Wirtschaft
Die türkische Regierung greift tief in den Prozess der Preisgestaltung ein.
Die türkische Regierung greift tief in den Prozess der Preisgestaltung ein.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 10. Oktober 2018

Kampf gegen die Inflation: Die Türkei begibt sich auf Venezuelas Spuren

Von Max Borowski

Der türkische Finanzminister wollte ein umfassendes Konzept zur Inflationsbekämpfung vorstellen. Doch statt wirksame Maßnahmen zu ergreifen, folgt Ankara dem gleichen Prinzip, das bereits Venezuela in die Katastrophe führte.

An dem rot-weißen Logo mit der Aufschrift "Mit ganzer Kraft gegen die Inflation" und dem Hashtag "Die Türkei wird gewinnen", sollen sie zu erkennen sein: Die Läden und Firmen, die mitmachen bei dem Plan, mit dem der türkische Finanzminister Berat Albayrak die Inflation im Land in den Griff bekommen will. Im Zentrum dieses Plans stehen angeblich freiwillige Preisnachlässe von zehn Prozent, die Händler und Produzenten in der Türkei zunächst bis Ende dieses Jahres gewähren sollen. Wer mitmacht, darf einen Aufkleber mit dem Kampagnen-Logo ins Schaufenster kleben. Auch Firmen im Staatsbesitz würden sich an dem Programm beteiligen, versprach Albayrak. Strom- und Gasversorger würden ihre Preise zumindest in nächster Zeit nicht erhöhen.

Üblicherweise von Ökonomen empfohlene Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung - höhere Leitzinsen und Zurückhaltung bei den Staatsausgaben - erwähnte der Minister bei seiner mit Spannung erwarteten Präsentation überhaupt nicht. Albayrak machte deutlich, dass er beim Kampf gegen die größte wirtschaftliche Herausforderung der Türkei ganz auf einer Linie mit seinem Schwiegervater, Präsident Recep Tayyip Erdogan, liegt. Der hat sich nicht nur mehrfach vehement gegen höhere Zinsen ausgesprochen, da die das Wirtschaftswachstum drosseln könnten. Erdogan hat sogar den für nahezu alle Wirtschaftswissenschaftler völlig eindeutigen Zusammenhang bestritten, dass Zinserhöhungen die Inflation dämpfen. Mit solchen Aussagen hatte der Staatschef den Kurs der Landeswährung Lira zuletzt erst recht nach unten und die Inflation nach oben getrieben. Im September war die Teuerung auf 24 Prozent gestiegen.

Das Albayrak nun als einziges vermeintliches Ass eine freiwillige Kampagne der Händler und Produzenten aus dem Ärmel zieht, werten Experten als wirtschaftspolitischen Offenbarungseid. "Der Plan ist völliger Quatsch", zitiert die "Financial Times" den Fondsmanager Paul McNamara. Versuche, die Inflation durch freiwillige oder angeordnete Preiskontrollen zu bekämpfen, seien in der Vergangenheit immer schiefgegangen.

In den USA hatte das in den 1970ern Präsident Gerald Ford mit seiner grandios gescheiterten "Whip Inflation Now"-Kampagne probiert. Katastrophal endeten die Bemühungen von Venezuelas Ex-Präsident Hugo Chávez und seines Nachfolgers Nicolás Maduro: Zunächst diktierte er Händlern und Unternehmen die Preise. Die Folge war, dass die Regale in den Geschäften immer leerer wurden, und viele Betriebe stellten die Produktion ein, denn die Inflation stieg weiter, und bei den Unternehmen häuften sich Verluste an. Schließlich ließ Chavez Fabriken und Läden von seinen Anhängern und dem Militär übernehmen. Währenddessen verschlimmerten sich der Preisanstieg und die Versorgungslage immer weiter. Bis zum Ende dieses Jahres dürfte die Hyperinflation in Venezuela laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds auf 1,37 Millionen Prozent steigen.

Auch in der Türkei wecken die Ausführungen Albayraks Zweifel daran, dass die angeblich tausenden Firmen, die beim Kampf gegen Inflation mitmachen wollen, dies wirklich freiwillig tun. Albayrak forderte nicht nur die Bürger auf, beim Einkauf auf das Logo zu achten. Er klagte zudem über "Spekulation, Opportunismus und Hortungen" von Waren. Die Behörden, so Albayrak, würden Geschäfte künftig überwachen und auch eine Hotline einrichten, bei der Bürger auffällige Preissteigerungen melden könnten.

Das türkische Handelsministerium hatte bereits am Montag erklärt, mehr als 100 Unternehmen müssten zu "überzogenen" Preissteigerungen Stellung nehmen. Mehr als 69.000 Produkte von fast 4000 Firmen hatte das Ministerium unter die Lupe genommen.

Quelle: n-tv.de