Wirtschaft

Vorfreude auf die EZB-Sitzung Draghi wird die Therapie verlängern

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Anleihekaufprogramn ein bisschen, ganz oder gar nicht? EZB-Chef Draghi muss wieder mal Antworten liefern.

REUTERS

An Europas Aktienmärkten läuft endlich die lang ersehnte Jahresendrally. In Vorfreude auf die EZB-Sitzung ist der Dax schon mal auf Jahreshoch gesprungen. Aber sind die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt?

Die seit Wochenbeginn gute Stimmung am Frankfurter Parkett liegt nicht zuletzt an den Erwartungen an die EZB-Sitzung am Donnerstag. Obwohl der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi das Verfassungsreferendum klar verloren und daraufhin seinen Rücktritt erklärt hat, sind die Zinsen für italienische Anleihen kräftig auf zuletzt 1,9 Prozent gesunken. Investoren setzen darauf, dass die EZB notfalls eingreifen wird, um die Lage in Italien zu beruhigen. Umso genauer werden die Anleger am Donnerstag ab 14.30 Uhr die Pressekonferenz nach der EZB-Sitzung verfolgen.

"Für Investoren ist es ausgemachte Sache, dass die EZB das ursprünglich bis März 2017 laufende Anleihenkaufprogramm von 80 Milliarden Euro mindestens bis September 2017 verlängern wird", meint Klaus Bauknecht, Chef-Volkswirt der IKB Deutsche Industriebank. "Durch die massiven Käufe der EZB war ihre Bilanzsumme in der vergangenen Woche um 21 Milliarden Euro auf den Rekord von 3,59 Billionen Euro gestiegen", sagt Bauknecht weiter. Das entspricht einem Drittel der jährlichen Wirtschaftsleistung der Euro-Zone. Damit die EZB weiter in großem Stil Papiere kaufen kann, muss sie eventuell das Programm verändern.

Drosselt Draghi?

So könnten die Notenbanker ankündigen, dass sie künftig auch Anleihen erwerben, deren Zinssatz unter dem Einlagenzinssatz von minus 0,4 Prozent liegt. Diesen Satz müssen Banken bisher für das Geld bezahlen, das sie bei der EZB parken. Den Einlagenzinssatz selbst dürfte die Währungshüter kaum weiter senken. Andernfalls würde die Profitabilität der Banken noch stärker leiden, weil ihr Zinsüberschuss unter Druck käme. Bislang darf die EZB zudem üblicherweise nur 33 Prozent einer Anleihentranche erwerben. Notenbank-Chef Mario Draghi könnte den Anteil künftig auf 50 Prozent aufstocken, womit mehr Papiere für das Kaufprogramm zur Verfügung stünden.

Gespannt werden Investoren vor allem verfolgen, ob Draghi eine mögliche Drosselung des Anleihenkaufprogramms gegen Ende 2017 ins Spiel bringt. Auch dank der Euro-Abwertung sprang die Wirtschaft der Euro-Zone zuletzt an. So lag das Wachstum im dritten Quartal bei 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Zudem ist die Inflation kräftig auf dem Weg nach oben. Nachdem die Verbraucherpreise im April noch um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken waren, hat sich die Inflation anschließend deutlich beschleunigt.

In den nächsten Monaten könnte die Dynamik sogar noch zulegen. Die EZB strebt eine Inflation von knapp unter zwei Prozent an. Daher werden Anleger auf die neuesten Prognosen zum Wirtschaftswachstum und der Inflation achten, die die EZB am Donnerstag ebenfalls bekannt gibt. Erstmals wird auch ein Ausblick auf das Jahr 2019 veröffentlicht.

So stünden die Zinsen ohne Anleihenkäufe

Kann die EZB das Anleihenkaufprogramm drosseln und schlussendlich irgendwann auslaufen lassen? Dazu reicht ein Blick auf die Verschuldung der einzelnen Länder in den vergangenen Jahrzehnten und die jeweiligen Zinsen. Üblicherweise sind die Zinsen für zehnjährige Anleihen ein guter Indikator für die durchschnittliche Verzinsung sämtlicher Anleihen eines Landes, gibt es doch sowohl Papiere mit kürzerer als auch solche mit längerer Laufzeit.

Abgesehen von den paar Jahren vor der Einführung des Euro als Buchgeld im Januar 1999 lagen die Zinsen für zehnjährige italienische Anleihen häufig bei zehn Prozent und mehr. In den fünf Jahren zwischen 1992 und 1996 lag der Schnitt beispielsweise bei 11,3 Prozent. Damals machten die Schulden aber "nur" rund 80 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus. Heute liegen sie dagegen mit 2,25 Billionen Euro am Rekordhoch - das sind 135,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Wenn die Korrelation von früher noch stimmen würde, dann entspräche eine Staatsverschuldung von rund 100 Prozent der Wirtschaftsleistung einem Zins für zehnjährige Anleihen von rund zehn Prozent. Genau diesen Zinssatz müsste zum Beispiel Spanien bezahlen, - wenn die EZB nicht am Markt eingreifen würde -, liegen doch die Schulden Spaniens aktuell bei 100,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die Zinsen für zehnjährige italienische Anleihen würden angesichts der hohen Verschuldung bei rund 13,6 Prozent liegen. Diese Zahlen machen deutlich, dass die EZB es kaum zulassen kann, dass das Anleihenkaufprogramm jetzt ausläuft.

Dennoch könnte Draghi bei der EZB-Sitzung am Donnerstag ein mögliches Drosseln des Programms andeuten, nicht zuletzt um einen weiteren kräftigen Rückgang des Euro kurzfristig zu bremsen. Um Turbulenzen am Anleihemarkt zu vermeiden, wird er aber deutlich machen, dass eine Verringerung des Programms nur sehr langsam erfolgen wird. Das könnte die Investoren erst einmal beruhigen, zumal sie wissen, dass der EZB-Chef notfalls das Programm jederzeit verlängern kann.

Quelle: n-tv.de

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