Wirtschaft

Genialer Sanierer John Legere Das Meisterstück des T-Mobile-Kasperl

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Managementgenie und Kochwahnsinn liegen dicht beieinander bei John Legere.

(Foto: AP)

Jahrelang war die US-Tochter das Sorgenkind der Deutschen Telekom. Doch der für bizarre Auftritte bekannte John Legere hat den Sanierungsfall T-Mobile in wenigen Jahren zum Star der Branche gemacht. Die Fusion mit Sprint ist Höhepunkt und vorerst auch Abschluss seiner Karriere.

Lohn Legere hat wieder einmal gekocht. Das macht er jeden Sonntag - live auf Facebook. Der Auftritt ist typisch für den Boss der Deutsche-Telekom-Tochter T-Mobile US: Der 61-Jährige trägt über seinem natürlich magentafarbenen T-Shirt eine Schürze, auf der ein lebensgroßer halbnackter Männerkörper zu sehen ist. Während er in seinem Schongarer-Topf eine unidentifizierbare Pampe aus Hackfleisch, Salami und Käse mit Fertigsoße zusammenrührt, die laut Legere eine Pizza darstellen soll, kommentiert der Manager jüngste Ereignisse in der Welt und in seinem Unternehmen. Außerdem antwortet er live auf Fragen seiner mehr als zehntausend Zuschauer. Der Eindruck täuscht nicht: Hier tritt der Klassenkasper der US-Wirtschaft auf - aber auch einer ihrer erfolgreichsten Manager. Mit der Genehmigung der Fusion von T-Mobile mit dem Konkurrenten Sprint steht Legere vor dem Höhepunkt und vorläufigen Abschluss seiner Karriere.

Neben den clownesken Auftritten bei Facebook und Twitter, wo 6,5 Millionen Nutzer ihm folgen, helfen zwei Zahlen, den Hobbykoch Legere richtig einzuordnen: Mehr als 66 Millionen Dollar (gut 60 Millionen Euro) verdiente er inklusive erfolgsabhängiger Boni 2018. Sein Chef, der Vorstandsvorsitzende der Konzernmutter Deutsche Telekom, Tim Höttges, bekam gerade einmal 5,4 Millionen Euro. Allein für den erfolgreichen Abschluss der Fusion mit Sprint könnte Legere noch einmal eine Prämie von fast 60 Millionen Dollar einstreichen.

T-Mobile, die Tochter, die die Telekom vor wenigen Jahren einfach nur loswerden wollte, ist inzwischen der wichtigste Gewinn- und Wachstumslieferant für den Bonner Konzern. Der langhaarige Typ, der da gerade mit seiner bewusst dilettantischen Kochshow die Massen auf Facebook unterhält, ist der Mann, der das (fast) im Alleingang möglich gemacht hat.

Kunden statt Controller

Als Legere 2012 die Führung von T-Mobile US übernahm, hatte die Deutsche Telekom gerade ihren Versuch einer weltweiten Expansion aufgegeben. Beteiligungen in Russland, Indonesien und anderen Ländern wurden verkauft. Nur die US-Mobilfunk-Tochter wurde man nicht los. Mehrere Fusions- und Verkaufsversuche scheiterten. Mit Legere, der sich als Sanierer unrentabler Unternehmen in der Telekombranche einen Namen gemacht hatte, kam die für viele Beobachter überraschende Wende: Innerhalb weniger Jahre wurde aus dem laut Legere "am schnellsten schrumpfenden" Mobilfunkanbieter der USA der am schnellsten wachsende Player der Branche.

Mit seinen schrillen Auftritten verschaffte der unkonventionelle Chef dem Unternehmen kostengünstig Bekanntheit und ein cooles, sympathisches Image. Doch wichtiger als das Marketing war der radikale Strategieschwenk Legeres. Hinter der lustigen Fassade steckt ein begnadeter Kommunikator und vor allem ein erfahrener Manager, der an mehreren renommierten Universitäten der USA studiert hat. Konsequent richtete er das Angebot von T-Mobile an den Wünschen der Kunden aus statt wie zuvor vor allem an denen der Controller. Lange Kündigungsfristen, intransparente Vertragspakete und auch Roamingebühren in andere Netze ließ Legere abschaffen. Damit hob sich T-Mobile von der Konkurrenz ab. Um zu verstehen, was die Kunden wollen und vor allem, was sie ärgert, nimmt der bekennende Workaholic Legere nicht nur über die sozialen Netzwerke direkt mit ihnen Kontakt auf. Berichten zufolge hört er immer wieder bei Gesprächen der Kundenberater im Call Center zu.

Viele Anfragen sanierungsbedürftiger Firmen

Inzwischen hat sich T-Mobile zum drittgrößten Mobilfunkanbieter der USA hochgearbeitet. Der Aktienkurs hat sich seit dem Börsengang 2013 im Zuge der Übernahme des kleineren Konkurrenten Metro mehr als vervierfacht. Der Börsenwert von T-Mobile US ist inzwischen etwa so hoch wie der des deutschen Mehrheitseigners. Die nun genehmigte Fusion mit Sprint soll den Weg für weiteres Wachstum freimachen.

Das Echo dieses Erfolges in der Telekomzentrale in Bonn ist bemerkenswert leise. Nicht nur ein kultureller Graben trennt Paradiesvogel Legere von der Konzernmutter. Berichten zufolge "nervt" es Telekom-Chef Höttges, dass sein Untergebener mehr als zehn Mal so viel verdient wie er selbst.

Die nun in Reichweite gerückte Fusion ist wohl auch deshalb das letzte Meisterstück Legeres bei T-Mobile. Sein im Mai auslaufender Vertrag wurde auf Betreiben Bonns nicht verlängert. Meldungen, er werde dann die Führung des in Turbulenzen geratenen Startups WeWork übernehmen, dementierte Legere. Anfragen sanierungsbedürftiger Unternehmen habe er allerdings schon viele bekommen und zur Ruhe setzen werde er sich jedenfalls nicht.

Quelle: ntv.de