Wirtschaft

Wie gefährlich ist Libra? Die Datenkrake greift nach Dollar und Euro

RTX6TUQ7.jpg

Facebook hat das Libra-Konzept vorangetrieben und die erste Phase der Entwicklung finanziert. Verantwortlich wird aber ein eigenes Konsortium sein.

(Foto: REUTERS)

Der Social-Media-Gigant Facebook mit zwei Milliarden Nutzern will die Geldmacht an sich reißen: Seine Digitalwährung Libra soll Dollar und Euro Konkurrenz machen. Bei Politikern und Aufsehern schrillen weltweit die Alarmglocken.

"Sei schnell und breche mit etablierten Dingen" ("Move fast and break things"), lautet ein altes Facebook-Motto. Es sollte auch für die eigene Digitalwährung Libra gelten, die 2020 an den Start gehen sollte. Wegen wachsender Kritik drückt Facebook nun allerdings auf die Bremse. Die Tatsache, dass ein Tech-Gigant Krypto-Pläne vorantreibt, hat Regierungen und Finanzaufseher aus dem Krypto-Dornröschenschlaf aufgeweckt. Rund um den Erdball machen sie Front gegen die Cybergeld-Pläne des Internetriesen.

*Datenschutz

Prominentester Kritiker ist kein Geringerer als US-Präsident Donald Trump. Er sei "kein Fan von Bitcoin und anderen Kryptowährungen", stellte er vergangene Woche via Twitter klar. Es handele sich nicht um Geld, sondern um "dünne Luft". Unregulierte Krypto-Anlagen könnten illegale Machenschaften wie Drogenhandel fördern. Auch Libra werde "wenig Ansehen und Zuverlässigkeit haben", prognostizierte er in einem weiteren Tweet. Die einzig wahre US-Währung sei der Dollar.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg rennt in Washington keine offenen Türen ein. Der Konzern werde "viel Arbeit damit haben", die Regierung davon zu überzeugen, dass die Währung sicher sei, ließ Finanzminister Steven Mnuchin wissen. Facebook sei "weit davon entfernt", von den US-Behörden grünes Licht für Libra zu bekommen. "Sie werden uns mit sehr hohen Standards überzeugen müssen, bevor sie Zugang zum US-Finanzsystem bekommen."

Am Dienstag und Mittwoch beschäftigt sich in Washington der Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses mit Libra. Facebook-Manager David Marcus wird Rede und Antwort stehen. Auch beim Treffen der Finanzminister aus den sieben führenden Industriestaaten (G7), die sich am Mittwoch und Donnerstag in Frankreich treffen, stehen die Facebook-Pläne ganz oben auf der Tagesordnung.

Auch andere Finanzpolitiker sowie einige Zentralbankchefs haben sich bereits gegen Libra positioniert, darunter Fed-Chef Jerome Powell, der französische Finanzminister Bruno Le Maire und der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney. Aus Deutschland kommt ebenfalls Gegenwind:  Das Finanzministerium sieht Libra als Bedrohung für den Euro. "Die Herausgabe einer Währung gehört nicht in die Hände eines Privatunternehmens, denn sie ist ein Kernelement staatlicher Souveränität", sagt Finanzminister Olaf Scholz. Die Bundesregierung solle gemeinsam mit der Bundesbank prüfen, "wie eine Etablierung als echte Alternative zur staatlichen Währung verhindert werden kann", heißt es laut "Bild"-Zeitung in einem internen Arbeitspapier des Ministeriums.

Geldmacht für die Datenkrake?

Genau dieses staatliche Währungsmonopol wollten die Erfinder der ersten Digitalwährung Bitcoin nach der Finanzkrise ausdrücklich infrage stellen. Sie hatten dazu allerdings eine dezentrale Kontrollinstanz im Sinn: die anonyme Blockchain, auf der alle Transaktionen fälschungssicher und transparent gespeichert werden. Ein Geldsystem, das sich quasi selbst kontrolliert und deshalb ohne zentrale Stelle wie eine Notenbank auskommt, die Vertrauen schafft und den Wert der Währung garantiert.

Mit Facebook und Libra drängt sich nun eine neue Frage auf: Sollte diese Geldmacht künftig an intransparente Mega-Konzerne ausgelagert werden? Noch dazu in die Hände eines Konzerns gelegt werden, der sich seit Jahren durch systematische Datenschutzverstöße hervortut?  Wie soll die staatliche Kontrolle von Finanzgesetzen in der digitalen Welt dann gewährleistet werden?

Annähernd drei Milliarden Menschen nutzen Facebook und die zum Konzern gehörenden Dienste Whatsapp und Instagram täglich. Facebook könnte jede Finanztransaktion seiner Nutzer einsehen. "Wenn man von Milliarden Kunden Daten bekommt, wofür sie Geld ausgeben, Kredite aufnehmen usw., dann ist die Datenkrake, die wir bis jetzt haben, nur ein kleines Schmusetier", warnt Robert Halver von der Baader-Bank.

Angesichts der geballten Geldmacht, die Facebook mit Libra haben würde, haben US-Demokraten offenbar im Schnellverfahren einen Gesetzentwurf aufgelegt. Großen Tech-Unternehmen soll es demnach untersagt werden, als Finanzinstitutionen aufzutreten ("Keep Big Tech out of Finance Act"), zitiert Reuters aus den Unterlagen.

Facebook sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Das größte soziale Netzwerk der Welt verspricht, die Finanzinformationen seiner Nutzer von anderen Daten getrennt zu halten und auch nicht für Werbung zu nutzen. Die Kryptowährung werde nicht mit den nationalen Währungen der Länder konkurrieren und die Geldpolitik der Zentralbanken nicht beeinträchtigen, verspricht Facebook-Manager Marcus. Zudem wolle man auch nicht die Geldpolitik der Notenbanken beeinflussen. Libra solle als Zahlungsmittel genutzt werden und nicht als Spekulationsobjekt.

Bitcoin Group
Bitcoin Group 33,05

Anders als Bitcoin ist Libra eigentlich gar keine echte Digitalwährung: Das Facebook-Geld soll an einen Korb von etablierten Währungen wie US-Dollar, Euro und Yen gekoppelt und durch kurzfristige Staatsanleihen abgesichert werden. Massive Kursschwankungen wie bei Bitcoin soll es dadurch nicht geben. Auch über den immer wieder kritisierten Stromverbrauch bei der Schaffung von Kryptowährungen auf der Blockchain hat sich Zuckerberg anscheinend Gedanken gemacht: Libra benutzt ein anderes Blockchain-System mit verteilten Speicherketten ("Distributed Ledger Technology"). Damit verbraucht Libra viel weniger Energie.

Um seine Kritiker zu besänftigen, drückt Facebook nun auf die Bremse: "Wir wissen, dass wir uns die Zeit nehmen müssen, das richtig zu machen", ließ der für Libra zuständige Facebook-Manager Marcus kurz vor seiner Kongressanhörung wissen. Facebook werde seine Währung nicht einführen, bis alle Genehmigungen eingeholt und alle regulatorischen Bedenken ausgeräumt seien.

"Cyberpunk-Albtraum" für die Finanzwelt

Davon gibt es noch jede Menge. Denn Kritiker fürchten nicht nur die Macht der Datenkrake, sondern auch um die Sicherheit des neuen Cyber-Gelds. Libra würde wie Bitcoin, Tether und Dash in einer unkontrollierten Parallelwelt existieren. Keine Zentralbank, kein Staat überwacht die Digitalwährungen bislang. Zwar liegt dies einerseits im Sinne der Erfinder. Andererseits biete es aber auch den perfekten Tummelplatz für kriminelle Geldgeschäfte.

Zuckerberg selbst will mit Libra angeblich in erster Linie das Senden von Geld einfacher, günstiger und schneller machen. Zielgruppe sind Menschen mit internetfähigem Smartphone, aber ohne Zugang zu Banken. Migranten sind bisher auf Dienste wie Western Union angewiesen, die für Geldsendungen hohe Gebühren verlangen. Das sogenannte Remittance-Geschäft ist ein Milliardenmarkt. Laut Weltbank stiegen die Zahlungen in Entwicklungs- und Schwellenländer im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf ein Rekordniveau von 520 Milliarden Dollar. 2019 sollen sie weiter steigen.

Libra eine "Facebook-Währung"?

Facebook hat das Libra-Konzept vorangetrieben und die erste Phase der Entwicklungsarbeiten finanziert. Verantwortlich für Libra wird aber eigenes Konsortium sein, die Libra Association. Dem Verein gehören 28 Unternehmen aus der Tech- und Finanzbranche an, darunter Uber, Paypal, Visa, Masterdard, Vodafone und Spotify. Mit dabei sind aber auch gemeinnützige Unternehmen wie Kiva. Die Organisation aus den USA organisiert die Vergabe von Mikrokrediten in Entwicklungsländern.

Auch traditionelle Geldhäuser müssen fürchten, dass Facebooks Libra zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für sie wird. "Der Sprung von Facebook in die Welt der Kryptowährungen ist ein weiterer Sargnagel für die klassischen Banken", sagt Nigel Green, Chef der Investmentgesellschaft DeVere. Er könnte "sehr schnell zu einer breiteren Akzeptanz von Kryptowährungen führen". Der bekannte Krypto-Blogger Daniel Jeffries wird noch deutlicher: Er nennt Libra einen "Cyberpunk-Albtraum", der die etablierte Finanzwelt auslöschen könnte.

Inwieweit Facebook mit Libra Erfolg haben werde, hänge jetzt vor allem von Politikern und Finanzregulierern ab, sagt Bankprofessor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Bislang haben es die Behörden nicht geschafft, Regeln für den Kryptomarkt zu schaffen. Seit der Libra-Ankündigung rufen sie jedoch fast täglich nach einer umfassenden Regulierung. Die Akzeptanz für Digitalgeld wächst. Doch die Rahmenbedingungen in der Offline-Welt hinken hinterher. Facebook scheint den Regulierungsprozess zu beschleunigen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema