Wirtschaft
Chinas Präsident Xi Jinping hat gut lachen: Die staatliche E-Mobilitätsoffensive pusht die Autoindustrie im Reich der Mitte.
Chinas Präsident Xi Jinping hat gut lachen: Die staatliche E-Mobilitätsoffensive pusht die Autoindustrie im Reich der Mitte.(Foto: REUTERS)
Montag, 30. Juli 2018

Vorsprung durch Technik?: China lacht über die deutsche Autoindustrie

Von Helmut Becker

China ist für die deutsche Autoindustrie zum Schicksalsmarkt geworden. Die Neuzulassungen steigen seit Jahren und werden es auch weiterhin tun. Aber das Reich der Mitte setzt auf E-Power. Setzt China damit zum Überholen an?

Berauscht von den gigantischen und absehbar weiter wachsenden Absatzzahlen, vor allem vom grassierenden Elektro-Boom, der das Reich der Mitte wie eine Wunderdroge erfasst hat, scheint man nur noch eine Zukunft zu kennen: Chinas Weg zur Autoweltmacht. China ist für die deutsche Autoindustrie zum Schicksalsmarkt geworden, auch weil Europa den Anschluss an die Batterietechnik vermutlich verpasst hat. Die Frage muss erlaubt sein: Droht der deutschen Autoindustrie langfristig das Aus?

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne zum Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK). Er berät Firmen in automobilspezifischen Fragen.
Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne zum Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK). Er berät Firmen in automobilspezifischen Fragen.

Im Prinzip: Ja - aber nicht durch China, sondern durch sich selbst. Wenn die Industriegesellschaft Deutschland sich selbst "die Butter vom Brot nimmt" und die Technologieführerschaft kaputt macht.

Doch der Reihe nach. Wundersamer könnte die automobile Welt 2018 nicht sein. Einerseits nahezu explodierende Autonachfrage im Reich der Mitte, andererseits drohende Fahrverbote für Diesel in Deutschland. In China boomen Neuzulassungen von Autos, die trotz allem Elektro-Hypes zu 90 Prozent mit stinknormalen Verbrennungsmotoren ausgestattet sind. Diese fallen allerdings deutlich schlechter aus als die deutschen nach Euro-5- oder -6-Norm. In China staatliche Förderung des Elektroauto-Booms aus vollen Rohren, in Deutschland platte und unsachliche Verunglimpfung der Dieseltechnologie, dem Kern- und Meisterstück der deutschen Motorbaukunst.

Was spricht also für das Schreckgespenst Autoweltmacht China?

  1. Mit 1,4 Milliarden Menschen ist China der größte Absatzmarkt der Erde. Innerhalb von 30 Jahren hat sich der Automarkt in China von fast null auf inzwischen 26 Millionen Neuzulassungen im Jahr gesteigert. Der Pkw-Absatz wird nach IWK-Prognose in zwei Dekaden bei 50 Millionen jährlich liegen, mehr als die Hälfte des globalen Jahresvolumens.
     
  2. China verfügt über die größte globale Einkaufsmacht. Mehr als die Hälfte des Welt-Verbrauchs an industriellen Roh- und Grundstoffen (Eisenerz, Kupfer, Stahl, Lithium, Kobalt , Seltene Erden ...) findet in China statt oder wird dort gefördert.
     
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    Wenn der E-Mobilität die Zukunft gehört, dann gehört die Zukunft China - so das Kalkül der Zentralregierung. In keinem Land der Erde wird daher Elektromobilität so massiv staatlich gefördert und vorangetrieben wie in China. Folgend der bereits vor 10 Jahren offen ausgesprochenen Erkenntnis des Zentralkomitees, dass emissionslose, alternative Antriebe auch für westliche Hersteller neu sind.
     
  4. Das Denken in Produktions- und Zulassungsvorgaben für die Hersteller - ab 2019 ist eine Quote von zehn Prozent für die Autohersteller vorgeschrieben, die danach Jahr für Jahr um zwei Prozentpunkte erhöht werden soll.
     
  5. 1,197 Millionen Welt- Neuzulassungen von E-Autos gab es 2017. Das war ein Zuwachs von 58 Prozent gegenüber 2016. Davon entfiel allein die Hälfte auf China. Westeuropa kam nur auf 285.000 Einheiten, davon Deutschland 109.731.

Das zeigt: China hat eine elektrisierende Zukunft und wird kurzfristig Elektroauto-Weltmacht - aber nicht auf Dauer Autoweltmacht.

 Das spricht gegen die automobile Weltherrschaft Chinas:

  1. China ist bereits heute ohne Zweifel ein Land der Superlative. Aber so wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, machen schiere Absatzzahlen oder Straßennetzkilometer noch keine Automobilweltmacht. Es fehlt am Wesentlichen: an exportfähigen Automobilen und am Innovationspotenzial. Alles, was die chinesische Autoindustrie heute ausmacht - etwa Design, Entwicklungs- und Produktionstechnik - wurde aus dem Westen, vor allem Deutschland, importiert, dazugekauft oder via Joint-Venture-Zwang implementiert.
     
  2. Die E-Mobilität auf Batterie-Basis, so wie China sie vorexerziert und der Rest der Meute notgedrungen folgt, ist ein Irrweg! Spätestens wenn größere Volumina an E-Automobilen in den Verkehr entlassen werden und die Stromer-Flotte wächst, führen nicht eliminierbare strukturelle Engpässe zum Kollaps des Systems - auch in China! Es bleibt auf Dauer beim Verbrennungsmotor, vor allem beim Diesel. Dann aber angetrieben mit E-Fuel, also mit Strom, aber im Tank.
     
  3. China kann also nur dann Autoweltmacht werden (und Deutschland ablösen), wenn dem Verbrennermotor, vor allem dem Diesel, seine überlege Wettbewerbsfähigkeit genommen wird. Wie das? Grob gesprochen: China hat sich voll auf den Elektroantrieb verlegt. Scheitert diese Technik, scheitert auch Chinas Autoindustrie.
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Allerdings spielt die Diesel-Verdammung in Deutschland den chinesischen Autobauern in die Karten. Fragt man nun deutsche Autoexperten gleich welcher Couleur, ist die Meinung ziemlich einhellig: China ist auf dem Weg zur Autoweltmacht - allerdings "unter Strom" auf Batteriebasis. Die Zukunft gehört aber bis auf Weiteres dem Verbrennungsmotor und vor allem dem Diesel. Er muss nur anders "gefüttert" werden als mit kohlenstoffhaltigem Mineralöl. Pack den Strom in den Tank! Nur wenn Deutschland sich selber technologisch kastriert, hat China eine Chance, zur Automobilweltmacht aufzusteigen.

Quelle: n-tv.de