Zigtausende neue StellenDer Jobmotor Rüstungsindustrie brummt
Von Christina Lohner
Nicht nur die politische Bedeutung von Sicherheit und Verteidigung nimmt massiv zu. Die Aufrüstung in Europa stärkt auch die Rüstungsunternehmen. Damit steigt die Zahl der Arbeitsplätze in der Branche deutlich.
Während sich in München mehr als 60 Staats- und Regierungschefs zur "Sicherheitskonferenz der Superlative" treffen, wächst auch der Wirtschaftsfaktor Rüstung. Kurz vor dem Jahreswechsel hat der Bundestag den Weg für Rekord-Rüstungsaufträge von rund 50 Milliarden Euro freigemacht. Die großen Unternehmen der Branche dürften ihre mittelständischen Zulieferer zurzeit fleißig mit neuen Aufträgen versorgen. Damit wachsen auch die Jobaussichten in dem Bereich weiter.
In den europäischen Nato-Mitgliedsstaaten ist die Zahl der direkt im Rüstungsbereich Angestellten laut einer gerade erschienenen McKinsey-Studie auf 633.000 gestiegen. Das sind demnach 44 Prozent mehr als vor fünf Jahren, also vor der russischen Vollinvasion in der Ukraine.
Wie viele Menschen die deutsche Rüstungsbranche beschäftigt, ist unklar. Dem Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) zufolge bietet die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie knapp 136.000 Arbeitsplätze plus weitere gut 273.000 Jobs in anderen Wirtschaftszweigen, die davon abhängen. Die Angaben stammen allerdings aus dem Jahr 2015.
Rheinmetall-Chef Armin Papperger sagte dem "Handelsblatt" im vergangenen Herbst, als BDSV-Präsident gehe er davon aus, "dass in Deutschland 500.000 bis 600.000 Jobs im Sicherheitsbereich künftig entstehen könnten". Rheinmetall selbst will demnach innerhalb von drei Jahren "30.000 Arbeitsplätze aufbauen und dann insgesamt 70.000 Menschen beschäftigen".
Wechsel aus der Autoindustrie
Schwierigkeiten, Personal zu finden, hat das Unternehmen laut Papperger nicht. "Pro Jahr stellen wir 10.000 Leute ein", sagte der Rheinmetall-Chef. "Ein Großteil davon kommt von der Autoindustrie, dort werden aktuell Tausende Stellen abgebaut." Den gesamten dortigen Jobabbau kann die Rüstungsindustrie jedoch aufgrund deutlich niedrigerer Stückzahlen nicht kompensieren.
Dass die Branche wächst, zeigt auch die steigende Zahl von BDSV-Mitgliedern. Einschließlich Tochterunternehmen zählt der Verband inzwischen rund 400 Firmen. Vor einem Jahr hatte der Branchenverband noch gut 300 Mitglieder gemeldet. Dazu gehören neben Rüstungskonzernen wie Rheinmetall oder Hensoldt allerdings auch Unternehmen wie beispielsweise die Telekom, Dekra, Beratungsunternehmen, Getriebehersteller oder Lufthansa Technik.
Nicht nur die Arbeitgeber im Rüstungsbereich sind auf der Suche, auch Bewerber interessieren sich zunehmend dafür, wie das Jobportal Indeed berichtete. Mit dem Lockern der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben vor knapp einem Jahr hatte sich dort die Zahl der Suchanfragen nach Begriffen und Unternehmen aus dem Verteidigungs- und Rüstungsbereich im Vergleich zum Vormonat verdreifacht.
Gute Verdienstchancen
Attraktiv machen die Unternehmen auch die vergleichsweise hohen Gehälter. Nicht nur der BDSV gibt den Durchschnittsverdienst als überdurchschnittlich an. Vom Jobportal Stepstone heißt es: "Das durchschnittliche Jahresgehalt bei einem deutschen Waffenhersteller liegt bei circa 68.000 Euro brutto, Mitarbeiter in leitenden Funktionen verdienen oft sechsstellig."
Die wachsende Bedeutung als Arbeitgeber dürfte von Dauer sein. Auch nach Ende des Ukraine-Kriegs ist mit höheren Verteidigungsausgaben zu rechnen als in der Vergangenheit. Spätestens seit Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump sind die Europäer viel mehr auf eigene militärische Stärke angewiesen. "Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hat sich eine Kluft, ein tiefer Graben aufgetan", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz in München.