Wirtschaft

In Nebel gehülltes Spielgeld Bofinger zerlegt Bitcoin-Hype

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Europas Zentralbank im Nebel. Die Blockchain hält Bofinger für Währungen für "nutzlos".

(Foto: imago images/Marcel Lorenz)

Bitcoin erlebt einen neuen Boom. Auch lange skeptische Großbanken und institutionelle Investoren sind auf den Zug aufgesprungen. Der Würzburger Ökonom und langjährige Wirtschaftsweise Peter Bofinger bleibt im ntv.de-Gespräch unbeirrt bei seiner Einschätzung: Von dem "digitalen Spielgeld" dürfte langfristig nur "Luft" bleiben.

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ntv.de: Drei Jahre sind seit dem letzten großen Bitcoin-Hype vergangen. Die Kryptowährung hat aller Skepsis zum Trotz nicht nur überlebt, sondern zuletzt wieder Rekordhochs erklommen. Hat sich Ihre Sicht auf Bitcoin geändert?

Peter Bofinger: Nein, gar nicht. Es ist immer noch nichts anderes als digitales Spielgeld. Die Gefahr, dass es implodiert, besteht weiterhin. Im Fall eines Vertrauensverlustes gibt es nichts, was eine solche Entwicklung bremsen könnte.

Bisher sind die Untergangsprognosen für Bitcoin nicht eingetreten. Der Kurs hat sich im Jahresvergleich vervielfacht.

Das kann auch noch eine Weile so weitergehen, solange die Zinsen niedrig bleiben und Leute das nötige Geld sowie Spaß daran haben, ein sehr volatiles Asset zu halten. Spekulation hat ja ein ausgeprägt spielerisches Element. Im Vergleich zum weltweiten Finanzvermögen liegt die in Bitcoin angelegte Summe immer noch im Promillebereich. Aber man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass Bitcoin heute zwar Mode ist, aber das kann sich jeden Tag ändern. Es gibt ja großen Wettbewerb unter den Kryptowährungen. Morgen kann plötzlich eine andere Währung als sexy empfunden werden, die eine möglicherweise spannendere Funktionalität als Bitcoin aufweist, und dann lassen die Spekulanten Bitcoin fallen. Man muss also sehen, dass es hier einen großen Wettbewerb und permanente Innovationen gibt.

Kann man nicht argumentieren, dass Bitcoin nun einen Wert eben dadurch bekommt, dass ausreichend viele Anleger ihm einen Wert beimessen?

Spekulanten kaufen Assets, weil sie glauben, dass andere glauben, dass wiederum andere bereit sind, dafür einen bestimmten Preis zu zahlen. Das ist das, was John Maynard Keynes Spekulation dritten Grades nannte: Erwartungen über Erwartungen über Erwartungen. Das kann eine Zeitlang gut gehen, aber eben auch plötzlich in sich zusammenfallen. Ich vergleiche das mit einem vollbesetzten Fußballstadion: Solange ich als einziger raus möchte, ist das kein Problem. Wenn aber Panik ausbricht und alle gleichzeitig zum Ausgang stürmen, geht das nicht - zumindest kaum ohne ernste Verletzungen. So enden spekulative Blasen für Anleger.

Ist nicht durch den Einstieg institutioneller Investoren und Großbanken eine gewisse Stabilität eingetreten?

Durch die Banken? In der Finanzkrise haben sich Banken nicht unbedingt dadurch profiliert, dass sie besonders sichere Engagements identifizieren können.

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Der Bitcoin-Hype könne trotz allem noch eine Weile weitergehen, sagt Wirtschaftswissenschaftler Bofinger.

(Foto: picture alliance / Arne Dedert/dpa)

Das Argument, es gebe keinen realen Wert oder praktischen Nutzen, gilt doch weitgehend auch für Gold.

Das stimmt. Deswegen hat es bei Gold in der Vergangenheit auch schon erhebliche Preisbewegungen gegeben. Und bei den Zentralbanken liegen riesige Goldreserven, Relikte aus der Vergangenheit, die sie nicht mehr brauchen. Wenn eine dieser Notenbanken auf die Idee käme, das zu verkaufen, würde der Goldpreis ganz schön ins Rutschen kommen. Aber Gold hat immerhin noch einen gewissen Gebrauchswert zur Herstellung von Schmuck zum Beispiel. Kommt der Bitcoin ins Rutschen, bleibt dagegen nur Luft übrig.

Jenseits von Bitcoin sehen manche immerhin einen Nutzen in der Blockchain-Technologie für digitale Währungen, nicht zuletzt die Notenbanken selbst.

Ich halte das für nicht überzeugend. Die Blockchain hält für alle Zeit alle Transaktionen fest, die mit einem konkreten Zahlungsobjekt vorgenommen wurden. Wir wüssten etwa bei einem Zehn-Euroschein: Irgendwann wurde er von dieser Notenbank herausgegeben, dann von jener Bank an Frau Müller ausgezahlt, dann an jenen Händler gezahlt, usw. Diesen immer länger werdenden Rattenschwanz an Informationen trägt jeder Bitcoin mit sich herum. Wozu soll das gut sein? Bei manchen Lieferketten könnte das nützlich sein. Wenn ich gefrorenen Hirschbraten aus Litauen kaufe, ist es gut zu wissen, wann wurde das Tier geschossen, wo wurde es verarbeitet, wann und wie transportiert, gab es Unterbrechungen in der Kühlkette. Aber für Währungen ist das nutzlos.

Die Begeisterung für Kryptowährungen ist oft verbunden mit einer Skepsis gegenüber den Notenbanken. Können Sie das nachvollziehen?

Nein, die Notenbanken machen doch einen ziemlich guten Job! Seit den 90er Jahren sind die Inflationsraten niedrig. Auch nach der Finanzkrise gab es, wie auch heute, große Angst vor Inflation. Sie ist aber ausgeblieben und auch jetzt nicht zu befürchten.

Kritikern von Kryptowährungen wird oft vorgeworfen, sie würden deren komplexe Funktionsweise einfach nicht verstehen.

Ökonomisch ist das Prinzip doch sehr einfach. Jemand gibt ein Spielgeld heraus und bringt andere dazu, ihm dafür echtes Geld zu geben. Es ist dasselbe, als wenn ich jetzt '100 Bofinger' auf einen Zettel schreiben würde und Menschen finde, die mir dafür 100 Euro geben, ohne dass ich ihnen gegenüber irgendeine Einlösungsverpflichtung habe. Bei Bitcoin ist dieses Prinzip lediglich in einem Informatik-Nebel verborgen.

Mit Peter Bofinger sprach Max Borowski

Quelle: ntv.de