Wirtschaft

IWF-Finanzhilfe für Buenos Aires Argentinien steht wieder vor dem Abgrund

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Der Sinkflug des argentinischen Peso zum Dollar hat Buenos Aires zum Hilferuf an den IWF veranlasst.

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Die Zentralbank stemmt sich mit Dollarverkäufen und Zinsen von 40 Prozent gegen den Peso-Crash: In Argentinien geht die Angst vor einem erneuten Totalabsturz um. Nun bittet das Land sogar wieder den verhassten IWF um Geld.

Es sind dramatische Worte an ein traumatisiertes Land: "Wir gehen den einzig möglichen Weg, um eine große Wirtschaftskrise zu verhindern, die uns allen schaden würde." Angesichts eines drohenden wirtschaftlichen Desasters greift die argentinische Regierung zu einem Mittel, das lange undenkbar schien. Präsident Mauricio Macri hat angekündigt, mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über Finanzhilfen zu verhandeln. Finanzminister Nicolás Dujovne ist dafür schon nach New York gereist. Laut Medienberichten könnte Argentinien bis zu 30 Milliarden Dollar beantragen.

Macris Hilferuf an den IWF ist ein Offenbarungseid. Der Fonds unterstützte Argentinien vor seiner Staatspleite 2001 mit einer Reihe milliardenschwerer Hilfspakete. Sie halfen nicht. Die harten Reformauflagen des Fonds stürzten stattdessen Millionen Argentinier in die Armut. Der linke Präsident Néstor Kirchner zahlte im Jahr 2005 sämtliche Schulden beim IWF auf einen Schlag zurück und brach die Beziehungen ab. Bis 2015 arbeitete Argentinien nicht mit dem Währungsfonds zusammen. Dass Buenos Aires nun wieder in Washington anklopft, zeigt, wie ernst die Lage ist.

17 Jahre nach dem Ausfall von rund 100 Milliarden Dollar, dem damals größten Staatsbankrott der Geschichte, steht Argentinien wieder vor dem gleichen Abgrund wie damals: Die Inflation hört nicht auf, die Währung ist im Sinkflug, weil Argentiniens Geldgeber immer größere Zweifel haben, ob das Land seine Schulden bedienen kann. Der argentinische Peso hat innerhalb von zwei Wochen zehn Prozent gegenüber dem US-Dollar verloren und die Wirtschaft des südamerikanischen Landes schlingert.

Die argentinische Zentralbank stemmt sich mit aller Macht gegen den Crash. In der vergangenen Woche hat sie rund 4,3 Milliarden US-Dollar verkauft, um die eigene Währung zu stützen. Als das nicht half, griff sie zu noch drastischeren Mitteln und erhöhte den Leitzins innerhalb weniger Tage auf 40 Prozent. Der Peso-Absturz scheint nun zwar gebremst. Doch falls der Dollar noch stärker wird oder die US-Notenbank selbst die Zinsen erhöht, könnten Investoren noch mehr Geld aus dem Land abziehen. Zwar gab es auch in Mexiko, Brasilien, Chile und Kolumbien einen Run auf den Dollar, aber nirgends war die Kapitalflucht so stark wie in Argentinien. Die Reserven der Zentralbank in Buenos Aires sind durch die ständigen Verkäufe inzwischen auf rund 50 Milliarden Dollar geschrumpft.

"Als Präsident wäre nichts einfacher, als die Inflation zu stoppen", hatte Präsident Macri 2015 im Wahlkampf gesagt, als die Inflation des Peso unter der linken Vorgängerregierung bei mindestens 25 Prozent lag. Doch im zweiten Jahr seiner Amtszeit hat sich daran kaum etwas geändert: Auch 2017 verlor der Peso laut Zahlen des staatlichen Statistikinstituts Indec ein Viertel seines Wertes gegenüber dem Dollar. Die Abwertung sollte in diesem Jahr auf 16 Prozent gebremst werden, doch schon jetzt liegt sie bei etwa 17 Prozent. Die Argentinier bekommen immer weniger für ihr Geld, besonders die Energiepreise schießen in die Höhe.

Seit Jahren gibt das Land mehr aus, als es einnimmt. Anders als versprochen hat dies auch Macri bislang nicht geändert. Im vergangenen Jahr lag das Haushaltsdefizit inklusive Zinszahlungen bei 7 Prozent und damit in der lateinamerikanischen Rangfolge hinter Venezuela (21,2 Prozent), Trinidad und Tobago (10,1 Prozent) und Brasilien (8,2 Prozent). In diesem Jahr könnte es auf 7,9 Prozent steigen.

Argentinien versucht deshalb, mehr schlecht als recht ausländische Investoren ins Land zu locken und gibt zudem Anleihen aus, um an Geld zu kommen. Doch die Nachfrage nach den Bonds gerät ins Stocken: Die im Juni unter viel Tamtam ausgegebene 100-Jahre-Anleihe über 2,75 Milliarden Dollar hat seit Anfang des Jahres mehr als 15 Prozent an Wert verloren. Das Gleiche gilt für die im Januar ausgegebene 10-Jahres-Anleihe über 4,25 Milliarden Dollar, die seither 8 Prozent eingebüßt hat.

Die Wirtschaft des Landes ist immer noch auf den Export von Agrarprodukten ausgerichtet. Doch die drittgrößte Volkswirtschaft Südamerikas hat eine der größten Dürren seit Jahrzehnten hinter sich, die Ernten von Soja und Mais fallen schmaler aus als gewöhnlich, und auch die wichtige Viehwirtschaft hat Probleme.

Die neuen Turbulenzen wecken Ängste vor einer Wiederkehr der finstersten Zeiten nach der Staatspleite. Bei Plünderungen und Protesten gegen die IWF-Auflagen starben damals 20 Menschen. Der Peso verlor 70 Prozent seines Wertes und Banken froren die Konten ein. Innerhalb von zwei Wochen gaben sich fünf verschiedene Präsidenten die Klinke in die Hand.

Viele Argentinier machen den IWF auch heute noch mitverantwortlich für die traumatische Krise. Die geplanten neuen Finanzhilfen aus Washington sind entsprechend unpopulär: 75 Prozent der Argentinier halten sie für das falsche Mittel, nur 2 Prozent sind ohne Einschränkung dafür. Auch mehr als die Hälfte der Anhänger von Macris Regierungsbündnis "Cambiemos" sind gegen die Geldleihe. Finanzminister Dujovne versucht, die Sorgen zu zerstreuen: "Der IWF ist ganz anders als der, den wir vor 20 Jahren kannten", sagt er. "Er hat aus der Vergangenheit gelernt."

Quelle: n-tv.de

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