Wirtschaft

Der Zinsfeind schlägt wieder zu Erdogan sorgt für Absturz der Lira

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(Foto: REUTERS)

Die Hyper-Inflation in der Türkei droht, außer Kontrolle zu geraten. Präsident Erdogan kündigt dennoch Zinssenkungen an. Die Währung rauscht deshalb in den Keller.

Die türkische Währung ist im freien Fall. Für einen Dollar gibt es mittlerweile rund 17 Lira. Seit Jahresbeginn hat die Währung fast ein Viertel ihres Wertes verloren. Im vergangenen Jahr hatte sie schon mehr als 40 Prozent eingebüßt. Der Grund für den aktuellen Kursrutsch: Präsident Recep Tayyip Erdogan hat angekündigt, dass die Zentralbank die Zinsen noch weiter senken werde.

US-Dollar / Türkische Lira
US-Dollar / Türkische Lira 17,91

Das ist bemerkenswert, weil Erdogan nicht etwa Präsident der Notenbank, sondern des Landes ist. Und formal ist die Notenbank unabhängig. Doch Erdogan hat sich die Notenbank gefügig gemacht, indem er nacheinander drei Chefs feuerte und mit Sahap Kavcioglu endlich einen Gouverneur fand, der die Wünsche des Staatschefs erfüllt.

Der Staatschef wünscht sich nämlich niedrige Zinsen. Das ist angesichts der Hyper-Inflation allerdings nicht unbedingt eine gute Idee. Denn der ökonomischen Lehre zufolge sorgen niedrige Zinsen dafür, dass die Inflation weiter an Fahrt gewinnt. Sie liegt derzeit in der Türkei bei mehr als 70 Prozent und damit so hoch wie seit 1998 nicht mehr.

Außerdem tragen niedrige Zinsen dazu bei, dass die heimische Währung an Wert verliert. Denn dadurch wird es unattraktiver, in der Türkei und nicht etwa anderswo zu investieren, wo es höhere Zinsen gibt. Außerdem müssen Investoren dort einkalkulieren, dass ihr dort eingesetztes Geld schnell an Wert verliert. Ein Teufelskreis: Die Inflation trägt dazu bei, dass Geld in Währungsräume mit stabilerer Währung und höheren Zinsen fließt. Das trägt dazu bei, dass die Lira weiter unter Druck gerät und damit die Inflation an Fahrt gewinnt.

Im nächsten Jahr wird gewählt

Doch Erdogan will trotzdem um jeden Preis niedrige Zinsen. Der selbsterklärte Zinsfeind bezeichnet sie als "Mutter allen Übels" und behauptet unbeirrt, dass hohe Zinsen für eine hohe Inflation sorgen und niedrige Zinsen für eine niedrige Inflation. Derzeit liegt der Leitzinssatz in der Türkei bei 14 Prozent. Im März vergangenen Jahres waren es noch 19 Prozent.

Der Grund für Erdogans unorthodoxe Haltung: Höhere Zinsen haben die Folge, dass die Wirtschaft langsamer wächst. Und das will Erdogan unbedingt vermeiden. Für Juni kommenden Jahres sind Präsidentschaftswahlen in der Türkei geplant, und er will mit kräftigem Wirtschaftswachstum punkten. Tatsächlich ist die türkische Wirtschaft mit einem kräftigen Wachstum ins Jahr gestartet. Sie legte in den ersten drei Monaten des Jahres 7,3 Prozent zu.

Erdogan wettet darauf, dass die hohe Inflation bald zurückgeht und die derzeitigen Folgen nur vorübergehende Kollateralschäden sind. Doch das kann schiefgehen. Eine immer weiter abwertende Lira und hohe Inflationsraten könnten die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Türken können sich immer weniger leisten. Lebenswichtige Importe wie Energie und Rohstoffe werden durch den Währungsverfall noch teurer.

"Wir gehen davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in der Türkei im weiteren Verlauf dieses Jahres nur noch schleppend verlaufen wird", heißt es beim Analysehaus Capital Economics. "Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine und die weitere Schwäche der Lira bedeuten, dass die Inflation wahrscheinlich bis zum Ende des Jahres bei 70 bis 80 Prozent liegen wird."

Lebensmittelpreise fast verdoppelt

Hinzu kommt: Möglicherweise liegt die Inflation in der Türkei noch höher als offiziell angeben. Erdogan hatte im Februar den Leiter der nationalen Statistikbehörde gefeuert und ihm vorgeworfen, er habe das Ausmaß der Krise in der Türkei übertrieben dargestellt. Unter dem neuen Chef veröffentlicht die Behörde derzeit keine Durchschnittspreise für einzelne Artikel mehr, sondern nur noch für Produktgruppen. Das macht Ökonomen und Oppositionspolitiker misstrauisch.

Aber selbst die offiziellen Zahlen haben es in sich. Die Preise im Transportsektor - zu dem etwa Benzin gerechnet wird - waren im Mai mehr als doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor. Lebensmittel kosteten fast doppelt so viel wie im Mai 2021.

Die Regierung beteuert derweil, dass die Inflation wegen ihres neuen Wirtschaftsprogramms zurückgehen und der Höhepunkt im Juni erreicht werde. Ein zentrales Element des Plans: Um den Export zu stimulieren, sollen die Zinsen noch weiter gesenkt werden. Das entspricht den ökonomischen Vorstellungen Erdogans und spricht dafür, dass die Preise in der Türkei weiter kräftig steigen.

Quelle: ntv.de, mit rts

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