Wirtschaft

US-Tech-Konzerne auf dem Rückzug "Ernst wird es, wenn Apple China verlässt"

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Apple und andere Technologieunternehmen machen noch keine Anstalten, den chinesischen Markt zu verlassen.

(Foto: picture alliance/dpa/HPIC)

In China werden Tech-Konzerne streng reguliert. Besonders soziale Netzwerke trifft die strikte Zensur. Immer mehr US-Unternehmen verlassen deswegen den chinesischen Markt. Wer unter diesem Abzug besonders leidet und was für Firmen auf dem Spiel steht, erzählt China-Experte Löchel ntv.de.

ntv.de: In China gibt es eine strikte Zensur von Online-Netzwerken. Facebook ist dort deswegen gar nicht an den Start gegangen, die Google-Dienste sind bereits seit Langem nicht mehr verfügbar, kürzlich schloss Linkedin seine Plattform und jetzt zieht sich das Internet-Urgestein Yahoo zurück. Nimmt die Abwanderung US-amerikanischer Online-Dienste aus China gar kein Ende mehr?

Horst Löchel: Insofern es sich um soziale Netzwerke handelt, erwarte ich schon, dass sich noch mehr ausländische Firmen aus dem chinesischen Markt zurückziehen könnten. Eben deshalb, weil die regulatorischen Vorschriften zuletzt nochmal verschärft worden sind - und das völlig unabhängig von den Einschränkungen, die vorher sowieso schon gegolten haben. Insbesondere für amerikanische Unternehmen aus dem Bereich der sozialen Medien wird es jetzt schwierig, ihre Leistung für die chinesischen Kunden zu garantieren.

Wie sehen die aktuellen Regulierungen denn aus?

Online-Plattformen in China - nicht nur ausländische - sind verpflichtet, Daten chinesischer Nutzer auf Anfrage den Behörden zur Verfügung zu stellen und im Land untersagte Inhalte über die bekannten politisch sensiblen Themen zu blockieren beziehungsweise zu entfernen.

Haben sich die Bedingungen unter Xi Jinping verschärft?

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Prof. Dr. Horst Löchel ist Leiter des Sino-German Centers an der Frankfurt School of Finance & Management.

Insgesamt sind die Regulierungen in vielen Bereich verschärft worden. Gerade diesen Sommer hat es erhebliche Verschärfungen insbesondere im Kapitalmarktbereich gegeben, wenn Sie beispielsweise an die gestoppten Börsengänge von Ant Group und Didi denken. Ja, Geschäfte in China sind nicht einfacher geworden.

Welches internationale Tech-Unternehmen könnte als nächstes seinen Rückzug aus China bekannt geben?

Ein Unternehmen zu benennen, ist schwierig. Ich erwarte aber nicht, dass sich ausländische Hightech- oder Online-Unternehmen aus China zurückziehen. Schließlich ist Apple auch auf dem chinesischen Markt stark vertreten. Die chinesischen Behörden haben eher soziale Medien im Blick, die den freien Meinungsaustausch nach westlichem Standard ermöglichen. Man will die Kontrolle über die Meinungshoheit nicht verlieren. Solange Unternehmen ihren Fokus auf anderen Bereichen haben, hat China auch kein Interesse daran, sie von ihrem Markt zu verdrängen. Ganz im Gegenteil.

Wie lange können internationale Online-Dienste auf dem strikt regulierten chinesischen Markt überhaupt noch operieren?

Das ist schwer zu sagen. So oder so muss man aber festhalten, dass mit dem Messengerdienst Wechat und der Handelsplattform Alibaba chinesische Unternehmen den Markt der sozialen Medien in China dominieren. Yahoo und Linkedin waren für Chinesen vor allem wichtig, wenn sie mit Menschen außerhalb von China kommunizieren wollten. Innerhalb des Landes läuft das meiste sowieso über chinesische Anbieter. Insofern wird der Verlust für die amerikanischen Unternehmen nicht allzu groß ausfallen. Abhängig davon, auf dem chinesischen Markt vertreten zu sein, sind sie nicht.

Was steht für internationale Unternehmen auf dem Spiel, wenn sie sich nicht den Vorgaben aus Peking unterordnen?

Sie verlieren den Zugang zum größten Konsumgütermarkt der Welt. In China wird so viel online gekauft wie in keinem anderen Land der Welt. Inzwischen finden rund 30 Prozent aller Konsumgüter online statt. Und auch die mittleren und älteren Jahrgänge haben eine große Affinität zur Technologie. Ist ein Unternehmen hier nicht vertreten, ist es von den Konsumenten und den entsprechenden Geschäftsmöglichkeiten ausgeschlossen.

Inwiefern gehört vorauseilender Gehorsam für internationale Technologieunternehmen in China inzwischen zum Alltag?

Jedes Unternehmen muss für sich entscheiden, wie weit es sich anpassen will und kann. In China lockt das Glück der großen Zahl. Dafür kann es sich lohnen, Zugeständnisse zu machen. So oder so ist es nicht die Aufgabe von Unternehmen, politische Veränderungen zu initiieren. Da ist die Politik gefragt. Zu denken, mit einem Rückzug aus China könne man politische Veränderungen erreichen, scheint mir aber eher naiv zu sein.

Einige westliche Unternehmen scheinen das nicht länger hinnehmen zu wollen.

Naja, wir reden hier von sozialen Netzwerken, die sich aus besagten Gründen zurückziehen. Vielleicht waren aber auch die Geschäfte von Linkedin und Yahoo in China wirtschaftlich nicht wirklich erfolgreich. Einen großen Marktanteil hatten sie sicherlich nicht. Apple und andere Technologieunternehmen machen momentan jedenfalls keine Anstalten, den chinesischen Markt zu verlassen. Dafür ist er einfach zu profitabel.

Bremst die Regulierung Unternehmen im eigenen Land? Oder profitieren chinesische Firmen davon sogar?

Die chinesischen Unternehmen passen sich den regulatorischen Vorschriften an. Ich glaube nicht, dass dies einem sozialen Netzwerk wie Wechat schadet. Hier geht es vor allem um den privaten Austausch und Online-Käufe, nicht um politische Debatten.

Welche Konsequenzen hat der Rückzug internationaler Firmen für die chinesische Wirtschaft?

Der chinesische Markt wird mit jedem Rückzug natürlich weniger international. Der Anteil ausländischer Unternehmen ist allerdings in China sowieso schon relativ gering im weltweiten Vergleich. Ansonsten hat das wirtschaftlich für China gar keine Auswirkungen. Ernst wird es erst, wenn beispielsweise Apple oder Starbucks - wenn wir bei den US-amerikanischen Unternehmen bleiben - sagen würden, wir ziehen uns aus dem chinesischen Markt zurück.

Aber insgesamt ist China dennoch in keiner Weise gezwungen, westlichen Unternehmen entgegenzukommen, damit sie den chinesischen Markt nicht verlassen?

Das kommt auf den Markt an. Sicherlich nicht im Bereich der sozialen Medien. Aber ausländische Unternehmen aus der Hightech-Industrie sind natürlich sehr willkommen, weil sie China helfen, zu einer fortgeschrittenen Industrienation aufzusteigen auf Augenhöhe mit den USA und Europa. China will wieder an die Spitze der Welt, wie es bereits vor der industriellen Revolution im Westen der Fall war.

Mit Horst Löchel sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de

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