Wirtschaft

Hier irrt SöderAn Brückentagen wird eher weniger krankgefeiert

02.02.2026, 13:22 Uhr DSCF1383-2Von Jan Gänger
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Müssen wir uns mehr anstrengen? (Foto: imago images/serienlicht)

Für Markus Söder hat die Arbeitsmoral in Deutschland noch Luft nach oben. Vor allem an Brückentagen werde zu viel blaugemacht, behauptet der bayerische Ministerpräsident. Das mag plausibel klingen, stimmt aber nicht.

Markus Söder will, dass in Deutschland mehr gearbeitet wird. Deshalb will er gegen das Blaumachen vorgehen, das seiner Wahrnehmung nach weitverbreitet ist. Bayerns Ministerpräsident fordert, unbezahlte erste Krankheitstage einzuführen und die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Er stellt fest: "An Brückentagen ist Deutschland immer etwas kranker als wann anders".

Diese Behauptung mag plausibel klingen, sie lässt sich statistisch aber nicht belegen. Es sieht vielmehr so aus, dass das Gegenteil richtig ist: An Brückentagen gibt es nicht mehr, sondern weniger Krankmeldungen.

Die großen Krankenkassen stellen zwar Berichte zusammen, die Niveaus und Trends der Fehlzeiten in Deutschland darstellen. Sie werten aber nicht aus, wie der Krankenstand an Brückentagen im Vergleich zu anderen Arbeitstagen ist. Aus den Statistiken geht aber hervor, dass Montage die häufigsten Tage für Krankmeldungen sind. Fast ein Drittel der Krankmeldungen fällt auf diesen Tag. Das ist aber kein Beleg für Blaumachen, sondern hat einen anderen Grund: Nachmeldungen vom Wochenende.

Das liegt daran, dass Krankmeldungen, die statistisch am Montag erfasst werden, oft auf Erkrankungen zurückgehen, die bereits am Wochenende aufgetreten sind. Dies verzerrt die Statistik zugunsten des Montags, ohne dass die Betroffenen erst an diesem Tag krank geworden sein müssen.

Wer am Samstag oder Sonntag erkrankt, sucht in der Regel erst am Montag die Hausarztpraxis auf. Der Arzt stellt die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung also am Montag aus, was statistisch als Beginn der Arbeitsunfähigkeit gewertet wird - selbst wenn die Symptome schon früher vorlagen. Ärzte dürfen Patienten zwar rückwirkend krankschreiben. Doch in den allermeisten Fällen wird der erste Arbeitstag als Meldedatum geführt. Hinzu kommt: Gesetzlich zählen bei der Frist für die Vorlage eines Attests Kalender-, nicht Arbeitstage. Wer also ab Freitag krank ist, muss oft spätestens am Montag ein Attest vorlegen, was die Meldezahlen an diesem Tag zusätzlich in die Höhe treibt.

Sozialer Druck

Im Laufe der Woche nehmen die Krankmeldungen Statistiken zufolge ab - der Freitag ist der schwächste Tag für Krankmeldungen. Woran das liegt, ist unklar. Dazu dürfte allerdings beitragen: Wer sich an einem Freitag krankmeldet, fürchtet dann besonders, den Verdacht des Blaumachens zu erwecken - weshalb Beschäftigte trotz Symptomen oft bis zum Wochenende lieber durchhalten und sich dann auskurieren.

In Deutschland fallen Brückentage tendenziell zumeist auf einen Freitag - also auf den Wochentag mit den wenigsten Krankmeldungen. Das liegt daran, dass Christi Himmelfahrt und Fronleichnam immer auf einen Donnerstag fallen. Auch das spricht also gegen Söders Vermutung, dass an Brückentagen die Krankschreibungen zunehmen.

In Österreich wurde 2019 eine Studie veröffentlicht, aus der sich Rückschlüsse für Deutschland ziehen lassen. Die Kernaussage: Beschäftigte nutzen Brückentage nicht vermehrt zum Krankfeiern - sie melden sich dann sogar seltener krank. Das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung hatte dazu über einen Zeitraum von zehn Jahren die Krankmeldungen in mehr als 67.000 Firmen ausgewertet. Die Autoren prüften auch Diagnosen mit schwer objektivierbaren Symptomen, wo "Vortäuschen" theoretisch einfacher wäre. Sie fanden keine Zunahme an Brückentagen.

Die Studie bietet als Erklärung zu den niedrigen Krankenständen an Brückentagen an: Dann nehmen überdurchschnittlich viele Beschäftigte ohnehin regulär Urlaub, einige Firmen geben sogar kollektiv frei. In diesen Fällen sinkt die Zahl der Beschäftigten, die arbeiten und sich krankmelden können. Vollständig lassen sich die Ergebnisse nicht einfach auf Deutschland übertragen. Aber sie sprechen eher gegen die These vom massenhaften Krankfeiern an Brückentagen als dafür.

Quelle: ntv.de

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