Wirtschaft

"Trifft einen Nerv" DIW-Chef zeigt Verständnis für Kühnert-Ideen

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Laut DIW-Präsident Marcel Fratzscher nimmt die soziale Polarisierung in Deutschland zu.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kevin Kühnert verteidigt seine Sozialismus-Thesen vehement. Der DIW-Präsident hält eine Rückkehr zum Sozialismus zwar für den falschen Weg. Im Gespräch mit n-tv sagt Marcel Fratzscher aber auch, der Juso-Chef treffe mit seinen Aussagen zu Recht einen Nerv.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat die Gedankenspiele von Juso-Chef Kevin Kühnert zur Kollektivierung von Großunternehmen und der Beschränkung von Immobilienbesitz zurückgewiesen. Eine Enteignung von Privatunternehmen sei sicherlich nicht die richtige Antwort auf die Probleme, die wir in Deutschland haben, sagte Institutspräsident Marcel Fratzscher im Gespräch mit n-tv.

Es gebe zwar Unternehmen, die ihre Marktposition missbrauchten und manche Kunden über den Tisch ziehen, so der Ökonom. Enteignungen seien aber kein geeignetes Gegenmittel. Vielmehr müsse der Staat "ordentlich regulieren".

Fratzscher pflichtete dem Juso-Chef aber auch bei: "Herr Kühnert trifft zu Recht einen Nerv, denn die soziale Polarisierung in Deutschland nimmt zu. Wir haben einen ungewöhnlich großen Niedriglohnbereich, das Armutsrisiko steigt trotz Wirtschaftsbooms. Die Ungleichheit nimmt zu, viele Menschen sind unzufrieden, auch wegen der steigenden Mieten in den Großstädten. Die Frage ist, was ist die richtige Lösung darauf. Und zurück zum Sozialismus kann nicht die richtige Antwort sein." Vielmehr müsse die soziale Marktwirtschaft wieder zum Funktionieren gebracht werden. "Das heißt: Wettbewerb, gute Regulierung, gute Unternehmen, die produktiv sind und gleichzeitig ein Sozialstaat, der wirklich allen eine Chance gibt", so Fratzscher.

Vermögen ungerecht verteilt

Fratzscher zufolge ist hierzulande das Vermögen ungerecht aufgeteilt. "In Deutschland ist sehr viel Vermögen in der Hand von relativ wenigen. Wir haben ein Wirtschaftsmodell, das sehr stark auf mittelständischen Familienunternehmen beruht, hier ist viel Vermögen." Doch die meisten Unternehmer würden verantwortungsvoll handeln. "Diese Menschen schaffen gute Jobs, zu guten Einkommen, mit langfristigen Perspektiven." Es sei also ein funktionierendes Modell vorhanden. "Die Frage ist vielmehr, wie man die wenigen schwarzen Schafe, die die Marktwirtschaft missbrauchen, besser reguliert."

Zu Lösungsansätzen sagte Fratzscher: "Die soziale Polarisierung in Deutschland zu bekämpfen, erfordert mehrere Maßnahmen." Zum einen gelte es Marktmissbrauch zu verhindern, zum anderen müsse ein Steuersystem geschaffen werden, das fair sei. "Deutschland besteuert Einkommen auf Arbeit ungewöhnlich stark, Einkommen auf Vermögen ungewöhnlich gering. Das kann nicht funktionieren. Hier muss eine Chancengleichheit hergestellt werden. Es kann also durchaus gelingen, die vielen Menschen mitzunehmen, die vom Wirtschaftsboom der letzten Jahre in Deutschland wenig mitbekommen haben."

Quelle: n-tv.de, kpi

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