Collinas Erben

"Collinas Erben" erklären Wie die halbautomatische Abseitserkennung funktioniert

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Auch die Schiedsrichter luden vor der WM zu einem Medientag ein.

(Foto: IMAGO/Xinhua)

Erstmals bei einer WM wird die halbautomatische Abseitstechnologie eingesetzt. Das VAR-Team besteht inklusive Operatoren aus gleich sieben Leuten. Und es ist ab dem Achtelfinale theoretisch möglich, in einem Spiel zweimal Gelb zu sehen, ohne das Feld verlassen zu müssen. Ein Überblick über wichtige Neuerungen und Regularien.

Halbautomatische Abseitserkennung: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien kam erstmals im Rahmen einer WM die Torlinientechnologie zum Einsatz, vier Jahre später beim Turnier in Russland waren es die Video-Assistenten. Nun ist die spektakulärste Neuerung, die den Unparteiischen in Katar helfen soll, die halbautomatische Abseitstechnologie. In der Champions League wird sie bereits seit Saisonbeginn eingesetzt, nun findet sie auch beim Turnier am Persischen Golf Verwendung

"Halbautomatisch" heißt: Die Abseitsstellung selbst sowie der Moment der Ballabgabe werden von der Technik präzise erfasst und an den Video-Assistenten übermittelt. Das ist der automatische Teil des Vorgangs. Der VAR überprüft sodann, ob tatsächlich ein strafbares Abseits vorlag, der in einer Abseitsposition befindliche Spieler also den Ball berührte, der von einem Mitspieler kam, oder einen Gegner beeinflusste.

Dieser Teil ist und bleibt weiterhin eine menschliche Aufgabe, zumal in manchen Situationen das Ermessen des Unparteiischen gefragt ist: Ob ein Angreifer im Abseits die Möglichkeit eines gegnerischen Akteurs, den Ball zu spielen oder spielen zu können, beeinträchtigt hat, ist eine Frage der Bewertung und nicht immer eindeutig. Eine Maschine kann sie daher nicht beantworten.

Zwölf zusätzliche Abseitskameras und ein Sensor im Ball

Beim Einsatz der halbautomatischen Abseitstechnologie entfällt die Notwendigkeit für den VAR, den genauen Augenblick des Abspiels zu ermitteln und danach manuell die Abseitslinien anzulegen, um zu überprüfen, ob eine Abseitsstellung vorgelegen hat. Beides ermittelt die Technik von selbst. Dazu werden in jedem WM-Stadion zwölf zusätzliche Kameras installiert, die 50-mal pro Sekunde zum einen den Ball und zum anderen bis zu 29 Körperstellen am Skelett jedes Spielers erfassen, um so deren genaue Position auf dem Spielfeld zu berechnen.

Die 29 Körperstellen umfassen alle Gliedmaßen und Extremitäten, die für Abseitsentscheidungen von Belang sind - also den Kopf, den Oberkörper, die Beine und die Füße, aber nicht die Arme und Hände. Im offiziellen Spielball der WM wird zudem ein Sensor eingebaut sein, der 500-mal pro Sekunde Ortungsdaten an den VAR überträgt. Dadurch lässt sich der Moment der Ballabgabe exakt feststellen.

Wenn die Entscheidung feststeht, werden dieselben Daten und Bilder, die für die Entscheidung genutzt wurden, zu 3-D-Animationen aufbereitet, in der die für die Position des Spielers und damit für die Entscheidung maßgeblichen Körperpartien zum Zeitpunkt des Abspiels veranschaulicht sind. Diese Animationen zeigen die bestmöglichen Perspektiven für eine Abseitssituation und lassen auf diese Weise deutlich werden, ob eine Abseitsposition vorlag. Sie werden nicht nur im Fernsehen, sondern auch auf den Großleinwänden in den Stadien eingeblendet.

In der Champions League funktioniert die Technik gut

Durch die halbautomatische Abseitstechnologie sollen mögliche Abseitspositionen nicht nur genauer ermittelt werden, als es manuell möglich ist, sondern auch in kürzerer Zeit. Die berechnete Abseitslinie und der Zeitpunkt der Ballabgabe stehen nach Angaben der FIFA "nahezu in Echtzeit zur Verfügung". Eine Abseitsüberprüfung durch den Video-Assistenten nach der Torerzielung sollte also schneller abgeschlossen sein, als das ohne diese Technologie der Fall ist. In der Champions League hat das bislang gut funktioniert.

Wichtig ist: Die halbautomatische Abseitstechnologie kann ein Abseits zwar rasch erkennen und an den VAR übermitteln. Dieser wird aber nur im Zusammenhang mit einer Torerzielung auf sie zurückgreifen. Denn er ist nicht befugt, sich einzuschalten, wenn es um ein Abseits geht, aus dem kein Treffer resultiert. Weiterhin sind es die Schiedsrichter und ihre Assistenten, die auf dem Feld die Bewertung von möglichen Abseitssituationen vornehmen. Der VAR schaltet sich lediglich ein, wenn sich bei der Überprüfung eines Tores herausstellt, dass ein strafbares Abseits vorliegt.

Ein VAR, vier Assistenten, zwei Operatoren

Video-Assistenten (VAR):Wie in der Bundesliga verfolgen die Video-Assistenten auch bei der WM in Katar die Spiele von einem zentralen Ort aus, nämlich in Doha. Doch anders als im deutschen Oberhaus sitzen nicht nur vier Personen vor den Monitoren, sondern gleich sieben: Der VAR kann auf bis zu vier Assistenten (AVAR) zurückgreifen, die ebenfalls Unparteiische sind, und auf zwei sogenannte Operatoren, die der Technikanbieter Hawk-Eye stellt.

Die Aufgaben sind dabei klar verteilt. Der VAR verfolgt die Partie vorwiegend auf einem Monitor, der die Perspektive der Führungskamera zeigt. Außerdem verfügt er über einen sogenannten Splitscreen, einen viergeteilten Bildschirm, auf dem weitere Kameraeinstellungen zu sehen sind. Das Bildmaterial stellen die Operatoren bereit, die dabei 42 Kamerapositionen im Auge haben, zwölf davon sind Zeitlupenkameras. Dazu kommen die erwähnten zwölf Kameras für die Abseitstechnologie und weitere 14 für die Torlinientechnik. Der VAR ist für die Kommunikation mit dem Referee zuständig.

Der erste Assistent des VAR ist dessen engster Kooperationspartner, er verfolgt zudem weiter die Führungskamera, falls der Video-Assistent gerade eine Szene bei laufendem Spiel überprüft. Der zweite Assistent ist ausschließlich für das Abseits zuständig und in dieser Frage spezialisiert. Der dritte AVAR soll das Übertragungsbild des Fernsehens verfolgen – ohne Ton, um vom Kommentator nicht abgelenkt oder beeinflusst zu werden – und darüber hinaus die Kommunikation zwischen dem VAR und dem für das Abseits zuständigen Assistenten begleiten. Der vierte Assistent ist ein "Stand-by-VAR". Er ist nicht in der Videozentrale in Doha, sondern in einem Raum am Stadion, und kommt zum Einsatz, wenn der Kontakt des VAR zum Schiedsrichter infolge eines Technikfehlers abreißen sollte. Dann springt er als VAR ein. Dazu steht ihm vor Ort eigene Technik zur Verfügung.

Gelbsperre fürs Finale nur im Ausnahmefall

Gelbe Karten: Die Verwarnungen und nicht verbüßten Gelbsperren aus der WM-Qualifikation werden nicht in die Endrunde übernommen. Während des Turniers gilt grundsätzlich: Nach jeder zweiten Gelben Karte ist der betreffende Spieler für die nächste Partie gesperrt. Nach dem Viertelfinale werden allerdings alle einzelnen Verwarnungen gelöscht. Das heißt: Wer im Viertelfinale die zweite oder vierte Gelbe Karte bekommt, ist im Halbfinale gesperrt, wer eine oder drei Verwarnungen auf dem Konto hat, geht unbelastet ins Semifinale.

Damit ist grundsätzlich gewährleistet, dass kein Spieler das Finale wegen einer Gelbsperre versäumt. Wer im Halbfinale Gelb-Rot oder eine Rote Karte sieht, ist im Endspiel allerdings nicht dabei. Generell gilt: Gelb-Rot führt zu einer Sperre von einem Spiel, über die Länge der Sperre nach einer Roten Karte entscheidet die Disziplinarkommission der FIFA. Das Minimum ist jedoch ebenfalls eine Partie.

Theoretisch möglich ist es ab dem Achtelfinale, zwei Gelben Karten in einem Spiel zu erhalten und nicht des Feldes verwiesen, aber trotzdem gesperrt zu werden: Wenn eine Begegnung ins Elfmeterschießen geht, werden die in diesem Spiel ausgesprochenen Verwarnungen nicht übernommen. Ein Spieler könnte also im Spiel eine Gelbe Karte sehen und im Elfmeterschießen eine weitere, ohne dafür Gelb-Rot zu bekommen.

Diese Regelung gilt für alle Spieler, wurde aber vor allem eingeführt, damit vorbelastete Torhüter, die einen Elfmeter abwehren und sich dabei wiederholt zu früh von der Torlinie bewegen, nicht allzu frühzeitig im Elfmeterschießen den Platz verlassen müssen. Wer im Elfmeterschießen die insgesamt zweite Verwarnung im Spiel erhält, kommt also ohne Gelb-Rot davon, ist aber dennoch in der nächsten Partie gesperrt - und könnte auf diese Weise ausnahmsweise doch mit einer Gelbsperre das Finale verpassen.

Bestraft die FIFA den Einsatz gegen Diskriminierung?

Auswechslungen: Jedes Team kann bis zu fünf Spieler in maximal drei Spielunterbrechungen einwechseln. Dabei zählen die Halbzeitpause, die Pause vor einer Verlängerung und die Unterbrechung zum Seitenwechsel in der Verlängerung nicht zu diesen Unterbrechungen, sie können also ebenfalls für Auswechslungen genutzt werden. Wenn es eine Verlängerung gibt, kann jede Mannschaft einen zusätzlichen Wechsel in einer weiteren Spielruhe durchführen. Wechselmöglichkeiten und Unterbrechungen, die in der regulären Spielzeit nicht genutzt wurden, können in der Verlängerung in Anspruch genommen werden. Vor und im Elfmeterschießen kann nur der Torwart ausgewechselt werden - vorausgesetzt, er hat sich verletzt oder ist anderweitig unpässlich und das Wechselkontingent ist noch nicht erschöpft.

Politische Botschaften: Nach den Fußballregeln sind politische, religiöse, persönliche oder kommerzielle Botschaften auf der Ausrüstung der Spieler nicht erlaubt, auch nicht auf den Unterziehhemden oder -hosen. Ein Verstoß führt allerdings grundsätzlich nicht dazu, dass der betreffende Spieler die Gelbe Karte erhält, sondern nur zu einem Vermerk im Spielbericht. Über etwaige Sanktionen, etwa eine Geldstrafe, entscheidet dann der Wettbewerbsveranstalter, in diesem Fall also die FIFA.

Mehr zum Thema

Bei der anstehenden WM könnte es durchaus dazu kommen, dass Spieler oder Teams mit dem Weltfußballverband in Konflikt geraten. Dänemark wollte in Katar auf seiner Trainingskleidung die Forderung "Menschenrechte für alle" tragen - doch die FIFA verbot es mit der Begründung, es sei eine politische Äußerung. Wie die Sportschau berichtet, hatten auch andere Nationalverbände ähnliche Anfragen wie die Dänen gestellt, die aber ebenfalls abschlägig beschieden wurden.

Die Kapitäne der deutschen Mannschaft und sechs weiterer europäischer Teams wollen eine Kapitänsbinde tragen, auf der ein buntes Herz und die Aufschrift "One Love" zu sehen sind. Damit soll ein Zeichen gegen Diskriminierung gesetzt werden. Ob die FIFA - die gerne hätte, dass die Kapitäne die von ihr zur Verfügung gestellten Binden tragen - auf diese Selbstverständlichkeit ähnlich negativ reagieren wird wie auf die Bitte, Trainingskleidung mit einem Plädoyer für die Menschenrechte versehen zu dürfen, steht noch nicht fest. Wenn ja, hätte dieses Turnier, das so kritisch gesehen wird wie keine WM zuvor, einen weiteren Skandal.

Quelle: ntv.de

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