Wirtschaft

Luxusgeschenke und satte Boni Corona-Gewinner kämpfen gegen Corona-Burnout

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Die großen Wirtschaftsprüfer wie PricewaterhouseCoopers (PwC) stecken die Pandemie gut weg.

(Foto: imago/Levine-Roberts)

Einmalzahlungen, Peloton-Räder, Apple-Geräte: Nach einem Jahr Pandemie und teils horrender Überstunden winken einigen Arbeitnehmern üppige Prämien und Geschenke. Große Kanzleien und Beratungsfirmen wollen damit nicht nur Depressionen, sondern auch der Abwanderung von Mitarbeitern entgegenwirken.

Während viele Menschen wegen Pandemie und Lockdowns überhaupt keine Arbeit mehr haben oder sich in Kurzarbeit befinden, haben andere die geschäftigste Zeit ihres Berufslebens. Nachwuchsjuristen in internationalen Kanzleien und aufstrebende Mitarbeiter in großen Beratungsunternehmen beispielsweise gehören zur zweiten Gruppe. Horrende Überstundenkonten und übermächtiger Schlafmangel scheinen ihre ständigen Begleiter geworden zu sein. Damit sie nicht scharenweise flüchten, ein vorzeitiges Karriereende erwägen oder zur Konkurrenz wechseln, greifen ihre Arbeitgeber nun immer häufiger in die gut gefüllten Corona-Kassen.

Elitäre US-Anwaltskanzleien wie Davis Polk & Wardwell und Simpson Thacher & Bartlett zum Beispiel haben laut "Financial Times" (FT) in den vergangenen Wochen Einmalzahlungen zwischen 12.000 und 64.000 US-Dollar für jeden Mitarbeiter angekündigt, um ihre Arbeit in der Pandemie anzuerkennen. Die Prämie kommt noch zu den Corona-Boni, die Ende des vergangenen Jahres gezahlt wurden, obendrauf.

Grund ist die enorme Mehrarbeit, die die Arbeitnehmer wegen des Booms an Übernahmen und Fusionen in der Corona-Krise geleistet haben. Anwälte und Banker wurden geradezu überschwemmt mit Anfragen von Unternehmen, die krisenbedingt umstrukturiert werden mussten. Im Corona-Jahr 2020 allein wurden laut FT 8000 Private-Equity-Deals angemeldet - so viele wie nie zuvor.

Gleichzeitig kletterte die Zahl der Insolvenzanträge nach Chapter 11 mit Verbindlichkeiten über zehn Millionen US-Dollar nach Angaben der Wirtschaftsprüfer von PwC um 16,5 Prozent. Die Nachfrage nach Rechts- und Unternehmensberatung hat die Kassen der Firmen klingeln lassen: Der US-Gigant Latham & Watkins zum Beispiel setzte im vergangenen Monat weltweit 4,3 Milliarden US-Dollar um - ein Rekord für eine US-Anwaltkanzlei.

"Angst vor Burnout ist real"

Die Kehrseite der Medaille: Immer mehr Beschäftigte kämpfen gegen Erschöpfungssymptome. "Die Angst vor Burnout ist real. Seit dem 1. Januar habe ich ungefähr 150 Prozent meiner angestrebten Stunden gearbeitet", zitiert die FT einen Mitarbeiter der US-amerikanischen Anwaltskanzlei Latham & Watkins, der anonym bleiben wollte. "Die Arbeit ist interessant, hat aber jeden wachen - und manchmal schlafenden- Moment durchdrungen. Da die Möglichkeit, Urlaub zu machen, eingeschränkt ist, besteht die implizite Erwartung, dass wir allgemein zur Verfügung stehen, um zu helfen. Ich denke oft darüber nach, wie lange dies aufrechterhalten werden kann."

Nicht nur Anwälte, auch Mitarbeiter von Finanzdienstleistern sind im vergangenen Jahr einem wachsenden Druck auf der Arbeit ausgesetzt gewesen. Letzte Woche beklagten sich Analysten, die im ersten Jahr bei Goldman Sachs arbeiten, dass sie durchschnittlich 95 Stunden pro Woche arbeiten würden und an Schlaflosigkeit und Angstzuständen litten. Ein Headhunter für Anwaltskanzleien in den USA, weist gegenüber der Zeitung darauf hin, dass Mitarbeiter nicht einfach ersetzt werden könnten. "Wenn ein Mitarbeiter, der 2500 Stunden pro Jahr abrechnet, geht, müssen Sie diese Stunden auf andere Personen verteilen. Wenn zwei gehen, wird es zu einem Problem. "

Verschiedene Arbeitgeber haben bereits einräumt: Die Zahlen der Burnout-Fälle, Kündigungen oder Jobwechsel nehmen zu: "Wir sind wirklich besorgt darüber, es ist nicht nur ein Problem des Selbsterhalts, sondern auch ein Fürsorgeproblem", sagt beispielsweise der Vorsitzende der Anwaltskanzlei Ashurst, Ben Tidswell. Es sei "kein Geheimnis", dass Mitarbeiter "sich dem Burnout nähern", sagt auch der Geschäftsführer des Personalberatungsunternehmens Major, Lindsey & Africa, Nathan Peart. "Unternehmen ergreifen Maßnahmen und ein Ausgangspunkt ist Geld."

Peloton-Fahrräder, Apple-Geräte und Therapeuten

Firmen bieten ihren gestressten Mitarbeitern jedoch nicht nur zunehmend Bargeld, um sie zu halten. Die US-amerikanische Investmentbank Jefferies buhlt beispielsweise mit einem Fitnessrad der derzeit angesagten Marke Peloton, das über 2000 US-Dollar kostet, um die Treue seiner Mitarbeiter - oder Apple-Geräten. Andere verteilen Weinpakete oder locken mit einem bezahlten Einkaufsbummel. Wiederum andere versprechen auch, mehr Personal einzustellen, um die Belastung für die Beschäftigten in diesen herausfordernden Zeiten zu reduzieren.

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Ein Problem, das die aufstrebenden jungen Mitarbeiter für sich selbst isoliert zu haben scheint, ist die Tatsache, dass die horrenden Arbeitszeiten im Homeoffice in der Pandemie nicht mehr durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl und der Identifikation mit dem Unternehmen kompensiert werden können. Vor der Pandemie sei ihnen das "unerbittliche Arbeitstempo als lohnenwert" erschienen, berichtet ein nicht namentlich genannter angehender Anwalt der Zeitung. Ohne Ablenkungen wie Arbeitstreffen oder Drinks mit Kollegen und mit mehr "Raum im Kopf, um über Optionen nachzudenken, wird es für einige von uns immer offensichtlicher, dass wir fragwürdige Lebensentscheidungen getroffen haben".

Die vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt: Deloitte, EY (Ernst & Young), KPMG und PricewaterhouseCoopers (PwC) bieten ihren Mitarbeitern soziale Unterstützung an. Deloitte betreibt einen "Kaffee-Club", in dem sich Mitarbeiter zu zweit per Zoom austauschen können. Eine Anwaltskanzlei hat einen Psychologen angestellt, den die Arbeitnehmer aufsuchen können. Nicht alle teilen jedoch das Einsehen in diese Problematik. Bill Michael, Ex-Geschäftsführer von KPMG, musste zurücktreten, nachdem er Mitarbeitern gesagt hatte, sie sollten "aufhören zu stöhnen" und "die Opferkarte zu spielen".

Quelle: ntv.de, ddi

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