Wirtschaft

Sewing stutzt Investmentbanking Deutsche Bank zieht die Notbremse zu spät

Kaum im Amt, setzt der neue Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing den Rotstift in den Zockerabteilungen an. Doch der überfällige Kurswechsel könnte verpuffen. Zu gründlich haben seine Vorgänger die Bank vor die Wand gefahren.

Das soll er nun also endlich sein, der Befreiungsschlag für die Deutsche Bank. Der neue Chef Christian Sewing ist gerade mal knapp zwei Wochen im Amt und verkündet gleich den radikalsten Umbau der Bank seit Langem. Sewing streicht das Investmentbanking zusammen. Künftig soll sich die Bank auf ihre Kunden in Europa und das Privatkundengeschäft konzentrieren. Dazu kann man ihn nur beglückwünschen.

Sewings fliegender Start zeigt, wie todernst die Lage der Deutschen Bank ist. Der Gewinn ist im ersten Quartal um 80 Prozent eingebrochen. "Wir müssen handeln - und das schnell", hat Sewing erkannt. Doch es steht zu befürchten, dass der überfällige Kurswechsel am Ende zu spät kommt. Zu lange haben die Chefs in den Frankfurter Zwillingstürmern die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen.

Die Deutsche Bank ist abgerutscht, im weltweiten Vergleich bestenfalls noch Mittelklasse. Mit den Finanzriesen aus den USA kann sie es längst nicht mehr aufnehmen. Das größte deutsche Geldhaus ist zum Übernahmekandidaten geworden. Der Aktienkurs ist im Sinkflug. An der Börse bringt die Deutsche Bank es gerade noch auf rund 40 Prozent ihres Buchwerts. Das heißt: Ihre Aktionäre zweifeln dramatisch an der Werthaltigkeit ihrer Anlagen. Und daran, dass die Chefetage das Ruder herumreißen kann.

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen

Jahrelang hat sie gemauert, beschönigt und gezaudert und sich mit Händen und Füßen gegen das Unausweichliche gewehrt: Die Turboinvestmentbanker in London und New York, die den Ruf der Bank völlig ruiniert haben, in die Schranken zu weisen. Als nahezu einziges Geldhaus weltweit versäumte es die Deutsche Bank nicht nur, sie zu entmachten. Mit Anshu Jain beförderte sie nach der Finanzkrise den Zockerkönig auch noch in den Chefsessel. Auch mit Jürgen Fitschen als Aufpasser an der Seite tat Jain, was zu erwarten war: Er installierte seine Getreuen im Vorstand und hielt seine schützende Hand über die Händler in der Londoner City.

Sein Nachfolger John Cryan durfte dann den Scherbenhaufen zusammenkehren. Cryan ging zwar hart und ehrlich mit der dunklen Vergangenheit der Bank ins Gericht. Er kaufte sie mit Milliarden bei den Aufsehern für ihre windigsten Geschäfte frei. Zu gewagteren Schritten fehlte ihm der Mut. Das verhagelte ihm dreimal in Folge die Bilanz - und kostete ihn am Ende den Job.

Für all das kann Sewing nichts. Schließlich hat er die Probleme bisher nur aus der zweiten Reihe bearbeiten können, auch wenn ihn Fitschen und Jain 2015 sogar zum Beauftragten für die Skandale machten. Trotzdem ist er ein Gefangener der Fehler seiner Vorgänger.

Es fehlt eine Vision für die Deutsche Bank

Um die Massenflucht der Investoren aufzuhalten, hat Sewing nun zwar die lange verschleppten tiefen Einschnitte in den Zockerabteilungen angekündigt. Doch die jahrelange Realitätsverweigerung bei der Deutschen Bank lässt ihm wenig Handlungsspielraum. Wirklich überraschend ist seine Strategie deshalb nicht. Sewing vollzieht nur nach, was andere Banken längst getan haben: das Investmentbanking drastisch zurückfahren, um die nachhaltigen Geschäftsbereiche der Bank zu stärken.

Bis 2021 sollen Privatkundengeschäft, Vermögensverwaltung und Zahlungsverkehr zwei Drittel der Erträge liefern. Aber wie genau das gehen soll, dazu hat Sewing bisher keine Ideen vorgestellt. Seine Wende bleibt Wunschdenken: Warum sollen der Deutschen Bank nach Jahren voller Negativschlagzeilen und Skandalgewitter plötzlich die Kunden zulaufen?

Hinzu kommt der Umbruch in der Finanzbranche. Die Internetgiganten aus dem Silicon Valley machen den Geldriesen längst ihr Geschäft streitig. In den USA werkelt JPMorgan deshalb schon an gemeinsamen Konten mit Amazon. HSBC hat gerade eine Zusammenarbeit mit Paypal verkündet. Aus Frankfurt gibt es bislang nichts Vergleichbares.

Sewing fehlt eine Vision für die Deutsche Bank. Es ist sicher unfair, seine Strategie nach kaum drei Wochen zu messen, bevor er sie überhaupt richtig vorgestellt hat. Aber viel mehr Gelegenheit bekommt er vielleicht nicht mehr. Der Deutschen Bank rennt die Zeit davon.

Quelle: n-tv.de

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