Wirtschaft

Drastische Wende Chinesen verdrängen ausländische Marken

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Chinas Staatsführung will die Volksrepublik unabhängiger vom Ausland machen.

(Foto: REUTERS)

Lange waren ausländische Produkte in China heiß begehrt. Doch die Zeiten ändern sich. Für deutsche Unternehmen dürfte das unerfreulich sein.

Sie heißen Geely, Dongfeng und Chagang. Noch kommen sie an die meistverkaufte Automarke Volkswagen nicht heran. Doch der Trend auf dem größten Kfz-Markt der Welt geht eindeutig in Richtung "buy Chinese". Chinas Verbraucher wollen heimische Marken. Ausländische Hersteller und auch die deutsche Branche suchen neue Formen der Zusammenarbeit - um sich sozusagen ein chinesisches Mäntelchen überzuziehen. Mit einer steigenden Nachfrage nach ehemals hochbegehrten ausländischen Produkten rechnet nur noch ein Drittel der deutschen Unternehmen in China.

Es ist eine drastische Wende gegenüber 2019, als noch fast zwei Drittel einen kontinuierlichen Aufwärtstrend erwarteten - und nur eine der massiven Verschiebungen in den Geschäftserwartungen, die sich in einer aktuellen Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in der Volksrepublik zeigen. Die Ergebnisse signalisieren eine deutliche Stimmungseintrübung. Der Optimismus weicht einer wachsenden Verunsicherung und gedämpften Erwartungen, wie sie auch im jüngsten Elite Panel von "Capital" und "FAZ" augenscheinlich wurden.

Die treibende Kraft hinter dem Stimmungsumschwung ist die chinesische Staatsführung, die die Volksrepublik unabhängiger vom Ausland machen will. "Decoupling" und "Dual Circulation" sind die Schlagworte, die für eine Zukunftsstrategie der Selbstversorgung stehen. Deutschlands Botschafter in Peking Frank Rückert rechnet vor diesem Hintergrund mit "negativen Auswirkungen auf den Handel". Die Weichen hat die Staatsführung im vergangenen Jahr gestellt, unter anderem mit dem Konzept zweier Kreisläufe in dem bis 2025 geltenden Fünfjahresplan, das heimische Firmen stärken und sie von ausländischer Technologie und dem Welthandel loslösen soll.

"Investitionen sind da willkommen, wo ein Rückstand besteht, und sie werden eingeschränkt, wo chinesische Konkurrenten technologisch schon führend sind", umschreibt es Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business von KPMG in Deutschland. Die Wirtschaftsprüfer sind an der Befragung beteiligt, an der im vergangenen Oktober knapp 600 Unternehmen verschiedener Branchen mit Geschäften in China teilnahmen, davon 70 Prozent mit eigener Produktion.

Politisierung der Wirtschaft

Die meisten Sorgen machen sich die befragten Unternehmen inzwischen wegen der zunehmenden Ungleichbehandlung, der sie sich im regulatorischen Umfeld in China gegenübersehen. 34 Prozent von ihnen beobachteten, dass heimische Konkurrenten bevorzugt werden - besonders in den Bereichen Marktzugang, öffentliche Beschaffung und Regulierung. Ein Jahr zuvor waren es nur 20 Prozent, und das Problem der Ungleichbehandlung lag auf Rang sechs der größten Sorgen.

"Fehlende Gleichbehandlung ist zur größten regulatorischen Herausforderung für die deutsche Wirtschaft in China geworden", sagt Clas Neumann, Präsident der deutschen Handelskammer in Shanghai. 42 Prozent der Betriebe, die an Ausschreibungen teilnahmen, sehen sich benachteiligt und berichten über mangelnde Transparenz, "Buy-local"-Politik und die Bevorzugung von Staatsbetrieben. Beamte müssen es gut begründen, heißt es, wenn sie ausländischen Bietern den Zuschlag erteilen.

Es sind Auswüchse der zunehmenden Politisierung der chinesischen Wirtschaft, die noch in dem schwelenden Handelsstreit mit den USA begründet ist, sich zuletzt aber vor allem in den harten Eingriffen der Regierung zur Kontrolle führender Großkonzerne äußert. Wenn wieder Grenzen hochgezogen würden, betonte Botschafter Rückert gegenüber Pressevertretern, schade das auch international orientierten chinesischen Firmen. "Ein Level-Playing-Field ist die Voraussetzung für eine Vertrauensbasis." AHK-Vertreter Neumann forderte: "Für ein zukunftsfestes Engagement im chinesischen Markt benötigt die deutsche Wirtschaft ein Zeichen, dass Gleichberechtigung Teil des Wirtschaftssystems ist."

In dem raueren Geschäftsumfeld sehen sich Unternehmen neben Corona-bedingten Einschränkungen vor allem mit Problemen wie hohen Rohstoff-, Energie- und Logistikkosten konfrontiert. Um der zunehmend auf den Binnenmarkt und heimische Marken zielenden Nachfrage und der erstarkten lokalen Konkurrenz zu begegnen, suchen sie neue Formen der Zusammenarbeit - etwa eher strategische Partnerschaften als Joint Ventures, so Neumann - eine eher paradoxe Entwicklung, nun da es einfacher sei, Gemeinschaftsunternehmen zu gründen und zu führen.

Pandemie hinterlässt Schäden

Ungeachtet der neuen Hürden überwiegt die Erwartung auf weiter ausbaufähige Geschäftschancen in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt: Nur ein sehr kleiner Teil der Unternehmen vor Ort plant laut der AHK-Umfrage, seine Geschäfte einzustellen. 96 Prozent wollen ihre Präsenz mindestens um zwei Jahre verlängern. Die Hälfte der Firmen erwartet Verbesserungen in ihrem Sektor, 18 Prozent eine Verschlechterung. Weniger Chancen als zuvor werden dabei in einem steigenden Binnenkonsum gesehen. Größere Chancen hingegen wittern nicht wenige Unternehmen in einem grünen Wachstum und dem von Peking eingeschlagenen Weg zur CO2-Neutralität bis 2060.

Nicht zuletzt hinterlässt jedoch die Pandemie bleibende Schäden, so das Fazit der Wirtschaftsvertreter. Es fehle an Gelegenheiten, über persönliche Dialoge Kluften zu überwinden und politisierte Probleme zu lösen. Ohne einen von AHK und Botschaft eingerichteten Charterbetrieb wäre der kommerzielle Flugverkehr wohl ganz zum Erliegen gekommen. Und wenn es wegen der strikten Quarantänebestimmungen zwei Monate dauern könne, bis Reisende vor Ort seien, bleibe nur die Hoffnung, dass die Staatsführung pragmatischere Wege finde. Zugleich stellt man sich in der Volksrepublik mit der Ankunft und Verbreitung der Omikron-Variante auf neuerliche Lockdowns ein - und auf wahrscheinlich zwei weitere Jahre mit Reisebeschränkungen.

Dieser Text erschien zuerst bei "Capital"

Quelle: ntv.de

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