Wirtschaft

Marsalek in Russland vermutet Das ist der Mann, den Interpol will

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Auch in Deutschland wird nach Marsalek gefahndet.

(Foto: AP)

Ehemalige Kollegen beschreiben ihn als "Phantom" sowie "abgezockt" und "abgebrüht": Nach dem ehemaligen Wireceard-Manager Jan Marsalek wird international gefahndet. Er hat sich womöglich nach Russland abgesetzt.

Der Wirecard-Skandal dreht sich derzeit um einen Mann: Jan Marsalek. Der 40-Jährige war für das Tagesgeschäft des mittlerweile insolventen Zahlungsdienstleisters zuständig und ist wohl im Ausland untergetaucht. Das Bundeskriminalamt sucht nach ihm, Interpol hat ihn weltweit zur Fahndung ausgeschrieben. Wer ist dieser Mann, der sich mit der Aura des Geheimnisvollen umgibt?

Aus der Öffentlichkeit hielt sich der Österreicher weitgehend heraus. Bekannte beschreiben ihn als "abgezockt", "unnahbar" und "abgebrüht". Vieles aus Marsaleks Privatleben und seinen geschäftlichen Projekten ist nur aufgrund von Medienrecherchen bekannt oder bleibt Spekulation. "Er war der Typ, der immer sein Notebook zugeklappt hat, wenn man ihm zu nahe kam", sagte ein Manager der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Halb Wirecard habe Angst vor ihm gehabt, zitiert das "Handelsblatt" einen langjährigen Mitarbeiter in der Zentrale in Aschheim. Ein anderer Manager beschreibt Marsalek dort als "Phantom", das er fast nie gesehen habe.

Marsalek hat sein halbes Leben bei Wirecard verbracht, mit 20 Jahren fand er einen Job bei dem Vorgänger-Unternehmen des Zahlungsabwicklers. Zuletzt steuerte er als Vorstand das Asiengeschäft und stellte damit sicher, dass die Wünsche von Unternehmenschef Markus Braun Realität wurden - zumindest in den Bilanzen. Wirecard weist über Jahre hinweg ein rasantes Wachstum aus. Dafür sorgt stetig das angeblich außerordentlich wachstumsstarke und margenträchtige Asiengeschäft.

Der Bilanzprüfer EY stellte Mitte Juni fest, dass rund 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf Treuhandkonten bei philippinischen Banken lagen, nicht existierten - das Ergebnis wahrscheinlich nicht existierender Luftgeschäfte mit Subunternehmern in Südostasien und im Mittleren Osten.

"Einer muss Schuld haben"

Die Staatsanwälte gehen von jahrelangem und "gewerbsmäßigem Bandenbetrug" aus und rätseln, wie das Frisieren der Bilanzen so lange unentdeckt blieb, obwohl die "Financial Times" und andere seit Jahren über Unregelmäßigkeiten berichtet hatten. Ein möglicher Grund: In Vernehmungen sei von "Korpsgeist" und einem "streng hierarchischen System" unter Braun die Rede, sagt die leitende Staatsanwältin. Marsalek verhält sich zu seinem Ex-Chef auch nach seiner Flucht loyal - das geht zumindest aus Chatprotokollen hervor, die dem "Handelsblatt" vorliegen. Er schrieb demnach einem Vertrauten über den Messengerdienst Telegram am 21. Juni: "Einer muss Schuld haben, und ich bin die naheliegende Wahl."

Auf die Frage, ob Ex-Vorstandschef Braun vom Absturz Wirecards überrascht gewesen sei, textet Marsalek: "Es wäre schlimm, wenn er das nicht gewesen wäre." Und weiter: "Es geht zunächst mal darum, die Firma, Mitarbeiter und Kunden zu schützen. Ein vereinfachter Narrativ hilft da." Außerdem schrieb er: "Ich dementiere die Vorwürfe auch nicht."

Marsalek soll weder Abitur noch studiert haben. Dennoch kam er im Jahr 2000 als Projektmanager für Zahlungssysteme zu Wirecard. Später arbeitete er in der IT und der Produktentwicklung und leitete nach Angaben von Wirecard nicht näher genannte "Tochterunternehmen im Konzern". 2009 übernahm Marsalek demnach "Leitungsfunktionen im Vertrieb". Im Februar 2010 stieg er schließlich in den Konzernvorstand auf.

Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" verbirgt sich hinter der Heimlichtuerei Marsaleks ein bizarres Privatleben. Er habe "Feind"-Diagramme verteilt und extravagante Partys gefeiert, heißt es. Von Sushi, serviert auf dem nackten Körper einer Frau, ist die Rede. Marsalek soll Champagner-Rechnungen über Hunderte Euro in bar bezahlt haben.

Verbindungen zu russischem GRU vermutet

Die "New York Times" berichtete von einem Doppelleben und "unüblichen" persönlichen Investitionen abseits der europäischen Finanzbranche. Bei Recherchen und Gesprächen mit Geschäftspartnern stieß die Zeitung unter anderem auf Verbindungen nach Libyen: Neben wirtschaftlichen Beteiligungen in dem Bürgerkriegsland soll sich Marsalek besonders für den Aufbau einer 15.000 Mann starken Grenzmiliz interessiert haben.

Dem "Spiegel" zufolge hat sich Marsalek in Mailand offenbar mit Vertretern einer Firma getroffen, die für ihre Spähprogramme berüchtigt ist, mit denen auch Dissidenten ausspioniert werden. Allerdings soll der Österreicher nicht als Wirecard-Vorstand in Italien gewesen sein, sondern als "Repräsentant" des Karibikstaates Grenada

Marsalek wird nachgesagt, er sei fasziniert von Geheimdiensten. Angeblich hat er sogar tatsächlich derartige Kontakte geknüpft. Im Telegram-Chat gibt er mit Beziehungen zum Mossad, zur CIA und zu anderen Geheimdiensten an und prahlt mit einem Vermögen in Millionenhöhe. Er habe "mehrere Pässe, wie jeder gute Geheimagent", schreibt er. Auch Verbindungen zum Russlands Militär-Geheimdienst GRU werden Marsalek von einigen Medien nachgesagt. Dabei ist sogar von einer Reise nach Syrien und Insiderwissen über den Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien die Rede.

Angeblich in Russland untergetaucht

Derweil ist der Aufenthaltsort des ehemaligen Wirecard-Vorstands weiter unbekannt. Er hatte über seinen Anwalt erklären lassen, sich nicht der Justiz stellen zu wollen. Medienberichten zufolge befindet sich Marsalek unter GRU-Aufsicht auf einem Anwesen westlich von Moskau. Zuvor habe er erhebliche Summen in Form von Bitcoins aus Dubai nach Russland geschafft, so das "Handelsblatt". Die Erkenntnisse nähren laut "Spiegel" die These, Marsalek habe mit russischen Geheimdiensten kooperiert oder für sie gearbeitet.

Im Chat macht sich Marsalek über die Pressegerüchte lustig. "Scheinbar habe ich eine philippinische Ehefrau. (Lach-Smiley) Ich dachte, ich bin in China? Oder bin ich von dort nach Russland? (Lach-Smiley)" Auf die Frage, ob das politische Systeme denn stabil genug sei, in dem er jetzt befindet, antwortet Marsalek: "Ja, sind immer noch dieselben Leute am Ruder wie vor 25 Jahren." Dann witzelt über ein Wiedersehen mit seinem Chatpartner: "Müssen wir aber eventuell entweder im Gefängnishof machen, oder falls ich die 1,9 Milliarden finde, auf (m)einer Karibikinsel. (Zwinker-Smiley)"

Quelle: ntv.de, jga/dpa/AFP/rts