Wirtschaft

Lira stürzt ab Erdogan muss zwischen Pest und Cholera wählen

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Erdogan hält Zinsen für die "Mutter allen Übels".

(Foto: REUTERS)

Die Lira bricht ein, die Aktienkurse fallen kräftig: Die Entlassung des Notenbankchefs durch den türkischen Präsidenten Erdogan sendet Schockwellen durch die Märkte. Und es sieht ganz danach aus, als sei das Beben noch nicht beendet.

Naci Agbal war ein Kunststück gelungen. Als Notenbankchef stellte er in kurzer Zeit die Glaubwürdigkeit der türkischen Zentralbank wieder her, stoppte den Absturz der Währung und begann, die Devisenreserven wieder aufzufüllen. Nach knapp fünf Monaten im Amt wurde er dennoch von Präsident Recep Tayyip Erdogan am Wochenende gefeuert. Eine Konsequenz: Der Kurs der türkischen Lira stürzte an den Devisenmärkten ab.

US-Dollar / Türkische Lira
US-Dollar / Türkische Lira 8,30

Abgals Schicksal war besiegelt, weil er dem Staatschef getrotzt hatte. Und das erfordert in der von Erdogan autokratisch gesteuerten Türkei durchaus Mut. Obwohl Erdogan niedrige Zinsen fordert, hatte der Zentralbankchef die Zinsen erhöht - zuletzt in einem sehr deutlichen Schritt von 17 auf 19 Prozent. Der Präsident dürfte das als Insubordination aufgefasst haben und setzte mit Sahap Kavcioglu, einem ehemalige Banker und Ex-Abgeordneten der Regierungspartei, einen erklärten Gegner einer straffen Geldpolitik auf den Posten. Es war das dritte Mal seit Mitte 2019, dass Erdogan den Notenbankchef entließ. Dabei galt der ehemalige türkische Finanzminister als Verbündeter Erdogans. Dieser hatte ihn im November per Erlass ins Amt gehoben.

Agbal hatte die Zinsen kräftig erhöht, um die Inflation zu bekämpfen. Sie ist seit Jahren ein Problem, im Februar lag sie bei fast 16 Prozent - befeuert auch durch die Abwertung der Lira, durch die Importe teurer wurden. Ein weiterer Grund: Erdogan stärkte mit einem kreditfinanzierten Wirtschaftsaufschwung seine Popularität in weiten Teilen der Bevölkerung. Durch den Kreditboom kam die Türkei bisher auch vergleichsweise gut durch die Corona-Krise. Die staatlichen Banken hatten ihre Darlehensvergabe in der zweiten Jahreshälfte nahezu verdoppelt. Die Wirtschaft wuchs deshalb im vergangenen Jahr um 1,8 Prozent. Von den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern (G20) hatte nur noch China auch ein Plus geschafft.

Für die türkische Lira war 2020 dagegen ein schreckliches Jahr. Zum Dollar verlor sie rund 20 Prozent an Wert und war damit eine der schwächsten Schwellenland-Währungen. Nur der argentinische Peso und der brasilianische Real entwickelten sich noch schlechter. Doch das neue Jahr begann für die Lira erfreulich - bis Mitte Februar legte sie in dieser Gruppe am kräftigsten zu.

Lira stürzt ab, Aktienkurse im Keller

Dann setzen ihr aber die steigenden Zinsen am Anleihemarkt zu, angeführt von den 10-jährigen US-Bonds. Damit wurde der Dollar-Raum für Anleger attraktiver, sie ziehen Geld aus Schwellenländern wie der Türkei ab. Das drückte den Lira-Kurs. Doch das war nichts dagegen, was heute geschah: Angesichts der Entlassung des Notenbankchefs brach die Lira zum Dollar um 17 Prozent ein. Im Verlauf erholte sie sich wieder etwas, gibt gegenüber der US-Währung aber immer noch um 10 Prozent nach.

Eine verheerende Wirkung zeigte der überraschende Wechsel an der Spitze der türkischen Notenbank auch bei der Kursentwicklung von Staatsanleihen. Die in der heimischen Währung begebenen Papiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren erlitten einen heftigen Kurseinbruch, während die Rendite im Gegenzug um mehr als drei Prozentpunkte anstieg. Auch am türkischen Aktienmarkt gab es einen Ausverkauf. Der türkische Aktienindex BIST National 100 fiel im um mehr als 9 Prozent.

Mit dem neuen Chef an der Spitze dürften Zinserhöhungen trotz hoher Inflation unwahrscheinlicher werden. Kavcioglu hatte vor seiner Ernennung die Zinspolitik seines Vorgängers kritisiert. "Die Zinsen rund um die Welt sind nahe null. Eine Anhebung in der Türkei zu erwägen, wird unsere wirtschaftlichen Probleme nicht lösen", schrieb er in einer Zeitungskolumne.

Erdogan sieht in höheren Zinsen eine Gefahr für das Wirtschaftswachstum. Er bezeichnet Zinsen zudem als "Mutter allen Übels" und behauptet entgegen der ökonomischen Lehre, dass hohe Zinsen für hohe Inflation und niedrige Zinsen für niedrige Inflation sorgen.

Grundnahrungsmittel immer teurer

In der Türkei stehen die nächsten Präsidentschaftswahlen zwar erst 2023 auf der Agenda. Doch die Gerüchte nehmen zu, dass Erdogan die Wahlen vorziehen möchte, um sich vorzeitig eine neue Amtszeit zu sichern. "Das legt nahe, dass die Regierung versuchen wird, die Wirtschaft erneut mit niedrigen Zinsen stimulieren zu wollen", sagte etwa Selva Demiralp, Wirtschaftsprofessorin an der Koc Universität in Istanbul zum Wechsel an der Notenbank-Spitze.

Das hat seinen Preis: Vor allem Nahrungsmittel werden in der Türkei immer teurer. Die Lebensmittelpreise stiegen um 18,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders drastische Preiserhöhungen gab es etwa bei Grundnahrungsmitteln wie Eier, Brot, Sonnenblumenöl und Käse. Erdogan steht deshalb auch innenpolitisch unter Druck, der Unmut in der Bevölkerung wächst. Damit steckt Erdogan in der Zwickmühle. Doch für hohes Wirtschaftswachstum nimmt er selbst eine zweistellige Inflation in Kauf.

Quelle: ntv.de, mit dpa/rts

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