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Wo sonst die Stimmung tobt, bleibt es am Wochenende ruhig - auf der Südtribüne.
Wo sonst die Stimmung tobt, bleibt es am Wochenende ruhig - auf der Südtribüne.(Foto: Federico Gambarini/dpa)
Dienstag, 14. Februar 2017

Köster über die leere Süd: Symbol der Ignoranz

Von Philipp Köster

Die Sperrung der Dortmunder Südtribüne ist falsch. Sie bestraft friedliche Fans und ist das Ergebnis einer vollends hysterischen und kenntnisfreien Debatte. Verständnis von Fankultur sieht anders aus.

Nun bleibt die Südtribüne also leer. Alle 25.000 Stehplätze, für ein Spiel, am Wochenende gegen den VfL Wolfsburg. Als Strafe für die Ausschreitungen gegen RB Leipzig. Dass Borussia Dortmund den Antrag des DFB-Kontrollausschusses ohne Verhandlung akzeptierte, markiert das Ende einer Woche, in der man oftmals den Eindruck bekommen konnte, in deutschen Stadien herrsche blanke Bürgerkrieg.

Zur Person: Philipp Köster

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Chefredakteur und Herausgeber des Fußballmagazins "11 Freunde". In seiner Kolumne "Kösters Direktabnahme" greift er jeden Dienstag für n-tv.de ein aktuelles Thema aus der Welt des Fußballs auf. Zudem ist er seit der Saison 2016/17 Bundesligaexperte von n-tv.

Zunächst einmal: Dass über Fangewalt und über geschmacklose Transparente diskutiert wird, haben sich die aktiven Fans selbst zuzuschreiben. Die Stein- und Flaschenwürfe auf friedliche Zuschauer, beleidigende Transparente quer über die Südtribüne - all das war inakzeptabel und menschenfeindlich und verdient im Fall der Ausschreitungen vor dem Stadion jede strafrechtliche Verfolgung. Man kann nur hoffen, dass wenigstens die polizeilichen Ermittlungen seriös und zeitnah zum Abschluss gebracht werden. Im Übrigen waren die Dortmunder Ausschreitungen auch ein Bärendienst an all jenen, die sich auch noch in Zukunft kritisch mit RB Leipzig auseinandersetzen wollen - weil in Zukunft vorhersehbar jede auch sachliche Kritik als Rechtfertigung von Übergriffen denunziert werden wird.

So verständlich die Empörung über die Dortmunder Vorfälle war, so merkwürdig mutete die Hysterie an, mit der anschließend über die Folgerungen aus den Ereignissen diskutiert wurde. Das lag natürlich daran, dass sich im Lauf der Debatte zahllose Diskutanten zu Worte meldeten, die nicht mal eine Halbahnung von Fankultur und Fankurven besaßen. Anders waren die Rufe nach Selbstreinigung oder, noch dämlicher, nach einem "Aufstand der Anständigen" nicht zu verstehen. Es gehört nicht viel Grips dazu, zu begreifen, dass auf einer Tribüne mit 25.000 Menschen keine demokratisch austarierte Meinungsbildung stattfindet. Die Südtribüne ist ein überaus heterogenes Gebilde aus unzähligen Fanklubs, Einzelpersonen, Ultras, Kutten, Schalträgern, Fahnenschwenkern, Hooligans und vor allem ganz normalen Anhängern. Die Vorstellung, dass eine 45-jährige Mutti aus Block 84 einem jungen Ultra mal so eben Bescheid stößt, wie das in Zukunft auf der Süd zu laufen hat, ist in hohem Maße weltfremd.

Diskussion ins Hysterische abgedriftet

Noch ulkiger wurde es, als allen Ernstes behauptet wurde. Funktionäre und Medien hätten in den Monaten vor dem Spiel in Dortmund einen wie auch immer gearteten Hass auf RB Leipzig geschürt. Es gab völlig berechtigte Kritik, unter anderem an den Tricks und Schummeleien, mit denen die Leipziger sich in die erste Liga bugsiert haben. Das hören sie in Leipzig nicht gern, weil die vermeintliche Fairness ja zum Tafelsilber des Klubs gehört.

Es gab aber keine einzige Aussage etwa vom viel gescholtenen Dortmunder Boss Aki Watzke, die auch nur ansatzweise als Aufruf zur Gewalt gelesen hätte werden können. Dass am Wochenende zwei Autoren der "Süddeutschen Zeitung" es tatsächlich "kalt den Rücken herunter" lief, weil Watzke vor dem Spiel erkennbar im sportlichen Kontext angekündigt hatte, die Leipziger könnten "was erleben", verdeutlicht die vollends ins Hysterische abgedriftete Diskussion.

Und die mediale Hetze gegen RB Leipzig? Ist eine Erfindung. Wer einmal in den Pressespiegel der vergangenen Monate blickt, wird dort fast ausnahmslos hymnische Artikel über den Leipziger Firmenklub. Ob die höfisch devote "Sportbild", ob Zeit Online oder der "Tagesspiegel", überall mag man sich nicht mehr an Diskussionen über Fußballkultur beteiligen, weil ja in Leipzig so grandioser Fußball gespielt wird. Und da sind die PR-Filme, die der Bezahlsender Sky über RB Leipzig abgefeuert hat, noch nicht mal eingerechnet. Wohl gemerkt, niemand ist gezwungen, kritisch über RB Leipzig zu berichten. Aber so zu tun, als gäbe es eine breite mediale Kampagne ist sensationeller Unfug.

Am Wochenende wird die Süd nun leer sein. Die verwaiste Fankurve soll ein Denkzettel für die Dortmunder Anhänger sein. Ich befürchte, es wird stattdessen ein Symbol dafür sein, wie wenig man hierzulande von Fankultur versteht. Und wie sehr diese Fankultur gefährdet ist – nicht nur durch Steinwerfer und Plakate-Maler.

Quelle: n-tv.de