Wirtschaft

Ist Angst vor Peking berechtigt? "China will eine Führungsnation werden"

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Der chinesische Drache haucht alten Lebensadern neues Leben ein. Wohin wird das führen?

(Foto: REUTERS)

Chinas rasanter Aufstieg weckt Sorgen. Bedrohen Pekings Muskelspiele entlang der "Neuen Seidenstraße" Europa? Bedeuten sie gar den Untergang des Westens? Wirtschaft und Handel sind nicht alles. "Europa muss politischer denken", sagt Oxford-Professor Peter Frankopan.

n-tv.de: "Der Osten wird scheinen, wenn der Westen untergeht", hat Huawei-Chef Ren Zhengfei kürzlich gezündelt. Mit seinem Seidenstraßenprojekt schafft Peking Tatsachen. Sie beschreiben diese ausführlich in Ihrem neuen Buch "Die neuen Seidenstraßen". Würden Sie sagen, dass China eine Gefahr ist?

Peter Frankopan: Das ist eine emotional aufgeladene Aussage und sie ist nicht hilfreich. Ich bin lieber pragmatisch. Denken Sie an den Aufstieg des Römischen Reiches oder Europas. Waren sie gut oder schlecht? Es kommt auf die Perspektive an. Heute werden die Regionen der Erde mit den größten Ressourcen immer stärker, dort, wo es Öl, Gas oder seltene Erden für unsere Technologien gibt. Und diese Bodenschätze gibt es fast ausschließlich in China und Zentralasien. Die USA haben nur winzige und Europa überhaupt keine Vorkommen.

Dann hat der Westen also bereits verloren?

Der Wettlauf der Nationen wird natürlich durch vieles mehr entschieden: den Zugang zu Nahrungsmitteln, durch Demografie, durch die Funktionstüchtigkeit von Staaten, ihre Anerkennung im Volk und Wettbewerbsfähigkeit. Europa ist darin immer extrem gut gewesen. Die Deutschen bauen die besten Autos der Welt. Künstler, Architekten, Forscher in Europa, sie alle wollten immer besser sein als andere. Da ist viel Gutes dran.

Aber?

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Peter Frankopan ist Leiter des Zentrums für Byzantinische Studien an der Universität Oxford. Sein letztes Buch "Licht aus dem Osten" stand lange auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

(Foto: Copyright Jonathan Ring)

Leider hat diese Wettbewerbsfähigkeit eine Kehrseite: Europa ist der gewalttätigste Kontinent der Erde. In den 600 Jahren zwischen 1350 und 1950 gab es nicht ein Jahrzehnt ohne Krieg. Wer ständig im Wettbewerb miteinander steht, schafft auch permanent Hierarchien. Daraus entstehen Ungleichheiten, zum Beispiel beim Einkommen und Vermögen. Die Ungerechtigkeiten in Europa nehmen zu. Außerdem haben Europäer vor so vielen Dingen Angst: vor Robotik, Künstlicher Intelligenz, vor China, vor Russland, Religion. In anderen Teilen der Welt sehen die Menschen Potenziale, nicht ständig Gefahren.

Sie sagen, der Westen braucht einen chinesischen Blick auf die Dinge?

Auch das ist eine Frage der Perspektive. Seit dem Fall der Berliner Mauer hat China 800 Millionen Menschen aus der extremen Armut befreit. In den 15 Jahren nach dem Mauerfall hat China so viele Wohnungen gebaut, wie es in ganz Europa gibt. Es gibt Wolkenkratzer mit 57 Stockwerken, die in 19 Tagen gebaut wurden. Dass so was bei uns nicht klappt, hat natürlich gute Gründe: Wir schützen die Umwelt, wir kümmern uns um Lärmschutz, bei uns haben auch Anrainer Rechte. Das macht uns aus. Aber andere Länder bewegen sich mit größerem Tempo in eine andere Richtung. Wenn Sie eine Antwort darauf wollen, ob das gut oder schlecht ist, dann lautet sie: Wenn du Angst hast und arm bist, triffst du andere Entscheidungen.

Die größten Defizite des Westens im Wettlauf mit China sind also mangelnde Ressourcen, Angst und unser Rechtsstaat. Sonst noch was?

Dass unser Image in der Welt nicht so positiv ist, wie wir annehmen. Als Europäer kann man der Welt kaum sagen: "Seid so wie wir". Die Bezeichnungen Vereinigtes Königreich oder Vereinigte Staaten von Amerika suggerieren nur Homogenität. Unsere Nationen sind zersplittert, ohne Mitte oder Schnittmengen. Die Antwort auf die Frage "Ist es gut oder schlecht ist, wenn China gewinnt?", führt nirgendwo hin. Wir denken immer: Diese Typen sind gut in Mathematik, die führen definitiv was gegen uns im Schilde.

Und das wäre? Hat Peking einen Masterplan?

Die neue Seidenstraße dient vielen Zwecken. China hat heute das nötige Geld und die Arbeitskräfte, um sie in verbündete Länder zu schicken. Dass die chinesische Führung zum Beispiel Pakistan, einem wenig entwickelten Land mit 200 Millionen Einwohnern, wirtschaftlich auf die Sprünge helfen will, erscheint nur logisch. Nach dem Fall der Mauer hatte Europa die gleiche Wahl: teilen oder einen goldenen Zaun rundherum bauen. Wir haben erkannt, dass es riskant ist, unseren Nachbarn nicht zu helfen. China sucht seinen Platz in der Welt. Der Plan ist, eine Führungsnation zu werden. Dafür lässt das Land seine Muskeln spielen. Das ist es, was pulsierende Volkswirtschaften eben machen.

Chinas Expansion hat aber auch eine Kehrseite: Mit den Infrastrukturprojekten entlang der Neuen Seidenstraße sollen Pekings Interessen bedient werden.

Es gibt natürlich hochkarätige Fälle, wo Projekte abgebrochen wurden, zum Beispiel in Malaysia oder Sri Lanka. Aber man muss fair sein. Wir dürfen unsere Vorurteile nicht auf China projizieren. Wir haben auch Imperien gegründet. In Westafrika einen Flughafen zu bauen, der floppt und das Land in eine tiefe Schuldenkrise stürzt, ist für China genauso schlecht wie für alle anderen. Investments müssen sich lohnen. Tatsächlich ist es doch so: Die Chinesen bewilligen Kredite für Wunschprojekte der jeweiligen Regierungen. In der Regel sind die Zinsen für diese Darlehen günstiger als am Markt. Und wenn die Dinge schlecht laufen, reagieren die Chinesen genauso wie alle Gläubiger. Sie versuchen, die Schulden umzustrukturieren. Das alles ist ein Lernprozess für Peking.

Also sollte man die Chinesen einfach mal machen lassen?

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Es ist schwierig, das Seidenstraßenprojekt abschließend zu beurteilen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie China auf die gescheiterten Projekte reagieren wird. So schwierig das chinesische System zu durchschauen ist, es ändert sich etwas. Dinge werden hinterfragt. Intellektuelle diskutieren, warum China Länder im Mittleren Osten, die Öl haben, finanziert. Was es mit der Seidenstraße auf sich hat, wie sich China in der Welt engagiert. Sie fragen, ob China robust genug ist und sich das alles leisten kann. Zu behaupten, es würde in aller Öffentlichkeit diskutiert, wäre allerdings zu viel gesagt.

Was halten Sie von den Bestrebungen des Westens, sich gegen China abzuschotten?

In unserer globalisierten Welt verlieren Menschen in Bremen oder Stuttgart ihre Jobs wegen Ländern, die sie überhaupt nicht auf dem Schirm haben. Die Aufgabe der Politik ist es, das zurechtzurücken. Für mich gibt es nur die globale Sicht auf die Dinge. Nehmen wir das Beispiel Siemens-Alstom. Siemens' Hauptaugenmerk liegt bei den Aktionären, nicht bei den Bürgern Europas. Aber die Aktionäre sind nicht nur Deutsche oder Europäer, sie sind international. Und die Unternehmen stehen weltweit im Wettbewerb. Die Politiker in Brüssel wiederum wollen zum Wohle des europäischen Volkes entscheiden. Aber sollen sie die deutschen Bürger schützen oder die Arbeitnehmer von Siemens? Wo ist das Gleichgewicht zwischen den Interessen der Bürger, der Arbeitnehmer, der Aktionäre und der EU?

Brüssel muss China also offener die Stirn bieten?

Die EU-Kommission ist der Ansicht, sie müsste sich nur um Handelsfragen, nicht um Politik kümmern. Das ist interessant, weil es genau das ist, was ich in Peking zu hören bekomme: Wir wollen nur Business und Win-win. Ohne einen politischen Standpunkt aber kannst du keine Geschäfte machen. Wir sind schizophren, wir kritisieren den chinesischen Überwachungsstaat, investieren aber in Unternehmen, die das Equipment dafür bauen. Europa muss politischer denken. Auch wenn andere eine bestimmte politische Sicht auf uns haben, hat das Folgen für uns, egal ob das China, Saudi-Arabien oder Iran ist. Das ist aber sehr schwer für unsere Politiker zu begreifen. Sie reisen nicht viel nach Asien und sie werden beeinflusst von Menschen, denen völlig egal ist, was in anderen Teilen der Welt passiert. Unseren Kindern, Studenten und zukünftigen Wählern bringen wir deshalb auch nichts anderes bei. Wir leben in einer Welt, die weiter ist als wir in unseren Köpfen. Für die Globalisierung sind wir noch gar nicht bereit - weder philosophisch noch politisch noch wirtschaftlich.

Mit Peter Frankopan sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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