Wirtschaft

Als Eigentümer vorgeschoben? Der Strohmann, der nicht nur Putins Jacht versteckte

Die 700 Millionen teure Jacht

Die rund 700 Millionen US-Dollar teure Jacht soll dem russischen Präsident Wladimir Putin gehören.

(Foto: picture alliance / Nick Zonna)

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Um Sanktionen zu umgehen, könnten russische Besitzer von Luxusjachten ihr Eigentum verschleiert haben. Die Spuren führen zu einem russischen Erdölmanager. Laut US-Behörden soll er Jachten im Wert von über einer Milliarde US-Dollar besitzen -allerdings nur auf dem Papier.

Wem gehört die 700 Millionen teure Jacht "Scheherazade"? Das ist das große Rätsel, das Behörden mehrerer Länder im Wettlauf um die Durchsetzung von Sanktionen gegen russische Oligarchen versuchen zu lösen. Vor wenigen Wochen wurde die unter Flagge der Kaimaninseln fahrende Jacht in der Toskana festgesetzt. Ihr offizieller Eigentümer habe Verbindungen zu "bedeutenden Persönlichkeiten der russischen Regierung", erklärte das italienische Wirtschaftsministerium, ohne allerdings dessen Namen zu nennen. Laut der Antikorruptionsstiftung des inhaftierten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny soll die Luxusjacht keinem geringeren als dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gehören. Dieser ist jedoch nicht als offizieller Besitzer eingetragen. Nun verdichten sich die Hinweise, dass ein Strohmann eingesetzt wurde, um den wahren Eigentümer zu verschleiern.

War bis 2013 Präsident des russischen Konzerns Rosneft: Eduard Chudainatow.

War bis 2013 Präsident des russischen Konzerns Rosneft: Eduard Chudainatow.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Bei diesem Strohmann soll es sich um Eduard Chudainatow handeln, wie aus einer eidesstaatlichen Erklärung aus den USA hervorgeht, die Bloomberg einsehen konnte. Der russische Erdölmanager war Präsident des staatlich kontrollierten Unternehmens Rosneft, verließ das Unternehmen jedoch im Jahr 2013 - angeblich, um seine eigene Ölfirma zu gründen. Er habe gute Verbindungen zu Igor Setschin, dem aktuellen Rosneft-Chef, der wiederum als enger Vertrauter von Putin gilt. Die USA behaupten, Chudainatow sei pro forma als Besitzer von zwei Luxusjachten im Wert von insgesamt über einer Milliarde US-Dollar eingetragen worden, wie das Wirtschaftsportal berichtet. Der Grund: Er selbst steht auf keiner der internationalen Sanktionslisten.

Auf dem Papier soll Chudainatow neben der "Scheherazade" auch die "Amadea" besitzen. Dies enthüllt die US-Erklärung als Teil von Gerichtsunterlagen auf der südpazifischen Insel Fidschi, wo die USA versuchen, die 325-Millionen-Dollar-Jacht zu beschlagnahmen, wie Bloomberg weiter berichtet. Der wahre Eigentümer der über 100 Meter langen "Amadea", die über einen Hubschrauberlandeplatz, einen mit Mosaik gefliesten Pool und ein Hummerbecken verfügt, sei Suleiman Kerimow. Der russische Goldmilliardär wurde wegen Verstrickung in Korruption schon 2018 das erste Mal von Washington sanktioniert.

Codenamen für wahren Eigentümer

"Die Tatsache, dass Chudainatow als Eigentümer von zwei der größten Superjachten überhaupt angegeben wird, die beide mit sanktionierten Personen in Verbindung stehen, deutet darauf hin, dass Chudainatow als reiner, nicht sanktionierter Strohmann benutzt wird, um die wahren wirtschaftlichen Eigentümer dieser Schiffe zu verschleiern", heißt es in der eidesstattlichen Erklärung eines Ermittler des FBI, die in dem Gerichtsverfahren auf Fidschi eingereicht wurde. "Obwohl Chudainatow wohlhabend ist, gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass er die finanziellen Mittel hat, um sowohl die 'Amadea' als auch die 'Scheherazade' zu kaufen, die zusammen mehr als eine Milliarde Dollar wert sind."

Auch der wahre Eigentümer der "Amadea" soll verschleiert worden sein.

Auch der wahre Eigentümer der "Amadea" soll verschleiert worden sein.

(Foto: picture alliance/dpa/Fiji Sun/AP)

Über diese Mittel verfügt jedoch der russische Oligarch Kerimow. Die US-Erklärung enthüllt laut Bloomberg zuvor geschwärzte Details aus einem US-Beschlagnahmungsbefehl, die dies belegen sollen. So gehe aus Interviews mit Jachtmaklern, Besatzungsmitgliedern und E-Mails hervor, dass die Familie des 56-Jährigen Änderungen des Schiffes, wie die Installation eines Pizzaofens oder die Neupositionierung von Steckdosen beantragte, berichtete die Wirtschaftsplattform.

Außerdem habe die Besatzung jedem Mitglied der Kerimow-Familie einen Codenamen gegeben hat: Suleiman Kerimow selbst sei als G0 bezeichnet worden, seine Frau als G1, seine Tochter als G2 und sein Sohn erhielt den "Namen" G3. "Offenbar hat G0 zwei Dinge, die makellos sein müssen. Rostfrei und Teakholz", zitiert Bloomberg aus den Dokumenten. "G0 hat die schnellsten [Jetskis] angefordert, die es gibt, also werden wir irgendwann neue Skis bekommen." All dies spreche dafür, dass Kerimow der tatsächliche Besitzer und nicht nur Mieter der "Amadea" sei.

"Wir fahren nicht nach Russland"

In einer E-Mail vom 24. Februar 2022 - dem Tag, an dem Russland in die Ukraine einmarschierte - beschrieb der Kapitän der "Amadea" ein Treffen mit einer von Kerimows Töchtern, bei dem es um die Festlegung des Reiseprogramms der Superjacht für 2022-2023 und den Kauf neuer Wassersportgeräte ging, so die eidesstattliche Erklärung. Am selben Tag, als russische Panzer über die ukrainische Grenze rollten, schaltete die "Amadea" ihr automatisches Informationssystem ab, das die Position des Schiffes übermittelte. Von der Karibik fuhr sie durch den Panamakanal nach Mexiko und dann weiter nach Fidschi, wo sie laut Bloomberg um den 12. April ankam.

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Aus den von der "Amadea" eingereichten Unterlagen geht hervor, dass sie zwei Tage später in Richtung Philippinen aufbrechen wollte. Die US-Behörden gehen allerdings von einem anderen Ziel aus: Wladiwostok "oder andere Gewässer in russischem Hoheitsgebiet" heißt es in ihrer Erklärung. Demnach sei auf dem Smartphone eines Besatzungsmitglieds eine Textnachricht mit dem Inhalt "Wir fahren nicht nach Russland", gefolgt von einem "Pst"-Emoji, gespeichert gewesen.

Die Ermittlungen der US-Behörden sind so wichtig, da sie - sollten sie sich bewahrheiten - in ein Netzwerk der Geheimhaltung eindringen. Die eidesstattliche Erklärung enthält viele Namen und Verbindungen von Briefkastenfirmen, die allesamt in die Verschleierung der Eigentümer der beiden Luxusjachten verstrickt gewesen sein sollen. Chudainatow soll beispielsweise über die Bielor Asset Gesellschaft, die 2020 auf den Marshallinseln gegründet wurde, als Eigentümer der "Scheherazade" eingetragen worden sein. Auch bleiben viele Absprachen russischer Milliardäre laut Medienberichten ungeschrieben - sie hinterlassen somit keine schriftlichen Spuren. All dies erschwert den Behörden die Durchsetzung von Sanktionen gegen Putin-Vertraute - oder Putin selbst.

Quelle: ntv.de, spl

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