Wirtschaft

Konserven, Tiefgefrorenes, Bier Briten kaufen nur noch das Nötigste

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Das Ladensterben in Großbritannien ist in vollem Gange.

(Foto: REUTERS)

Aus Sorge vor einem ungeregelten Brexit halten die Briten das Geld zusammen. Viele Läden bleiben auf ihren Waren sitzen und fürchten um ihre Existenz. Manche Produkte werden den Besitzern aber auch regelrecht aus den Händen gerissen.

Wenige Wochen vor dem Brexit beklagen die britischen Einzelhändler stagnierende Umsätze. Die Briten beschränken ihre Einkäufe offenbar nur noch auf die dringendsten Anschaffungen.

Laut dem neuesten Einzelhandelsmonitor der Wirtschaftsprüfer von KPMG verbuchten die Einzelhändler demnach im August null Umsatzwachstum. Bereits im Juli hatten sie mit 0,3 Prozent den für diesen Monat niedrigsten Anstieg seit Beginn der Datenerhebungen verzeichnet. "Der August erwies sich als ein weiterer unglaublich enttäuschender Monat für den Einzelhandel", zitiert der "Telegraph" den zuständigen KPMG-Experten Paul Martin. Über den Zeitraum der vergangenen zwölf Monate betrachtet, schrumpfte das Umsatzwachstum auf 0,4 Prozent. Das war der niedrigste Wert seit Beginn der Datenerhebung 1995 überhaupt.

Die jüngsten Daten belegen einmal mehr, dass die Hängepartie in Großbritannien und die Sorgen der Menschen vor einem No-Deal-Brexit am 31. Oktober sich deutlich auf das Verbraucherverhalten niederschlagen. Auch die Experten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben den Abwärtstrend registriert: Die jüngsten Zahlen zum Verbrauchervertrauen in der vergangenen Woche lagen auf Sechsjahrestief. "Es ist klar, dass in diesem widrigen und unsicheren Umfeld der größte Teil des Einzelhandels auf den Erhalt und nicht auf das Wachstum ausgerichtet ist", sagte der KPMG-Experte.

Run auf Konserven und Tiefkühlkost

Laut einer weiteren Umfrage hamstert gleichzeitig jeder fünfte befragte Haushalt in Großbritannien Güter des täglichen Bedarfs, um sich auf Engpässe nach dem Brexit einzustellen. Ganz oben auf der Liste stehen laut Barclaycard Konserven, Haushaltsgüter und getrocknete Lebensmittel.

Immer mehr Menschen strömten in Discounter, heißt es. Den Angaben zufolge handelt es sich hierbei insbesondere um junge Erwachsene: Ein Viertel der 18- bis 34-Jährigen gab laut der Umfrage an, Vorräte an Alltagsgegenständen wie Konserven und Haushaltswaren bereits aufgebaut zu haben. Angesichts dieser Entwicklung empfiehlt der KPMG-Experte Martin Einzelhändlern "strenge Notfallpläne".

Das Auffüllen der Lager ist in vollem Gange, berichten Beobachter. "In England wird gerade jeder Hühnerstall angemietet, um Produkte zu horten, sagt Logistik-Professor Christian Kille der "Süddeutschen Zeitung". Weil die Briten ihre Nahrungsmittel überwiegend importieren, müssten sie mit einer Unterversorgung rechnen. "Sie müssen sich darauf einstellen, künftig mehr Konserven und Tiefgefrorenes zu essen", sagt Kille.

Britisches Pfund / Dollar
Britisches Pfund / Dollar 1,28

Die Kaufzurückhaltung auf der Insel ist auch auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten zurückzuführen. Das Geld ist immer weniger wert. Am Dienstag fiel das britische Pfund auf den tiefsten Stand seit mehr als zweieinhalb Jahren und notierte zum ersten Mal seit Januar 2017 unter der Marke von 1,20 Dollar. Auslöser hierfür waren Äußerungen des britischen Premierministers Boris Johnson, der zuvor angekündigt hatte, Neuwahlen für den 14. Oktober anzustreben, sollte das Parlament gegen seine Brexit-Strategie stimmen.

Immer mehr Läden schließen

Für die britischen Einzelhändler, die wie die gesamte Branche bereits immens unter dem wachsenden Online-Shopping leiden, hat der Käuferschwund fatale Folgen: Sie können ihre Mieten nicht bezahlen, viele mussten bereits ihre Geschäfte schließen. Die Zahl der leeren Läden ist auf Vierjahreshoch gestiegen. Allein im vergangenen Jahr haben in den großen Einkaufsstraßen Großbritanniens etwa 2500 Geschäfte dichtgemacht - rund 40 Prozent mehr als 2017. Zuletzt bekam der britische Schuhhändler Shoe Zone die angespannte Lage zu spüren. Das Unternehmen, das 550 Läden in Großbritannien und Irland betreibt, räumte ein, die Geschäftsziele für das laufenden Jahr nicht mehr erreichen zu können. Firmenchef Nick Davis erklärte seinen Rücktritt.

Die Käuferzurückhaltung hinterlässt tiefe Spuren in der britischen Wirtschaft. Die britischen Verbraucher waren seit dem Brexit-Referendum 2016 eine wichtige Stütze für die Konjunktur, der Konsum machte vor allem einen Teil der wegfallenden Unternehmensinvestitionen wieder wett. Nach Einschätzung von Wirtschaftsexperten erhöht der Schwund in den Läden nun das Risiko einer Rezession in Großbritannien. Ein Bereich jedoch stemmt sich tapfer gegen die Krise: Brexit-Unsicherheit und Pfund-Abwertung kann die Briten nicht davon abhalten, das gute Sommerwetter in Kneipen zu genießen. Die Ausgaben dort sind laut "Bloomberg" im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zehn Prozent gestiegen.

Quelle: n-tv.de, ddi/rts

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