Der Schein trügtSo geht es der russischen Wirtschaft
Von Jan Gänger und Martin Morcinek (Grafiken) 
Vor vier Jahren hat Russland die Ukraine überfallen. Trotz der vom Westen verhängten beispiellosen Sanktionen zeigt sich die russische Wirtschaft erstaunlich robust. Doch die Aussichten sind düster.
Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 haben die Europäische Union, die USA, Großbritannien und ihre Verbündeten beispiellose wirtschaftliche Sanktionspakete gegen den Aggressor verhängt. Sie gingen davon aus, damit die russische Wirtschaft weitgehend lahmzulegen und die Fähigkeit zur Kriegsführung spürbar einzuschränken. Das war ein Irrtum.
Mit dem Beginn des fünften Kriegsjahres ist die russische Wirtschaft noch immer widerstandsfähig - doch die Krisenanzeichen nehmen zu. Russland lebt von der Substanz, die Haushaltslage verschlechtert sich allmählich. Das allerdings reicht bisher nicht aus, um Präsident Wladimir Putin zu zwingen, den Krieg zu beenden.
Nach den ersten Sanktionen war Russland 2022 zunächst in die Rezession gerutscht. In den folgenden beiden Jahren wuchs die Wirtschaft dann kräftig mit jeweils mehr als 4 Prozent. Diese Dynamik hat mittlerweile aber deutlich an Fahrt verloren. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass das Bruttoinlandsprodukt 2025 nur noch um 0,6 Prozent zugelegt hat.
Hinzu kommt: Das Wachstum spiegelt den massiven Anstieg der militärischen Produktion wider, nicht eine Stärke der gesamten russischen Wirtschaft. Der Krieg in der Ukraine ist die wichtigste Priorität des Kremls. Immer mehr Haushaltsmittel werden in Armee und Rüstungsindustrie gesteckt. Diese Kriegswirtschaft entzieht der zivilen Wirtschaft Arbeitskräfte und Kapital.
Die Militärausgaben steigen
Der Kriegsapparat verbraucht einen Großteil der russischen Wirtschaftsleistung und den Löwenanteil des Haushalts. Dem schwedischen Forschungsinstitut SIRPI zufolge lagen die Militärausgaben vor dem Krieg bei rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts. 2023 waren es knapp sechs Prozent und 2024 etwas mehr als sieben Prozent. Für 2025 erwartet das Institut, dass der Anteil leicht gestiegen ist.
Laut PeaceRep-Programm der Universität Edinburgh ist der Anteil der Ausgaben am Haushalt für Militärausgaben von 24 Prozent im Jahr 2021 auf 40 Prozent im Jahr 2024 geklettert. Analysen für 2025 gehen davon aus, dass die Militärausgaben sowie hohe Zahlungen an Soldaten und deren Familien bereits fast die Hälfte der gesamten Haushaltseinnahmen verschlangen - wobei betont wird, dass viele Kosten (wie etwa die Verwaltung besetzter Gebiete) in anderen Haushaltsposten versteckt sind.
Diese Zahlen zeigen die gewaltige Umverteilung von Ressourcen. Der Staat kürzt Ausgaben für zivile Bereiche wie Bildung, Gesundheit und Sozialpolitik, um Rüstungsproduktion und Krieg zu finanzieren. Kohlebergbau, Bau- und Stahlindustrie seien von zahlreichen Pleiten betroffen, sagte der Chef des Industriellen- und Unternehmerverbandes, Alexander Schochin, jüngst. Auch Auto- und Landmaschinenbau stecken in einer tiefen Krise.
Der historisch niedrige Stand der Arbeitslosigkeit von 2,4 Prozent ist kein Zeichen von Stärke, sondern Ausdruck eines Arbeitskräftemangels - und einer Umverteilung weg von zivilen Sektoren wie Bauwesen, Landwirtschaft und Konsumgüter hin zur Rüstungsindustrie. Verschärft wird dies durch die Mobilisierung für die Armee und die Emigration. Seit Kriegsausbruch haben schätzungsweise 1,7 Millionen Menschen Russland verlassen.
Öl-Einnahmen brechen ein
Um den Krieg zu finanzieren, hat der Kreml rund drei Viertel (113 Milliarden US-Dollar) der liquiden Mittel des Nationalen Wohlfahrtsfonds (NWF) verbraucht. Auf einen Großteil der Mittel kann er nicht zugreifen, da Vermögenswerte durch westliche Sanktionen eingefroren sind.
Der russische Haushalt wird vor allem vom Verkauf von Öl- und Gas finanziert - und die Einnahmen sind nicht zuletzt wegen des Drucks der USA auf Käufer wie Indien und Schlägen gegen die Schattenflotte kräftig gesunken. Im Januar lagen sie so tief wie seit der Corona-Krise nicht mehr. Nach Angaben des russischen Finanzministeriums flossen umgerechnet weniger als 4,4 Milliarden Euro an Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor in den Haushalt - das sei etwas weniger als die Hälfte des Ertrages vor einem Jahr. Für den Februar sieht es nicht besser aus.
Das Haushaltsdefizit könnte angesichts der wegbrechenden Einnahmen in diesem Jahr drei bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, schätzt die Consultingagentur Finam. Anfang 2027 seien die jahrelang aufgebauten Geldreserven im nationalen Wohlstandsfonds wohl aufgebraucht.
Um die Einnahmen zu erhöhen, hat die Regierung zum Jahresbeginn die Mehrwertsteuer auf 22 Prozent in die Höhe geschraubt. Das dürfte die Inflation anfeuern, die derzeit offiziellen Angaben zufolge bei rund 6 Prozent liegt - doch viele Experten gehen davon aus, dass sie in Wirklichkeit viel höher ist. Dass die Inflation außer Kontrolle geraten sein könnte, zeigt der Leitzins von mehr als 15 Prozent, mit dem die Zentralbank gegensteuert.
Abhängigkeit von China
Der hohe Leitzins verteuert Kredite und bremst damit die ohnehin schon schwächelnde Wirtschaft. Der Denkfabrik Bruegel zufolge bekommen Firmen, die für den Krieg produzieren, vom Staat subventionierte billige Kredite, während andere Unternehmen hohe Zinsen zahlen müssen und in Schwierigkeiten geraten. So würden die hohen Leitzinsen nur auf einen Teil der Wirtschaft wirken - was den anhaltenden Inflationsdruck trotz straffer Geldpolitik mit erkläre.
Derweil betont die russische Regierung, dass sich Russland wirtschaftlich vom Westen gelöst habe. Doch das Land ist gerade bei kritischen Komponenten abhängiger denn je - nur kommen die Lieferanten aus China und nicht mehr aus dem Westen.
Russland ist in einer Handelsstruktur gefangen, in der China die Bedingungen diktiert. Russland liefert billige Energie und Rohstoffe, ist bei Technologie, Maschinen und Konsumgütern aber fast vollständig von der Volksrepublik abhängig. Der Denkfabrik Atlantic Council zufolge ist China nicht nur zentral für die Beschaffung kriegswichtiger Güter. Lag der Anteil chinesischer Automarken auf dem russischen Markt bei Neuzulassungen 2021 noch unter zehn Prozent, seien es mittlerweile mehr als 60 Prozent.
Für Putin und sein Umfeld hat die Mobilisierung von Ressourcen Vorrang, die die Fortsetzung des Krieges ermöglichen. Sehr viel hängt dabei vom Ölpreis ab, dessen Entwicklung allerdings nicht vorherzusagen ist. Bruegel geht wie andere Denkfabriken davon aus, dass der Kreml den Krieg in der Ukraine zumindest 2026 fortsetzen und finanzieren kann. Langfristig sehen die Aussichten für die russische Wirtschaft aber düster aus.