
Heute Abend eröffnet das Weltwirtschaftsforum. In den Hotellobbys von Davos geht es nicht um Visionen, sondern um Vorbereitung. Vorbereitung auf Mittwoch. Denn dann kommt Donald Trump - und mit ihm die Frage, wie weit er eskalieren wird.
Donald Trump ist noch nicht da, und doch bestimmt er jedes Gespräch. Am Mittwoch reist der US-Präsident an und wird eine Rede halten. Niemand zweifelt daran, dass es ein Auftritt der Eskalation wird. Zölle, Druck, Drohungen - das gewohnte Arsenal. Selbst seine jüngste Strafzoll-Offensive wegen Grönland wird hier bereits als Blaupause gelesen: Außenpolitik als Hebel, Wirtschaft als Waffe, Macht als Methode.
In der Vergangenheit reagierte Davos darauf mit Anpassung. Trump wurde zur Rechengröße. Was früher Empörung auslöste, wanderte nun in Excel-Tabellen. Nähe zur Macht wurde die wichtigste Währung. Wer Zugang nach Washington hatte, gewann Zeit und erhoffte sich Vorteile. "America First" war kein politischer Slogan mehr. Es wurde zur Realität, der man sich fügte.
Doch in diesem Jahr ist etwas anders. Die Routine bröckelt. In Hintergrundgesprächen sagen europäische Manager und Politiker Sätze, die man hier lange nicht gehört hat: Man dürfe sich nicht mehr alles gefallen lassen. Nicht jede Drohung. Nicht jede Zoll-Erpressung. Der permanente Ausnahmezustand, öffentliche Demütigungen, das Regieren per Strafmaß - all das stoße an Grenzen. Noch ist das kein Aufstand. Aber es ist ein Stimmungswechsel.
Davos wirkt dadurch weniger abgeklärt als sonst, fast unruhig. Anpassung funktioniert nur, wenn der Rahmen planbar bleibt. Doch Trump produziert Unsicherheit als Prinzip. Auf ihn ist kein Verlass. Wer heute einknickt, weiß nicht, was morgen folgt. Gerade in Europa wächst die Einsicht, dass permanentes Nachgeben Trump zu neuen Attacken ermuntert.
Zumindest ein Anfang
Souveränität statt Selbstaufgabe? Das zeigt sich etwa bei Technologie-Themen, die von der KI dominiert werden. Anders als in den Vorjahren geht es nicht mehr nur um Tempo und Skalierung. Es geht um Eigenständigkeit. In den USA wird KI gefördert, subventioniert, politisch vorangetrieben. In Europa wird dagegen eher reguliert und diskutiert. Jetzt hört man immer häufiger: Ohne eigene industrielle Stärke wird Regulierung zur Selbstfesselung. Auch das ist neu.
Deutschland steht dabei exemplarisch für das europäische Dilemma: gute Analyse, begrenzte Entscheidungsfreude. Hohe Energiepreise? Zu viel Bürokratie? Zu wenig Fachkräfte? Alles bekannt, muss alles dringend gelöst werden. Doch mit der Umsetzung hapert es dann. Doch auch hier ändert sich die Tonlage. Statt nur zu erklären, warum etwas schwierig ist, wird immer häufiger gefragt, warum nicht endlich Probleme gelöst werden. Das ist noch keine Entschlossenheit. Aber es ist zumindest ein Anfang.
Trump dürfte am Mittwoch genau das machen, was er am besten beherrscht: schmähen, drohen, attackieren. Der Unterschied zu früher: Europa hört diesmal genauer hin - und denkt erstmals darüber nach, geschlossen zu reagieren. Der "Spirit of Dialogue" - so lautet das diesjährige Motto des Forums - ist noch da. Doch er wird ergänzt durch etwas, das in Davos lange gefehlt hat: die Bereitschaft, Grenzen zu ziehen.
