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Mesut Özil steht weiterhin im Zentrum der Debatte - und der DFB gibt Raum für Interpretationen.
Mesut Özil steht weiterhin im Zentrum der Debatte - und der DFB gibt Raum für Interpretationen.(Foto: dpa)
Samstag, 07. Juli 2018

Kritik, Missverständnis - Ende?: Wie der DFB bei Mesut Özil versagt

Von Stefan Giannakoulis & Tobias Nordmann

Im Umgang mit Mesut Özil ringen die Verantwortlichen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft um das richtige Wort. Wie sensibel das Thema und wie unsensibel der DFB dabei ist, beweist ein fatales Zitat von Oliver Bierhoff. Und dessen Interpretation.

Mesut Özil macht es sich, den Fans der Nationalelf und den Verantwortlichen beim Deutschen Fußball-Bund nicht leicht. Die Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan waren ein Fehler. Dass er danach - anders als Ilkay Gündogan der ebenfalls auf den Bildern lächelte - schwieg, war ein zweiter, schwerwiegenderer Fehler. Aber ist das ein Grund, zunehmend jegliche Sensibilität gegenüber dem Spielmacher abzulegen? Wenn es stimmt, was Oliver Bierhoff sagt, dass er sich bloß falsch ausgedrückt habe, dann hat der Manager der DFB-Elf in einem sehr wichtigen Moment eine gravierende Kompetenzlücke offenbart: Es mangelt ihm an Professionalität.

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Dass er tatsächlich nicht gewusst haben will, was sein "Verzicht"-Satz in einer längst enthemmten Debatte um den Spielmacher auslöst, ist beim mittlerweile wohl mächtigsten Mann rund um die Nationalelf kaum zu glauben. Schließlich hat er selbst gesagt, dass er die Aussagen autorisiert habe, nachdem drei Mitarbeiter des DFB das Interview gelesen hätten. Wie Zufall wirkt es nicht, dass Bierhoff seinen Özil-Satz vom Donnerstag ("Die Welt") und die nur einen Tag später nachgeschobene Missverständnis-Erklärung ("Bild"-Zeitung) in zwei Medien eines Konzerns veröffentlichen lässt, die oft exklusiven Zugang zu Informationen rund um die DFB-Elf haben. Bierhoff hat sich danach viel erklärt, auch im ZDF - aber er hat sich nur ein bisschen entschuldigt.

Kalkül? Oder ehrlicher Respekt?

Seine zunächst gesagten Sätze stehen aber immer noch im Raum und sie haben ihre Wirkung längst entfaltet. Sie lauteten: "Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet." Diese Diskussion wurde vor dem Turnier aber nie geführt. So steht seine Aussage nun halt seiner vagen "Bild"-Entschuldigung ("Es tut mir leid ...") und seiner im ZDF geäußerten Bitte gegenüber, ihm zu glauben, dass er lediglich die falschen Worte gewählt habe. Bierhoff betonte außerdem noch einmal, sich in der Affäre stets vor Özil und Gündogan gestellt zu haben.

Bierhoff rudert zurück und fühlt sich nach seinem Özil-Zitat missverstanden.
Bierhoff rudert zurück und fühlt sich nach seinem Özil-Zitat missverstanden.(Foto: dpa)

Ist das nun Kalkül? Oder ehrlicher Respekt gegenüber Özil? Tatsache ist, dass die Diskussionen über den in Gelsenkirchen geborenen Sohn türkischer Eltern den überforderten DFB mittlerweile an den Rand des Nervenzusammenbruchs getrieben haben. So planlos die Nationalelf bei ihrem desaströsen Vorrunden-Aus gespielt hatte, so orientierungslos agieren die Verantwortlichen im Umgang mit Özil. Bierhoff war es, der die Debatte vor der WM für beendet erklärt hatte. Und auch für Bundestrainer Joachim Löw war das Thema erledigt. Er wolle, hatte er gesagt, sich ausschließlich auf den Sport konzentrieren. Immer wieder haben Manager und Trainer in Russland betont, die Affäre belaste die Mannschaft nicht. Taten sie das wider besseres Wissen? Jedenfalls haben sie die Brisanz des Themas nicht erkannt, oder sie haben sie nicht erkennen wollen - und damit alles noch schlimmer gemacht.

Hat Özil eine Zukunft in der Nationalelf?

Und sie werden dabei nun immer unsensibler. So wie Özil selbst, als er sich mit Erdoğan im Wahlkampf fotografieren ließ, danach jeden Kommentar verweigerte und die Diskussion um Sinn und Umgang mit der Kraft des Bildes in Gang setzte. Was darauf folgte, war und ist eine unselige Debatte über das richtige Deutschsein "unserer" Nationalspieler, begleitet von einem erschreckenden Rassismus und falschen Schuldzuweisungen. Natürlich ist Özil nicht alleine verantwortlich für das WM-Aus, so klingt es aber mitunter. In einem geteilten und sportlich sehr schwachen Fußballteam, das den radikal vermarkteten Slogan "Die Mannschaft" bis zum Zerbrechen verbogen hatte, war er beim 0:2 im Abschieds-Debakel gegen Südkorea noch einer der Auffälligeren. Das will nur kaum jemand hören. Und die, die nicht differenzieren, die glauben, dass Deutschland ohne "Erdogate" vermutlich den Titel erfolgreich verteidigt hätte, denen schiebt es einen Joker ins Blatt, wenn Bierhoff und einige Nationalspieler nun nach und nach andeuten, dass die Affäre doch Ballast war.

Das kann stimmen. Natürlich kann es den aufgeklärten Nationalspielern, ihren Trainern und den Verbandsbossen nicht gefallen, dass einer (in Wahrheit sind es natürlich zwei, aber Gündogan hat sich wie erwähnt erklärt) aus ihrem Kreis neben einem Machthaber, der aggressiv gegen Oppositionelle und die Presse vorgeht, sich um demokratische Grundsätze nicht schert, beseelt lächelt, dann schweigt und sich seiner moralischen Verantwortung nicht stellt. Aber sie hatten seit Beginn der Affäre am 14. Mai genug Möglichkeiten, sich von diesem Ballast zu befreien. Nur haben sie diese nicht genutzt. Zumindest nicht ausreichend

Und nun? Wie geht es weiter? Hat Özil eine Zukunft in der Nationalelf? Hat er überhaupt noch Lust für ein Land zu spielen, dass ihn seit Jahren skeptisch begleitet und mittlerweile überwiegend ablehnt? Hat er noch Lust für einen Verband zu spielen, der ihn gegen rassistische Attacken nicht klar verteidigt hat? Und wie sieht's beim DFB aus? Braucht die Mannschaft den 29-Jährigen beim Neuaufbau? Haben Bierhoff und Löw noch die Energie, Özil gegen alle gesellschaftlichen Widerstände wieder ins Team zu integrieren? Oder war Bierhoffs doppelter Vorstoß eine ungelenke Empfehlung für einen erzwungenen Rückzug des Spielmachers? Ein sportliches Bekenntnis von Bierhoff zu Özil gab es nicht. Und Özil? Schweigt. Wie fast immer. Der Realität begegnet er spätestens Ende August wieder. Wenn Löw seinen ersten Kader nach dem WM-Trauma benennt.

Quelle: n-tv.de