsächlich gab es dann auch den Strafstoß für die Franzosen.

Im WM-Finale entschied Schiedsrichter Pitana bei diesem Handspiel nachträglich auf Strafstoß.
Im WM-Finale entschied Schiedsrichter Pitana bei diesem Handspiel nachträglich auf Strafstoß.(Foto: imago/Fotoarena)

Lag der Fall im Spiel zwischen Hannover 96 und dem FC Augsburg (1:2) ähnlich, als die Gäste nach etwas mehr als einer Stunde und einer Intervention des Video-Assistenten einen Handelfmeter zugesprochen bekamen? Schiedsrichter Robert Kampka hatte aus guter Distanz und günstigem Blickwinkel beobachtet, wie Genki Haraguchi den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand gespielt hatte, und sofort abgewinkt. Dafür gab es nachvollziehbare Gründe: Haraguchi wollte den Ball wegschlagen und kam gegen Daniel Baier einen Tick zu spät, hatte aber bereits zum Schuss ausgeholt und seine Arme so gehalten, wie man sie hält, wenn man schießen will - sie stehen beim Schwungholen etwas vom Körper ab. Gegen einen dieser Arme flog nun der von Baier aus kurzer Distanz geschossene Ball. Dem ZDF zufolge sagte Kampka später, er habe bei der Betrachtung der Wiederholungen in der Review Area eine deutlich andere Wahrnehmung gehabt als noch auf dem Rasen. Das Handspiel habe er zwar gesehen, aber zunächst nicht als strafbar eingestuft. War das wirklich so eindeutig und so unzweifelhaft falsch, dass es eines Eingriffs des Video-Assistenten bedurfte? Das muss man sicherlich nicht so sehen.

Stärken bei Schwarz-weiß-Situationen

Fraglos geboten war hingegen die Intervention, die in der Partie zwischen der TSG Hoffenheim und dem VfB Stuttgart (4:0) nach nur acht Minuten zu einem Feldverweis für Emiliano Insua führte. Der Stuttgarter hatte seinen Gegenspieler Pavel Kadeřábek beim viel zu ungestümen und wenig vorausschauenden Versuch, den Ball zu erreichen, mit dem Fuß im Gesicht getroffen. Der gut postierte Schiedsrichter Frank Willenborg pfiff auch, zeigte jedoch überraschend keine Karte. Das änderte sich nach dem On-Field-Review. Warum es eine halbe Stunde später einen weiteren Eingriff des Video-Assistenten gab, erschloss sich dagegen weniger. Denn das Foulspiel von Santiago Ascacibar gegen den Hoffenheimer Florian Grillitsch war mit der Gelben Karte ganz gewiss nicht eindeutig falsch bestraft. Der Unparteiische blieb dann nach dem Betrachten der Bilder auch bei seiner Entscheidung.

Es gab an diesem Wochenende noch drei weitere Korrekturen, die mithilfe des Video-Assistenten zustande kamen. Damit wurden sechs Entscheidungen geändert, so viele wie noch nie an einem Spieltag. In Dortmund zeigten sich dabei in der Begegnung des BVB gegen Hertha BSC (2:2) gleich zweimal die besonderen Stärken des Videobeweises, die darin liegen, Fehler in Schwarz-weiß-Situationen - also in Szenen, bei denen es für den Schiedsrichter keinen Ermessensspielraum gibt - rasch aufzuklären. Es dauerte jeweils nur wenige Sekunden, dann stand fest, dass dem vermeintlichen Führungstor für die Hausherren in der 18. Minute eine Abseitsposition vorausgegangen war und dass das Foul von Fabian Lustenberger an Marco Reus nach 55 Minuten nicht im Strafraum, sondern außerhalb stattgefunden hatte.

Osako doch nicht im strafbaren Abseits

Auch bei der letzten Partie dieses Spieltags, in der Werder Bremen gegen Bayer 04 Leverkusen mit 2:6 unterging, verhinderte der Video-Assistent einen Fehler. Yuya Osakos Anschluss zum 2:3 war ursprünglich wegen der Abseitsstellung des Bremers annulliert worden, doch bei der Prüfung in der Video-Zentrale fiel auf, dass der Torschütze den Ball von einem Leverkusener erhalten hatte, nämlich Sven Bender.

Zwar hatte sich Osako schon bei der Flanke im Abseits befunden, doch Benders verunglückte Rettungsaktion wurde zu Recht nicht als unfreiwilliges Abfälschen, sondern als absichtliches Spielen des Balles bewertet. Damit war Osakos Abseitsstellung aufgehoben. Da Schiedsrichter Marco Fritz erst gepfiffen hatte, als der Ball schon im Tor lag, war eine Überprüfung und nachträgliche Anerkennung des Tores noch möglich.

Vom Spieltag bleibt die Erkenntnis: Mit dem Wissen, dass der Video-Assistent in überprüfbaren Situationen nicht nur bei offensichtlichen Fehlentscheidungen eingreift, sondern auch bei übersehenen potenziellen Vergehen, wird manch ein unverständlich anmutender Eingriff zumindest eher nachvollziehbar. Doch die Trennschärfe zwischen dem einen und dem anderen ist nicht besonders ausgeprägt, und manchmal ist eine Intervention auch schlicht unnötig. Transparenz täte hier Not, zumal sie bessere Akzeptanz schüfe.

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Quelle: n-tv.de