Sport
Montag, 29. Januar 2018

"Collinas Erben" kalibrieren: Wie der HSV von fehlender Linie profitiert

Von Alex Feuerherdt

Das Fernsehen zeigt, dass das Tor für den Hamburger SV in Leipzig aus Abseitsposition erzielt wurde. Der Video-Assistent greift aber nicht ein, was viele nicht verstehen können. Doch so unbefriedigend es ist: Die Gründe dafür sind nachvollziehbar.

Groß war die Aufregung im und nach dem 1:1 zwischen RB Leipzig und dem Hamburger SV an diesem 20. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Denn beim Ausgleichstreffer der Norddeutschen durch Filip Kostic in der 29. Minute befand sich der Torschütze im Moment des Zuspiels von Gideon Jung auf ihn im Abseits. So zeigten es jedenfalls alle Fernsehsender, die über die Partie berichteten, anhand einer von ihnen gezogenen Abseitslinie. Wie konnte es dann sein, so fragten viele, dass der Video-Assistent nicht einschritt? Er musste das Abseits doch auch auf seinem Bildschirm gesehen haben! Oder etwa nicht?

Tor ist, wenn die Linien nicht kalibriert sind: Filip Kostic.
Tor ist, wenn die Linien nicht kalibriert sind: Filip Kostic.(Foto: dpa)

Diese Frage führt zum Saisonbeginn. Seinerzeit wurde viel über die kalibrierten virtuellen Linien gesprochen - "kalibriert" heißt so viel wie "geeicht" -, die den Video-Assistenten zur Verfügung gestellt werden sollten, um Abseitspositionen exakt bestimmen zu können. Bei knappen Entscheidungen ist eine solche Akkuratesse unerlässlich, manchmal geht es um den Bruchteil einer Sekunde, um wenige Zentimeter. Doch bis heute können die Helfer in der Kölner Videozentrale nicht auf diese Markierungen zurückgreifen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Warum das so ist, hat Ansgar Schwenken, der für Fußball-Angelegenheiten zuständige Direktor der DFL, auf der Website seiner Organisation erläutert. Man werde "erst auf die sogenannte kalibrierte Linie zurückgreifen, wenn von Fifa und Ifab Versionen eines oder mehrerer Dienstleister zertifiziert wurden und zugelassen sind – ähnlich wie das vor Einführung der Torlinientechnologie der Fall war", sagte er. "Erst damit wären auch unsere eigenen, höchsten Qualitätsansprüche erfüllt, dass mithilfe der Linien tatsächlich in höchstem Maße verlässlich aufgelöst wird, ob eine Abseitsstellung vorliegt oder nicht." Mit einer solchen Zulassung noch im Laufe dieser Saison rechnet Schwenken aber "eher nicht mehr".

Das Pochen auf eine Lizenzierung erklärt, warum die Linien des Fernsehens nicht als Behelf taugen: Sie sind nicht kalibriert und können deshalb ungenau sein. Oft stimmen sie zwar, manchmal aber auch nicht, beispielsweise, wenn sie nicht akkurat entlang der Position und des für das Abseits relevanten Körperteils des vorletzten Abwehrspielers gezogen werden. Auch zeigen die Sender bisweilen nicht den exakten Moment, in dem der Ball abgespielt wurde, sondern halten das Bild einen Sekundenbruchteil zu früh oder zu spät an. Das aber kann zu einem falschen Eindruck führen. Kurzum: Die Fernsehlinien sind für den Videobeweis nicht zuverlässig genug. Manchmal suggerieren sie die richtige Entscheidung eher, als sie zu beweisen.

Nur noch eine Korrektur pro Spieltag

Die Video-Assistenten müssen deshalb ganz ohne Hilfslinien auskommen und sich auf ihre Augen verlassen, wenn sie anhand der Kamerabilder prüfen, ob einem Torerfolg eine strafbare Abseitsstellung vorausgegangen ist. Was aber, wenn diese Bilder nicht zweifelsfrei zeigen, ob ein Abseits vorliegt oder nicht? Wenn es also ohne zuverlässige Hilfsmittel nicht möglich ist, zu einem unanfechtbaren Urteil zu kommen? Dann gilt auch hier die Maxime: Wenn kein klarer, offensichtlicher Fehler des Schiedsrichters festzustellen ist, bleibt es bei der Entscheidung, die auf dem Platz getroffen wurde. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass Video-Assistent Robert Kampka nicht eingriff, als Schiedsrichter Benjamin Cortus den Treffer für den HSV anerkannte. Mit bloßem Auge war es für ihn nicht eindeutig zu erkennen, ob Kostic sich im Abseits befand.

Kein Tor: Schiedsrichter Bastian Dankert hat Video geschaut, Bremens Jérôme Gondorf wirkt ein wenig enttäuscht.
Kein Tor: Schiedsrichter Bastian Dankert hat Video geschaut, Bremens Jérôme Gondorf wirkt ein wenig enttäuscht.(Foto: imago/Jan Huebner)

Insgesamt setzte sich an diesem Wochenende die geänderte Linie fort, die Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich vor Beginn der Rückrunde für den Videobeweis vorgegeben hatte: Es kommt nun zu deutlich weniger Eingriffen durch die Video-Assistenten als vor der Winterpause. Gab es in der Hinrunde noch drei Korrekturen pro Runde, so wurde an den Spieltagen 18 bis 20 nur jeweils eine Entscheidung geändert. Diesmal betraf sie die Partie zwischen Werder Bremen und Hertha BSC (0:0), in der die Gastgeber nach zehn Minuten ein Tor erzielten, das zunächst auch zu zählen schien. Doch dann schaltete sich Video-Assistent Jochen Drees ein und empfahl Schiedsrichter Bastian Dankert, sich in der Review Area einen Zweikampf anzusehen, der sich bei der Entstehung des Treffers zugetragen hatte.

Dankert tat, wie ihm geheißen, und sah nun, was ihm auf dem Feld entgangen war: einen heftigen Ellenbogeneinsatz des Bremers Thomas Delaney gegen den Kopf von Fabian Lustenberger im Luftkampf. Das war ohne jeden Zweifel und Ermessensspielraum ein Foul, und es nicht geahndet zu haben, ein klarer und offensichtlicher Fehler. Zwar dauerte es anschließend noch geschlagene zwölf Sekunden, bis der Ball im Tor der Berliner lag, doch das Reglement ist diesbezüglich eindeutig: Geprüft wird nach jedem Torerfolg die gesamte Angriffsphase, an deren Ende der Treffer stand. Diese Angriffsphase beginnt, wenn die betreffende Mannschaft in Ballbesitz kommt und erkennbar auf das gegnerische Tor zuspielt. Ein zeitliches Limit gibt es dabei nicht, wesentlich ist vor allem, dass der Angriff vorwärtsgerichtet ist.

Zu Recht annullierte der Unparteiische in Bremen deshalb das Tor. Er entschied stattdessen auf Freistoß für Hertha an der Stelle, wo Delaney das Foulspiel begangen hatte. Außerdem wurde der Bremer verwarnt. Auch das war richtig: Sein Ellenbogencheck war rücksichtslos und konnte nachträglich mit einer Gelben Karte bedacht werden, weil am Ende eines Reviews stets die vollständig korrekte Entscheidung inklusive etwaiger persönlicher Strafen stehen muss.

Keine Intervention des Video-Assistenten gab es dagegen in drei strittigen spielrelevanten Situationen beim 2:0  der Frankfurter Eintracht gegen Borussia Mönchengladbach. Die erste davon trug sich nach einer halben Stunde zu, als Ante Rebic sich bei einem riskanten Tackling völlig verschätzte und nicht den Ball traf, sondern den Gladbacher Patrick Herrmann, und zwar mit den Stollen seitlich an dessen Fuß. Bei Fouls unterhalb von Sprunggelenk und Knöchel sollen es die Referees grundsätzlich bei einer Verwarnung belassen, es sei denn, dass andere Faktoren - etwa die Intensität und die Unvorhersehbarkeit des Angriffs - deutlich für einen Platzverweis sprechen. Schiedsrichter Marco Fritz entschied sich für eine Gelbe Karte.

Rot für Rebic wäre angemessen gewesen

Mit Blick auf die Wiederholungen der Szene wäre Rot jedoch angemessener gewesen. Rebic grätschte mit viel Schwung und außerdem von hinten, der Ball war zudem nicht mehr erreichbar. Nur mit Glück entging Herrmann einer Verletzung. Doch war Fritz‘ Entscheidung so klar und offensichtlich falsch, dass Video-Assistent Günter Perl hätte eingreifen müssen? Darüber lässt sich streiten. Womöglich wäre es zweckmäßig gewesen, wenn Perl dem Schiedsrichter - der von vorne auf die Szene schaute und deshalb keinen sonderlich günstigen Blickwinkel hatte - geraten hätte, sich in der Review Area selbst noch einmal ein Bild zu machen.

In zwei Strafraumszenen hielt sich der Video-Assistent dagegen zweifellos zu Recht bedeckt. Nach 64 Minuten legte der Frankfurter Kevin-Prince Boateng bei einem Eckstoß für die Gäste seine Arme um Jannik Vestergaard – und was dann geschah, könnte man frei nach Goethe mit "Halb zog er ihn, halb sank er hin" beschreiben. Für einen Strafstoß hätte es gute Argumente gegeben, doch er war gewiss nicht so zwingend, dass man Marco Fritz‘ Entscheidung, weiterspielen zu lassen, gänzlich abwegig finden musste. Dreizehn Minuten später gab es schließlich doch noch einen Elfmeter für die Gladbacher – und der war regeltechnisch eine Herausforderung.

Denn Boateng hatte Lars Stindl beim Schussversuch im Strafraum der Eintracht gar nicht selbst getroffen, sondern vielmehr seinen Fuß vor den Ball gebracht, während der Gladbacher ausholte. Dadurch blieb Stindl schließlich an Boatengs Bein hängen. Konnte man das dem Frankfurter zur Last legen? Ja - weil er nicht den Ball spielte, sondern seinen Fuß lediglich gebrauchte, um ein Hindernis zu bilden. Das ließ sich am ehesten mit einem Beinstellen vergleichen, bei dem der Gegner ebenfalls in eine Situation gebracht wird, in der er nicht mehr ausweichen kann, deshalb stolpert und zu Fall kommt. Der Strafstoß war deshalb vollauf berechtigt. Und Günter Perl brauchte sich ein weiteres Mal nicht einzumischen.

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Quelle: n-tv.de