Wirtschaft

Mit Vollgas aus Corona-Krise? "2021 wird Auto-Boom-Jahr sondergleichen"

Das Jahr 2020 beendet die Automobilindustrie mit Einbußen bei Absatz, Umsatz, Gewinn und Beschäftigten - geschuldet ist das der Corona-Krise. Es kann also nur besser werden. Autoexperte Becker geht im Interview mit ntv.de sogar noch weiter und spricht von einer "glorreichen Zukunft".

ntv.de: Herr Becker, das zu Ende gehende Jahr war ein denkwürdiges für die Automobilindustrie insgesamt, geschuldet der Coronavirus-Pandemie. Nun ist ein Impfstoff da. Wie wird das Jahr 2021 für die Autobauer und Zulieferer?

Helmut Becker: Wenn sonstige Störungen im globalen Politik- und Wirtschaftsgetriebe ausbleiben - ich wiederhole und betone ausdrücklich -, wenn sonst keine Störungen in der Weltwirtschaft eintreten, wird 2021 für die Autoindustrie ein Boom-Jahr sondergleichen, vergleichbar allenfalls mit 1975 nach der ersten Ölkrise oder 2010 nach dem Crash an den Finanzmärkten.

Wird 2021 auch ein Jahr des Übergangs?

Ja, das in jedem Fall. Nach dem Boom erfolgt die Rückkehr auf den normalen Konjunkturtrend, die Normalität. Auch ohne den Corona-Stillstand hat sich in der Autoindustrie bedingt durch technische Fortschritte auf allen Ebenen und vor allem durch die Digitalisierung und den Zwang zu neuen Antriebstechnologien viel Transformations- und Innovationsbedarf angestaut. Der muss jetzt abgearbeitet werden.

Es heißt ja, dass Krisen auch Chancen darstellen: Welche sehen Sie für die Branche im Allgemeinen und für die deutsche Autoindustrie im Speziellen?

Ich denke die Präsidentin des Branchenverbandes VDA, Hildegard Müller, wird mir nicht widersprechen: Die Autoindustrie, vor allem die in Deutschland, war seit über 100 Jahren für die gesamte Welt Innovationstreiber. In Deutschland wurde der Verbrennermotor erfunden und perfektioniert, die Zündkerze und der Elektroantrieb wurden entwickelt und so weiter. Noch wichtiger als die Erfindungen selbst: Die deutsche Autoindustrie, an der Spitze eine Unzahl pfiffiger Zulieferer, war immer in der Lage und bereit, Erfindungen aus anderen Wissensgebieten zu adaptieren und zu integrieren.

Zum Beispiel?

Etwa die Elektronik. Ich kann mich noch genau erinnern, was es für einen Aufschrei gab, als der langjährige und geniale Vorstandsvorsitzende bei BMW, Eberhard von Kuenheim, als Erster den Bordcomputer einführte oder den Drei-Wege-Katalysator zur Abgasreinigung. Damals war für den Drei-Wege-Kat bleifreies Benzin notwendig. Das gab es aber nirgends. Die Infrastruktur musste dafür erst geschaffen werden. Was für ein Aufschrei und Kostengejammer. Doch siehe da, es klappte! Ich erwähne das deshalb, weil wir heute mit dem notwendigen Übergang zu synthetischen Kraftstoffen, E-Fuels, vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

2020 wurden in Deutschland etwa 3,1 Millionen Pkw neu zugelassen. Die Corona-Krise hat ihre Spuren hinterlassen. Sie sprachen bereits das mögliche Boom-Jahr an: Es ist also mit einer deutlich anziehenden Nachfrage zu rechnen?

Ja, wir werden mit Sicherheit die "alten" 3,5 Millionen Zulassungen von vor der Krise wieder erreichen. Aus meiner Sicht werden es sogar mehr sein - vorausgesetzt, die Märkte dürfen sich normal und ohne Störungen entwickeln.

Wird China seine Position als weltgrößter Absatzmarkt ausbauen?

Mit Sicherheit! China marschiert auf die 30 Millionen Neuzulassungen zu. 90 Prozent davon sind übrigens Verbrenner-Autos.

Dennoch: Für 2021 haben einige Hersteller mehrere neue E-Modelle angekündigt. Tesla baut an seinem Werk in Grünheide. Wird 2021 ein elektrisierendes? Gelingt endlich der Durchbruch der Elektromobilität?

Ach wissen Sie, die Elektromobilität bricht schon so lange durch, das wird sie auch 2021 tun. Mit dem Angebot und dem weiteren Bestand der staatlichen und stattlichen Kaufprämien, die heute fast ein Drittel oder bis zur Hälfte des Kaufpreises ausmachen, werden auch 2021 mehr Elektroautos verkauft. Und das ist auch gut so. Das Problem wird sein, wenn sich die Warteschlangen an den E-Zapfsäulen stauen.

Wird das politische Ziel von einer Million E-Autos in Deutschland erreicht?

Mit Sicherheit nein! Wir liegen heute bei einem Bestand von gerade einmal 250.000. Dann müssten wir Neuzulassungen von über 750.000 2021 haben. Die wird es garantiert nicht geben.

Steht eine Konsolidierung der Branche an? Wird es Fusionen geben?

Ja, es wird eine weitere Konsolidierung geben, davon gehe ich fest aus. In welcher Form möchte ich offenlassen. Konsolidierung muss nicht zwangsläufig Fusion heißen, da gibt es zahlreiche Zwischenformen, die alle auf eine Win-Win-Situation getrimmt werden könnten.

Mal vorausgeblickt - Ende 2021: Wo wird die deutsche Automobilindustrie stehen? Und wo die gesamte Branche?

Fähiges Spitzenmanagement vorausgesetzt, wird sie besser und stärker dastehen als heute. Mit Tesla-Chef Elon Musk und seinem Werk in Grünheide wird die Industrie auf dem Elektrobein eine erhebliche Verstärkung erfahren. Beim VDA werden schon die Stühle gerückt und die Tischschildchen auf Vordermann gebracht. Global betrachtet, steht die Automobilindustrie Ende 2021 vor einer weiterhin glorreichen Zukunft. Die Mobilität der Menschheit nimmt weiterhin zu, nicht ab!

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: ntv.de