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Pharma-Firmen ziehen Medikamente zurück Der Pillen-Poker

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Einige Pharmahersteller verkaufen ihre Medikamente nicht mehr in Deutschland, weil ihnen die Preise zu niedrig sind.

(Foto: picture alliance / dpa)

Arzneimittelhersteller und Krankenkassen liefern sich einen erbitterten Kampf um die Pillenpreise. Nun gehen die Konzerne in die Offensive und verkaufen einige Mittel einfach nicht mehr. Patienten droht eine Versorgungslücke.

Sie tragen exotische Namen wie "Lyxumia", "Constella" und "Rasilamlo" und helfen bei Reizdarm, Diabetes und hohem Blutdruck. Gemeinsam haben diese Arzneien: In Deutschland gibt es sie nicht mehr. Die Hersteller haben sie zurückgezogen, weil sich in den Verhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen aus ihrer Sicht zu geringe Preise abzeichneten. Patienten müssen hierzulande somit darauf verzichten, während die Medikamente in anderen Ländern zur medizinischen Versorgung gehören. Seit 2011 haben Pharmafirmen sechs Präparate vom deutschen Markt genommen - vier gleich zu Beginn, zwei nach langen Verhandlungen.

Krankenkassen und Pharmaforscher versuchen zu beruhigen: Es entstehe dadurch kein Nachteil für die Patienten. Das sieht die Branche anders. Und auch Patienten-Interessengruppen sparen nicht mit Kritik. Aus ihrer Sicht stehen nachweisbar nützliche Medikamente kranken Menschen nicht zur Verfügung.

Der wirkliche Nutzen von Pharmapräparaten ist Dreh- und Angelpunkt des jahrelangen Streits zwischen Herstellern einerseits, die möglichst hohe Preise wollen, und Politik und Kassen andererseits, denen die teuren Mittel ein Dorn im Auge sind: Sie monieren, dass viele Firmen zu häufig mit geringem Aufwand teure neue Medikamente auf den Markt werfen, die nur geringfügig größere Wirkung haben, als bereits bekannte. Und damit die Kosten im Gesundheitssystem unnötig nach oben treiben - zulasten der Versicherten, die mit ihren Beiträgen die Profite der Hersteller bezahlen.

Hersteller müssen Preise verhandeln

Bis 2011 konnten die Hersteller die Preise für neue Medikamente selbst festlegen. Doch seitdem müssen sie sie mit den Krankenkassen aushandeln - und dabei die größere Wirksamkeit ihrer Präparate nachweisen. Nach Zulassung und Markteinführung werden sie durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) auf ihren Zusatznutzen hin untersucht. Die Prüfung macht in der Regel das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen - kurz "IQWiG". Auf Basis der Bewertung entscheidet dann der Bundesausschuss.

Erkennt dieses mächtige Gremium von Kassen, Ärzten und Kliniken einen Zusatznutzen im Vergleich zu herkömmlichen Präparaten an, handeln der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und das Pharma-Unternehmen einen Preis aus. Wird kein Zusatznutzen nachgewiesen, wird die Arznei in eine Gruppe mit vergleichbaren älteren Wirkstoffen eingeordnet. Die Folge: Das Präparat kommt mit einem deutlich geringeren Preis auf den Markt, als ihn der Hersteller wollte.

Kampf mit den Kassen

Der Pharmaindustrie ist die Reform bis heute ein Dorn im Auge. Und der Verkaufsstopp für Medikamente eine Möglichkeit, im Poker mit den Kassen Druck aufzubauen: Die müssen sich dann bei ihren Versicherten rechtfertigen, warum sie ihnen vermeintliche Gesundheitsinnovationen aus Kostengründen vorenthalten. "Das Thema IQWiG ist eines, was wir mit einer gewissen Besorgnis begleiten", sagt etwa Andreas Barner, Chef des zweitgrößten deutschen Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. Die Nutzenbewertung sei zu stark durch den Einfluss der Kassen dominiert - Argumente der Firmen würden zu wenig gehört. "Das halte ich für eine Unwucht im System, die nicht zu Chancengleichheit führt", so Barner.

Der Konzern aus Ingelheim ist ein gebranntes Kind: 2011 sorgte die Entscheidung von Boehringer und seines Partners Eli Lilly für Aufregung, ihr in Europa zugelassenes Diabetes-Medikament Trajenta nicht auf den deutschen Markt zu bringen. Dabei blieb es bislang. Trajenta wurde in zwei Prüfverfahren kein Zusatznutzen bescheinigt.

Auch der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VfA) als Stimme der großen Pharmakonzerne kritisiert die Nutzenprüfung scharf. Der Kassenverband habe einen zu großen Einfluss in allen Verfahrensschritten - bei der wissenschaftlichen Bewertung und auch bei den Preisverhandlungen, sagt Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. "Seine Aufgabe ist es, niedrige Preise zu erzielen. Doch er ist schon zu Beginn des Verfahrens maßgeblich an der Entscheidung über die Vergleichstherapie und den Nutzen des Arzneimittels beteiligt." Fischer geht davon aus, dass die Zahl der Rücknahmen von Medikamenten weiter steigen dürfte.

Hersteller wollen höhere Preise

Im April wurden gleich zwei Präparate vom deutschen Markt genommen: Constella mit dem Wirkstoff Linaclotid der Firma Almirall, das beim Reizdarmsyndrom helfen soll, sowie das Diabetes-Präparat Lyxumia von Sanofi. Zum Ärger der Kassen teilten beide Firmen ihre Entscheidung erst kurz vor Ende der Verhandlungen mit. Beiden Präparaten war kein Zusatznutzen bescheinigt worden, so dass die Firmen lediglich einen Preis wie bei herkömmlichen Arzneien hätten erzielen können.

Die deutschen Arznei-Preise gelten als Referenzgröße - andere Länder weltweit orientieren sich daran. In Staaten mit geringerer Kaufkraft gibt es einen Abschlag auf den Preis hierzulande. Daher gehen Unternehmen bei einem negativen Bescheid des Bundesausschusses in Deutschland nicht auf den Markt, um sich die Preise auf dem Weltmarkt nicht zu verderben.

Kassen sehen kein Versorgungsproblem

In den vergangenen Jahren wurden bereits Medikamente von GlaxoSmithKline, Pfizer und Novartis vom deutschen Markt genommen, nachdem ihnen kein Zusatznutzen nachgewiesen worden war. Aus Sicht der Kassen ergeben sich daraus keinerlei Nachteile für die Patienten. "In all den Fällen, in denen ein Hersteller während der laufenden Verhandlungen sein Produkt vom deutschen Markt zurückgezogen hat, stehen etablierte Therapiealternativen zur Verfügung", sagt der Vizechef des GKV-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg. Ausnahmslos habe es sich um Medikamente ohne Zusatznutzen gehandelt. Für ein tatsächliches innovatives Arzneimittel könne auch ein höherer Preis erzielt werden. Die Gefahr, dass ein Präparat mit einem therapeutischen Fortschritt nicht auf den deutschen Markt komme, gebe es nicht.

Ähnlich sieht das der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske. Bislang habe kein Medikament, das nicht auf den Markt gekommen sei, eine Versorgungslücke oder schlechtere Versorgung bedeutet. "Mein Mitleid mit der Industrie hält sich da sehr in Grenzen, weil zu wenig gezeigt werden konnte, dass diese Mittel einen erkennbaren (...) Zusatznutzen haben." GKV-Verhandlungsführer Stackelberg mahnt die Firmen daher, ihre Gewinninteressen nicht zu überziehen. "Die Verhandlungen sollen für einen angemessenen Preis sorgen und nicht für einen maximalen Unternehmensgewinn."

Doch Kritik am Verfahren kommt inzwischen auch von Patientenvertretern. Nur großen Neuerungen werde ein Zusatznutzen bescheinigt, bemängelt etwa Dieter Möhler, Bundesvorsitzender des Deutschen Diabetiker Bundes. "Ich erreiche aber Innovationen nur dadurch, dass ich auch kleine Schritte gehe." Zudem würden viele Studien aus rein formellen Gründen abgelehnt.

Quelle: n-tv.de, hvg/rts

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