Wirtschaft

Spiritueller Kapitalismus? Der Preis, den Pilger für den Hadsch zahlen

imago0097783679h.jpg

Das Umrunden der Kaaba ist eine Säule der Hadsch.

(Foto: imago images/Arabian Eye)

Zwei bis drei Millionen Muslime im Jahr pilgern zum Hadsch nach Mekka, viel mehr bewerben sich erfolglos darum. Saudi-Arabien will die Kapazitäten deshalb um das 15-Fache erhöhen. Geht es noch um eine spirituelle Reise oder nur ums Geld? Dieses Jahr sind die Verluste jedenfalls riesig.

Der Hadsch ist ein beeindruckendes, aber auch ein anstrengendes Ereignis: Jedes Jahr besuchen etwa zwei bis drei Millionen gläubige Muslime die Heilige Stadt Mekka, um die islamische Pilgerfahrt zu absolvieren. Im Hochsommer auf der heißen Arabischen Halbinsel bei etwa 40 Grad im Schatten. Eine körperliche Herausforderung, sagt Abdassamad El Yazidi, der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Er hat den Hadsch 2015 absolviert und spricht von einem "körperlich anstrengenden Gottesdienst", denn als solcher wird die Pilgerfahrt angesehen. "Da ist zum Beispiel das Umrunden der Kaaba oder das Hin- und Herlaufen zwischen den zwei Bergen Safa und Marwa. Das sind mehrere Kilometer, die man läuft - an bestimmten Stellen auch etwas schneller. Das ist ein Ritual, das man einhält."

Für viele Muslime ist der Hadsch trotzdem ein Lebenstraum. Er gehört zu den fünf Säulen des Islam, die jeder Gläubige einhalten muss: das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Almosenabgabe Zakat, das Fasten im Monat Ramadan und eben die Pilgerfahrt. Jeder Muslim muss einmal in seinem Leben ins saudi-arabische Mekka reisen, in die heiligste Stadt des Islam, in den Geburtsort des Propheten Mohammed. Das gilt aber nur für diejenigen Muslime, die sich die Reise finanziell und gesundheitlich leisten können. Alle anderen sind von der Pflicht entbunden.

Abdassamad El Yazidi hat für seinen Hadsch vor fünf Jahren etwa 4200 Euro bezahlt. Das war der Preis für das Rundum-Sorglos-Paket mit allen Anmeldungen, Visum, Unterkünften und Transporten. Auch Verpflegung vor Ort war teilweise enthalten. Ein guter Preis, denn der Hadsch wird von Jahr zu Jahr teurer. Das Wirtschaftsportal "Quartz" hat berechnet, dass US-amerikanische Muslime mittlerweile schon etwa 10.000 Dollar und mehr für die Reise zahlen müssen, indische Muslime durchschnittlich etwa ein Drittel ihres Jahreseinkommens. Das macht die Pilgerfahrt für viele Gläubige unbezahlbar.

37 Jahre auf der Warteliste

20200423_150125.jpg

Die Eltern von Abdassamad El Yazidi sind aus Marokko nach Deutschland eingewandert.

(Foto: privat)

Trotz allem sind Geld und Gesundheit für die meisten Muslime nicht die größten Hindernisse auf dem Weg nach Mekka. Ihre schiere Zahl ist das Problem: Weltweit gibt es etwa 1,9 Milliarden Muslime. Bei zwei bis drei Millionen Pilgern jährlich würde es im aktuellen Tempo etwa 600 Jahre dauern, bis jeder von ihnen einmal dort war und seine religiöse Pflicht erfüllt hat.

Deshalb haben sich viele Länder komplizierte Systeme ausgedacht, um zu entscheiden, wer nach Saudi-Arabien reisen darf und wer nicht. In Indonesien, mit 225 Millionen Muslimen das größte muslimische Land der Welt, gibt es für 2000 Dollar einen Platz auf der Warteliste: Da beträgt die durchschnittliche Wartezeit aktuell aber schon 37 Jahre. In Pakistan müssen sich Muslime für den Hadsch bewerben. In Indien und Marokko gibt es Lotterien. "Tatsächlich gibt es Fälle, bei denen Menschen 17 Jahre lang jährlich am Losverfahren teilnehmen, bis sie irgendwann Glück haben", sagt ZMD-Generalsekretär Yazidi. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass diejenigen, die nicht gezogen werden, ebenfalls von der Pilgerpflicht befreit sind.

Diese lange Wartezeit bleibt Muslimen in Deutschland erspart. Noch gibt es so wenige in Europa, dass das Angebot aktuell größer ist als die Nachfrage. Aber grundsätzlich wären solche Regeln auch bei uns denkbar. Deshalb arbeitet Saudi-Arabien daran, den Hadsch zu vergrößern. Kronprinz Mohammed bin Salman wünscht sich, dass ab 2030 jedes Jahr 30 Millionen Pilger die Reise nach Mekka antreten können - also etwa 15 Mal mehr, als es aktuell sind.

Vom Kapitalismus gefangen genommen?

Dafür investiert das streng konservative Königreich viel Geld in Zugverbindungen, Straßen, Tunnel und Brücken. Auch, um die Pilger sicher von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort leiten zu können: Erst vor fünf Jahren sind 2200 Menschen bei einer Massenpanik während des Hadschs gestorben.

Das Geld fließt aber nicht nur in Infrastruktur und Sicherheit, sondern auch in Komfort und Luxus: Fünf-Sterne-Hotels sprießen genauso aus dem Boden wie Fast-Food-Restaurants. "Der Kapitalismus hat auch die Pilgerfahrt in seine Fänge genommen", beschwert sich eine enttäuschte deutsche Muslima nach ihrer Rückkehr.

Ein Argument, das Abdassamad El Yazidi nicht gelten lässt: "Das sind Stimmen, die wir immer wieder hören. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass dieselben Personen, wenn sie nach Mekka fliegen und dort nicht nach europäischen Standards unterkommen können, sagen würden: Saudi-Arabien nimmt das Geld und verprasst es, anstatt es in den Hadsch und in eine gute Reise zu investieren. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille."

"Es gibt keinen anderen Hadsch"

Aber eine Seite ist nun einmal, dass auch der Hadsch mittlerweile ein Milliardengeschäft ist. Etwa zwölf Milliarden Dollar setzt Saudi-Arabien damit jedes Jahr um. Und wenn 15 Mal so viele Pilger kommen können, natürlich umso viel mehr. Der Generalsekretär des ZMD glaubt aber nicht, dass es darum geht, wohlhabende Muslime auszunehmen. Das ginge viel einfacher, sagt er. Zum Beispiel könnte Saudi-Arabien einfach die Gebühren für die Visa-Vergabe erhöhen. Eine Alternative hätten die Menschen nicht: "Es gibt keinen anderen Hadsch", sagt Abdassamad El Yazidi. "Die Leute können sie nicht in Südbayern vollziehen."

Der Deutsch-Marokkaner betont außerdem, dass es nicht allein Saudi-Arabien ist, das der Hadsch vergrößern möchte. "Auch andere muslimische Länder üben Druck aus", sagt er. "Die wollen höhere Quoten, weil die Nachfrage so groß ist." Und natürlich verdienen Algerien, Tunesien und Marokko daran, wenn mehr Muslime bei ihren Reiseveranstaltern einen Trip nach Mekka buchen.

Dieses Jahr aber nicht. Mitte Juni hat Saudi-Arabien wegen der Corona-Pandemie angekündigt, dass es nur einen "sehr eingeschränkten" Hadsch für wenige Tausend Menschen geben wird, die im islamischen Königreich leben. Riad gehen damit nach Ölpreiskrieg und dem virusbedingten Einbruch der Weltwirtschaft schon zum dritten Mal in wenigen Monaten viele Milliarden Dollar verloren.

Ausschlüsse und Boykotte

Abdassamad El Yazidi spricht von einer Entscheidung für die Gesundheit, das rechnet er Saudi-Arabien hoch an: "Wir sehen im Moment in verschiedenen Ländern, wie sie um die Wiedereröffnung des Tourismus kämpfen und sich dafür einsetzen, am liebsten alle Strände und Hotels zu öffnen. Diesen Weg hätte Saudi-Arabien auch gehen können."

Leider ist der Weg der saudi-arabischen Führung nicht immer so ehrenvoll und nobel wie im Jahr des Coronavirus. 2017, nachdem sie eine politische Krise mit Katar vom Zaun gebrochen und alle diplomatischen Verbindungen mit dem Emirat eingestellt hatte, hieß es für 1,8 Millionen katarische Muslime auf einmal: Ihr dürft nicht mehr am Hadsch teilnehmen. Im gleichen Jahr warf auch der Iran, der Erzfeind am Golf, dem islamischen Königreich vor, seine Bevölkerung von der Pilgerfahrt auszuschließen. Und auch die zahlreichen saudischen Menschenrechtsverbrechen wie die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi sind gerade für westliche Muslime immer öfter ein Grund, das Land zu boykottieren und damit auf ihren Lebenstraum zu verzichten. In den allermeisten Fällen sind es aber noch immer Geld, Gesundheit und Pech im Lotto, die dafür sorgen, dass Muslime nicht am Hadsch teilnehmen können.

Quelle: ntv.de