Collinas Erben

"Collinas Erben" zufrieden Transparente Schiris erfahren mehr Verständnis

IMG_ALT
imago1014384120h.jpg

"Schiri, das war doch strafbar", ruft BVB-Spieler Marius Wolf aus. Schiedsrichter Daniel Siebert erklärt daraufhin seine Sicht der Dinge. Auch vor den Kameras.

(Foto: IMAGO/Moritz Müller)

Die Unparteiischen in der Fußball-Bundesliga erklären neuerdings häufiger ihre Entscheidungen. Diese Offenheit ist gut, weil sie für mehr Verständnis sorgt - auch dann, wenn man den Ausführungen einmal nicht zustimmen mag. So wie bei einem Handspiel in Dortmund.

Es fällt positiv auf, wie sehr sich die Bundesliga-Schiedsrichter seit Saisonbeginn bemühen, manche erklärungswürdige oder strittige Entscheidung gegenüber der Öffentlichkeit zu erläutern. Erkennbar häufiger als zuvor sind sie bereit, sich nach einem Spiel in Interviews zu äußern, meist geschieht das gegenüber dem Fernsehen. Diese Transparenz ist gut, denn sie sorgt vielfach dafür, dass Überlegungen, Entscheidungsfindungen und Regelauslegungen der Spielleiter für das Publikum begreiflicher werden. Und selbst wenn man als Beobachter nicht jeder Erklärung vollumfänglich zustimmen mag - zumal als glühender und damit notwendig befangener Anhänger des Klubs, der sich vielleicht benachteiligt wähnt -, so tragen die Ausführungen der Unparteiischen doch zu mehr Verständnis für die Referees bei.

So stand beispielsweise Schiedsrichter Daniel Siebert am Freitagabend nach dem Abpfiff der Partie Borussia Dortmund - TSG 1899 Hoffenheim (1:0) Rede und Antwort zu einer Szene, die nach etwas mehr als einer halben Stunde die Gemüter der letztlich siegreichen Westfalen erhitzte. Deren Spieler Marius Wolf wollte im Strafraum der Gäste fast von der Grundlinie den Ball vor das Tor schlagen, doch der wenige Meter entfernt positionierte Hoffenheimer Ozan Kabak lenkte den Ball mit dem linken Unterarm ins Toraus. Siebert entschied auf Eckstoß für den BVB, dabei blieb es auch nach der Überprüfung dieser Szene durch den Video-Assistenten Christian Dingert in Köln.

Er habe, sagte der Unparteiische später, eine relativ gute Sicht auf die Szene gehabt, deren Ablauf er so beschrieb: "Wir sehen den Spieler Kabak, der die Arme auf dem Rücken verschränkt hat, also eigentlich alles dafür tut, um das Handspiel zu verhindern. Und dann geht die Hand ein bisschen raus, er will sozusagen diese Handposition lösen." Das sei für ihn, den Referee, nicht strafbar gewesen, schließlich sei die Hand "im Vergleich näher zum Körper gewesen, als dass sie weggestreckt war". Es bleibe damit nur noch die Frage zu beantworten: "Geht die Hand aktiv in die Flugbahn oder nicht?" Siebert verneinte: "Ich habe es eher so gesehen, dass der Spieler seine Armposition lösen möchte, um sich fortzubewegen." Das heißt: Der Schiedsrichter bewertete die Bewegung als natürlich und nicht als Versuch, den Ball aufzuhalten oder abzulenken.

Warum mehr für als gegen die Strafbarkeit von Kabaks Handspiel spricht

Zugleich räumte er ein, auch mit der Argumentation für eine Strafbarkeit des Handspiels von Kabak leben zu können. Für eine solche Bewertung gab es in der Tat gute Gründe: Der Ball kam für den Hoffenheimer nicht überraschend, dieser hatte ihm das Gesicht zugewandt, die auf dem Rücken verschränkten Arme waren ein weiteres Indiz dafür, dass er eine Hereingabe erwartete. Als Wolf den Ball schließlich abspielte, neigte sich Kabak leicht nach rechts - und löste den linken Arm just in dem Moment von seinem Rücken, als der Ball links an ihm vorbeizufliegen drohte. Er fuhr ihn nicht sehr weit aus, aber doch weit genug, um ihn in die Flugrichtung des Balles zu bringen und die Kugel dadurch ins Toraus abzulenken.

Nach dem Vorhaben, das Handspiel auf jeden Fall zu vermeiden und sich einfach nur fortzubewegen, sah das in diesem Moment nicht mehr aus, eher schon nach dem Versuch, sich breiter zu machen und damit die Trefferfläche für den Ball zu vergrößern. Bei der Bewertung von Handspielen gibt es zwar nach wie vor einen Ermessensspielraum, aber hier sprach doch sehr viel mehr für die Strafbarkeit, weshalb ein Strafstoß für Borussia Dortmund jedenfalls die deutlich bessere Entscheidung gewesen wäre. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die verlangsamte Wiederholung eine Handlung oftmals wesentlich bewusster erscheinen lässt, als sie es in der Realgeschwindigkeit war.

Kein "Sichtlinienabseits" beim dritten Frankfurter Tor

Auch Sieberts Kollege Felix Brych äußerte sich nach dem Spiel am Samstagabend zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig (4:0). Dabei ging es vor allem um den Treffer zum 3:0 für den Europa-League-Sieger in der 67. Minute. Nach einem Eckstoß für die Hausherren schoss Mario Götze aus zentraler Position aufs Leipziger Tor, den Schuss konnte Torhüter Peter Gulasci zwar parieren, aber der Ball kam so zu Tuta, der ihn aus kurzer Distanz einschob. Der Torschütze selbst war dabei nicht im Abseits, wohl aber Daichi Kamada, der sich zwischen Götze und Gulasci befand. Und nicht zum ersten Mal in dieser Saison stellte sich die Frage: War der Spieler in der Sichtlinie des Keepers, und versperrte er diesem dadurch den Blick zum Ball?

Mit den Fernsehbildern war das kaum aufzulösen, einige Perspektiven schienen dafür zu sprechen, während die Hintertorkamera eher den Schluss nahelegte, dass Gulasci freie Sicht hatte. Felix Brych erklärte schließlich im Interview des Senders Sky, warum er das Tor anerkannte und der VAR nicht intervenierte: Nach dem Regelwerk liege in einer solchen Situation nur dann ein strafbares Abseits vor, wenn sich ein Spieler klar und eindeutig in der Sichtlinie des Gegners befinde, sagte er. "Das haben wir nicht so bewertet, weil Peter Gulacsi den Ball eben die ganze Zeit gesehen hat." Der Schlussmann habe auch "ziemlich gut reagiert". Deshalb sei das Schiedsrichterteam davon ausgegangen, "dass er den Ball gesehen hat", und damit "war das ein Tor für uns". Eine nachvollziehbare Bewertung.

Uremović hält Demirović - und hat Glück

Eine knifflige Entscheidung hatte auch Schiedsrichter Harm Osmers in der Begegnung des FC Augsburg gegen Hertha BSC (0:2) nach 23 Minuten zu treffen. Da enteilte der Augsburger Ermedin Demirović mit dem Ball am Fuß nach einem Steilpass seinem Gegenspieler Filip Uremović, der ihn wenige Meter vor dem Strafraum der Gäste in zentraler Position durch ein Halten zu Fall brachte. Schiedsrichter Harm Osmers musste hier beurteilen, ob Uremović durch das Foulspiel eine offensichtliche Torchance verhindert, also die "Notbremse" gezogen hatte. Er entschied sich jedoch gegen einen Feldverweis und zeigte dem Herthaner lediglich die Gelbe Karte. Auch nach der Überprüfung der Entscheidung durch VAR Pascal Müller änderte sich daran nichts.

Mehr zum Thema

Es war eine äußerst schwierig zu bewertende Szene, denn ob der ebenfalls mitgelaufene Berliner Kapitän Marvin Plattenhardt ohne das Foulspiel seines Teamkollegen den Abschluss noch hätte verhindern können, lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen. Plattenhardt war zwar einerseits mit einigem Tempo unterwegs, und der Ball rollte ein kleines Stück in seine Richtung. Womöglich hätte er Demirović deshalb noch entscheidend stören können. Andererseits zog sich das Halten von Uremović über einige Meter hin und bremste den Augsburger schon vor dessen Sturz. Da war Plattenhardt noch ein Stück weiter entfernt als in jenem Moment, als Demirović fiel.

Die Fernsehbilder sprechen insgesamt eher für eine Rote Karte als für eine Verwarnung, aber sie widerlegen die Entscheidung des Unparteiischen auf dem Feld nicht eindeutig. Das Foulspiel nur als Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs zu bewerten und nicht als Vereitelung einer offensichtlichen Torchance, war daher zumindest kein klarer und offensichtlicher Fehler, sondern eine Entscheidung im Ermessensbereich von Harm Osmers. Dass der Video-Assistent nicht intervenierte, war deshalb korrekt - zumal auch ein On-Field-Review die Zweifel nicht beseitigt hätte. Bei einer Roten Karte hätte der VAR aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht eingegriffen. Bisweilen ist eben nicht nur eine Entscheidung möglich und vertretbar.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen