Wirtschaft

"Kapazität für immer verloren"Dieser Öl-Schock wird länger dauern als der Iran-Krieg

10.03.2026, 20:18 Uhr image (2)Von Hannes Vogel
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Katar hat seine Flüssiggasproduktion weitgehend heruntergefahren. Das Wieder-Hochfahren dürfte mindestens einen Monat dauern. (Foto: REUTERS)

An den Börsen kommt eine bittere Erkenntnis an: Selbst wenn Donald Trump den Iran-Krieg morgen beendet, werden seine Folgen mindestens auf Wochen und Monate zu spüren sein. Schlimmstenfalls könnte er die weltweiten Energiepreise dauerhaft nach oben drücken.

Nur Stunden nach den ersten Bomben auf Teheran machte die britische Großbank Barclays ihren Kunden eine düstere Prognose. Der Ölpreis könne auf 100 Dollar pro Barrel klettern, sollte sich die Sicherheitslage im Nahen Osten weiter verschlimmern. Der Ausgang sei völlig offen, die Ölmärkte könnten "mit ihren schlimmsten Befürchtungen konfrontiert werden".

Kaum anderthalb Wochen später ist diese Schock-Vorhersage überholt. Am Montag testete der Ölpreis im Handel schon die 120-Dollar-Marke, bevor er unter 100 Dollar zurückfiel. Inzwischen sehen Barclays und andere Banken ihn dank Irans Tanker-Blockade an der Straße von Hormus bei 150 Dollar noch vor Ende des Monats - falls die Kampfhandlungen anhalten. Die G7-Länder erwägen die Freigabe ihrer strategischen Ölreserven.

Denn die Börsianer haben die Gefahren des Öl-Schocks bisher unterschätzt. Sie haben auf ein schnelles Ende des Iran-Krieges gewettet, die langfristigen Folgen ausgeblendet. Doch nun wird mehr und mehr klar: Womöglich geht es nicht nur um eine kurzfristige Preisspitze. "Die schlimmste Energiekrise seit den 70ern" nennt das Wall Street Journal den Versorgungsengpass bereits. Vor allem: Er wird langfristige Folgen für die Energiepreise haben, selbst wenn Donald Trump seinen Angriff auf den Iran morgen beendet.

Je länger der Krieg dauert, desto schlimmer werden die Schäden. Und sie wachsen nicht linear, sondern exponentiell: Jede weitere Woche Blockade erzeugt höhere Kosten als die Woche davor. Denn nicht nur zerstört der Iran immer mehr Ölanlagen in der Region. Die Produzenten drosseln selbst die Förderung, weil ihre Lager überlaufen. Im Irak ist es schon soweit, Kuwait, die Emirate und Saudi-Arabien dürften folgen.

Mehr als 1000 Schiffe stauen sich bereits an der Straße von Hormus. Schon bis Freitag könnten mehr als 4 Millionen Barrel Ölförderkapazität abgeschaltet werden, bis Ende März sogar 9 Millionen Barrel - fast ein Zehntel der weltweiten Ölnachfrage, schätzt eine Analystin von JP Morgan. Für sie ist die Blockade der Straße von Hormus ein Super-GAU für die globale Wirtschaft. Seit Jahrzehnten fürchteten Börsianer, dass dieser Fall eintreten könnte. Aber von dem niemand dachte, dass es wirklich eintritt, und preiste das Risiko an den Märkten entsprechend ein. "Es war nicht nur das Worst-Case-Szenario. Es war ein unvorstellbares Szenario", zitiert das Blatt die Analystin. Dass die Straße von Hormus nun wirklich blockiert ist, könnte die Risikoeinschätzung auf den globalen Märkten langfristig verändern - und Preise tendenziell hoch halten.

Selbst wenn er den Krieg morgen endet, ist der langfristige Schaden schon angerichtet. Der Förder-Shutdown lässt sich nicht schnell beheben: "Das ist nicht wie ein Wasserhahn, den man mal schnell wieder aufdrehen kann", bringt Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman es auf den Punkt. Denn sobald der Druck in vielen der älteren Ölfelder am Golf einmal abgefallen ist, lässt er sich nur schwer wieder auf das alte Niveau bringen.

"Bohrlöcher physisch blockiert"

Bestenfalls wird es also mehrere Wochen dauern, bis die Förderung wieder normal läuft. Und schlimmstenfalls wird das Angebot dauerhaft verknappt: Ein Teil des Öls werde "nicht bloß vorübergehend gestoppt. Es wird physisch blockiert und kann nie mehr durch das Bohrloch gefördert werden", zitiert "Fortune" einen Petro-Ingenieur der Universität Texas A&M. "Selbst wenn der Krieg vorbei ist, könnte diese Förderkapazität für immer verloren sein, was das weltweite Angebot dauerhaft reduziert und die Energiepreise langfristig erhöht."

Ähnlich sieht es beim Flüssiggas aus: Aus Angst vor iranischen Drohnenattacken hat Katar seine Produktion vollständig heruntergefahren. Die Verflüssigungsanlagen funktionieren wie ein gigantischer Kühlschrank. Ihn wieder hochzufahren wird nach Quellen von Reuters mindestens einen Monat dauern. Die Gaspreise dürften also perspektivisch höher bleiben als vor dem Krieg.

Und dann sind da noch die Reparaturen an den vom Iran zerstörten Öl-Anlagen selbst: "Wir gehen davon aus, dass auch nach dem Ende der Kämpfe ein Risikoaufschlag auf die Energiepreise bleiben wird, da Öl- und Gasanlagen am Golf weiter außer Betrieb sind und ihre Instandsetzung Wochen oder Monate dauern könnte", zitiert "Fortune" eine Analystin.

Die Unsicherheit am Golf könnte den Ölhandel abwürgen

Doch das größte Problem sind die langfristig verheerenden Folgen des Iran-Krieges für die Schifffahrt am Golf, auch wenn Trump die Luftangriffe beendet. Nicht nur ist bislang von seinem Plan, Tanker durch die Meerenge zu eskortieren, auch eine Woche später nichts zu sehen. Selbst wenn die US-Marine irgendwann Geleitschutz geben sollte, kann sie nicht jede iranische Drohne abfangen, die nur wenige Kilometer entfernt vom Festland gestartet wird.

Die Aussicht, dass die Versicherungsblockade der Tanker an der Meerenge bald endet, sind daher gering. Das könnte die Transportkosten - und damit die weltweiten Ölpreise - dauerhaft erhöhen. Denn nun wo der Iran seine Drohung, die Meerenge zu blockieren, bereits einmal wahr gemacht hat, dürfte die Hürde für eine Wiederholung in der Zukunft viel geringer sein. Es gibt keinerlei Grund für Teheran, mit der Bedrohung der Öltanker nicht weiterzumachen.

Der Iran-Konflikt ist ein asymmetrischer Krieg: Das Mullah-Regime muss ihn nicht gewinnen. Sondern bloß nicht verlieren. Selbst ein militärisch geschwächter Iran kann die Meerenge auch in Zukunft bedrohen. Das strategische Blockadepotential kann ihm geografisch niemand nehmen. Es ist das größte Druckmittel, dass die Mullahs haben. Also dürften sie es auch in Zukunft einsetzen, um ihr Überleben zu sichern.

Ohne einen Machtwechsel in Teheran wird sich daran nichts ändern. Und der ist trotz Trumps Gerede vom Regimesturz nicht in Sicht. Langfristig droht damit am Persischen Golf ein ähnliches Szenario wie im Roten Meer, wo die Houthis bereits seit Jahren die Schifffahrt lähmen, ohne jeden Tag einen Frachter anzugreifen. Die Raketen dafür kommen ebenfalls aus dem Iran. Diese Unsicherheit dürfte weiter auf dem Öltransport lasten - und könnte den Ölpreis langfristig erhöhen, auch wenn der Krieg beendet ist.

Quelle: ntv.de

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