Wirtschaft

Boom der Online-Supermärkte Aldi schmiedet Allianz gegen Amazon Fresh

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Eine Aldi-Filiale in den USA.

(Foto: REUTERS)

Online-Verkauf von Lebensmitteln war für Aldi lange keine Option. In den USA ändert sich das jetzt. Zusammen mit der US-Techfirma Instacart sagt der deutsche Discounter dem Bring-Service Amazon Fresh den Kampf an. Ein großer Coup?

Dass ausgerechnet Aldi online-affin wäre, lässt sich nicht gerade behaupten. Per Mausklick gab es beim deutschen Traditions-Discounter bislang nur Non-Food-Artikel, also keine Lebensmittel. Langsam scheint das Unternehmen jedoch umzudenken. Zumindest in den USA will Aldi nun auch ins wachsende Online-Lebensmittelgeschäft einsteigen.

Mit Unterstützung des US-Lieferdienstes Instacart sollen Obst und Gemüse aus den eigenen Regalen per Knopfdruck binnen einer Stunde beim Kunden sein, versprechen die Unternehmen. Das Pilotprojekt in den US-Städten Los Angeles, Atlanta und Dallas soll noch diesen Monat starten. Danach soll der Lieferservice auf weitere Städte ausgedehnt werden.

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Vor allem der Vorstoß des Internetgiganten Amazon mit seinem Bringservice "Fresh" setzt herkömmliche Lebensmittelhändler in den USA immer mehr unter Druck. Auch in Deutschland ist der Dienst Anfang Mai an den Start gegangen. Branchenbeobachter trauen ihm zu, dem etablierten Lebensmittelhandel nicht nur starke Konkurrenz zu machen, sondern den gesamten Markt umzukrempeln. Für Deutschland verfolgt Aldi jedoch keine solchen Online-Pläne.

Für den Wettbewerbsökonomen Justus Haucap ergibt das durchaus Sinn. "In Deutschland hat Aldi eine hohe flächendeckende Präsenz, so dass durch Belieferung sicher weniger neue Kunden hinzugewonnen werden können als in den USA, wo Aldi nicht annähernd so verbreitet ist", sagt Haucap n-tv.de. In Deutschland sei der Kannibalisierungseffekt durch das dichte Filialnetz größer. Wenn Kunden nicht mehr stationär kauften, sondern online, sei nichts gewonnen.

Viele Davids gegen Goliath

Grundsätzlich ist die Geschäftsidee des Online-Bestelldienstes denkbar simpel: Kunden ordern ihre Lebensmittel mit einem Klick auf einer App, Mitarbeiter des jeweiligen Lieferdienstes sammeln die Waren ein und liefern sie kurz danach an den Besteller aus. Für die Lieferung zahlt der Kunde eine Gebühr. Es gibt keine Patente und keine geheimen Formeln. Das Abkupfern der Geschäftsidee fällt per se also nicht schwer.

Wachstum durch Online-Handel dürfte somit begrenzt sein. Nicht nur, weil große Klassiker des Billighandels wie Walmart längst auf den Zug aufgesprungen sind und sich neben Instacart hier auch eine Reihe weiterer Start-ups tummeln. Wichtiger dürfte sein, dass es keiner von ihnen mit dem Platzhirschen Amazon mit seinem riesigen Vertriebsnetz aufnehmen kann.

Amazons letzter großer Coup war die Milliardenübernahme von Whole Foods. Damit hat sich der Onlineriese nochmals breiter in der Branche aufgestellt. Instacart traf die Übernahme ins Mark. Das 2012 in San Francisco gegründete und bislang unprofitable Unternehmen wickelte bislang einen Großteil seines Geschäfts mit Whole Foods ab. Weil es keine eigenen Lager hat, stand das Unternehmen, das zuletzt mit 3,4 Milliarden Dollar bewertet wurde, unter erheblichem Druck, sich neue Partner zu suchen. Das Kooperationsangebot von Aldi kam zur rechten Zeit.

Aber auch Aldi schreckt die große Konkurrenz offenbar nicht. Auch wenn der Discounter das Online-Konzept für Lebensmittel hierzulande bislang verschmäht hat, in den USA sorgt es immerhin für einige Wachstumsfantasien. Verlassen will sich der Discounter darauf aber offenbar auch nicht. Wachstum soll künftig nicht nur durch Online-Handel, sondern auch ganz klassisch durch ein größeres Filialnetz generiert werden. Der Discounter, der vor 40 Jahren in den USA still und leise begonnen hat, will in den nächsten fünf Jahren auch fünf Milliarden Dollar in die Hand nehmen, um die Zahl seiner US-Filialen von derzeit 1600 bis Ende 2022 auf rund 2500 zu erhöhen. Damit würde er zum drittgrößten Lebensmittelhändler in den USA aufsteigen.

Deutscher Zweikampf in USA

Diese Pläne haben einen konkreten Grund: Denn unter Druck steht Aldi in den USA nicht nur wegen Amazon Fresh. Der wachsende Preisdruck in der Branche wird neuerdings auch noch durch den deutschen Erzrivalen Lidl, der in den USA ebenfalls Fuß fassen will, geschürt. Lidl hat im Juni seine ersten neun Läden eröffnet, bis kommenden Sommer sind 100 weitere Geschäfte an der Ostküste der USA geplant. Auch wenn Aldi mit seiner Expansion viel weiter ist, erwarten Experten, dass der Markteintritt von Lidl den Lebensmittelhandel in den USA zusätzlich umkrempeln wird. 

"Die traditionellen Händler können sich Umsatzverluste gerade jetzt in einem ohnehin wettbewerbsintensiven Umfeld nicht leisten", sagte Ken Knudsen von der Beratungsfirma Bain & Co. der Agentur Bloomberg. "Es wird grundlegende Veränderungen geben." Ob der Online-Vertrieb von Lebensmitteln in Zukunft ein großer Wettbewerbsvorteil sein wird, sehen Branchenkenner zumindest skeptisch. Der Lebensmittelhandel war von den Verwerfungen durch E-Commerce bisher nicht so betroffen wie der Bücher- und Elektronikhandel - weder in den USA noch in Deutschland.

Kaum zusätzlicher Online-Komfort

US-amerikanische Verbraucher haben keine Probleme, zu einem Supermarkt zu fahren. Fast jeder hat ein Auto und der Sprit ist billig. In Deutschland ist die Ladendichte pro Einwohner zudem so hoch wie fast nirgendwo in Europa. "Fast jeder hat einen Supermarkt in der Nähe", dämpft Haucap zu hohe Erwartungen.

Er sieht auch noch andere Gründe, warum der Online-Lebensmittelhandel keine ähnlichen Dimensionen annehmen wird, wie der Handel mit Gebrauchsgütern wie Kleidung, Elektronikprodukten oder Turnschuhen: Die Logistik - besonders bei Frisch- und Tiefkühlware - sei herausfordernder, weil schnell geliefert werden müsse. Außerdem müsse jemand zu Hause sein, um die Ware entgegenzunehmen. Zudem seien die Logistikkosten im Vergleich zum Warenwert relativ hoch, so dass es - gerade im deutschen Lebensmittelhandel mit seinen geringen Margen - schwer sei, profitabel zu agieren, sagt der Ökonom. "Der Komfort des Online-Shopping ist somit nicht besonders hoch."

Seiner Ansicht nach wird der Online-Markt für Lebensmittel zwar - ausgehend von einem niedrigen Niveau - stark wachsen. "Ich denke aber nicht, dass er schnell mehr als zehn Prozent des Lebensmittelhandels ausmachen wird."

Quelle: n-tv.de

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