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Papierbranche im Wandel Familienunternehmen orientiert sich um

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Die Digitalisierung ist für die Papierbranche eine zwiespältige Angelegenheit.

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Die Digitalisierung und veränderten Lebensgewohnheiten lassen die Nachfrage nach Schreib- und Druckpapier sinken. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Kartons. Eine traditionsreiche Papierfabrik hat das erkannt - und wagt einen mutigen Schritt.

Kubistische Künstler hätten ihre Freude an dem Anblick: Wie überdimensionale Bauklötze liegen die Papierballen aufeinander und formen eine eigenartige Skulptur. Mal ragen sie nur einige Meter hinauf, mal geht es 10, 12 Meter in die Höhe. Ein Kunstwerk ergibt das aber nicht - eher genau das Gegenteil: Es sind Müll-Massen, die sich auf dem Gelände der Papierfabrik Schoellershammer in Düren (NRW) türmen. Gut eine halbe Million Tonnen Altpapier kommt dort jedes Jahr an, bevor dieses zu einem Faserbrei verkocht und weiterarbeitet wird. Die Papierbranche ist im Umbruch - und Schoellershammer geht einen beispielhaften Weg: weg vom Schreib- und Druckpapier, hin zu Verpackungen.

Die Firma ist eine von 161 Papierfabriken in Deutschland. Schoellershammer wurde 1784 gegründet - "im Zeitalter der Aufklärung, als Papier noch ein sehr wertvoller Stoff war", sagt Bernd Scholbrock, Chef des Familienunternehmens mit knapp 300 Mitarbeitern. Lange machte man mit dem sogenannten grafischen Papier - also zum Druck oder zum Schreiben und Zeichnen - gute Geschäfte. Aber das ist Geschichte. "Dem Trend der Digitalisierung konnten auch wir uns nicht entziehen", sagt Co-Geschäftsführer Alexander Stern. Die Nachfrage nach grafischem Papier - auch Feinpapier genannt - sank. 2015 stellte die Firma ihre letzte Maschine für Feinpapier ab.

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Die Zeiten, in denen "Papier noch ein sehr wertvoller Stoff war" sind lange vorbei, muss Bernd Scholbrock, Chef der Papierfabrik Schoellershammer, erkennen.

(Foto: picture alliance / Oliver Berg/d)

Stattdessen setzte das Unternehmen auf Verpackungspapier, genauer gesagt Wellpappenrohpapier - also das Material, das später zu Wellpappe und Kartons verarbeitet wird. 100 Millionen Euro wurden in eine neue, 120 Meter lange Papiermaschine investiert - und das bei einem Jahresumsatz von zunächst nur 90 Millionen Euro. Ende 2016 ging die neue Maschine ans Netz, der Produktionsoutput schnellte nach oben. Dank der hohen Kapazität der neuen Maschine haben sich die Erlöse 2017 mit 190 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Nach knapp zehn Millionen Euro Verlust 2016 habe man vergangenes Jahr ausgeglichen abgeschnitten, sagt Finanzchef Stern. 2018 peilt man "einen relevanten Eintritt in die Gewinnzone" an.

Preissteigerungen mangels Konkurrenz

Der Strukturwandel spiegelt sich auch in den Zahlen des Verbandes Deutscher Papierfabriken (VDP) wider. Insgesamt steht die Branche mit ihren 40.000 Mitarbeitern nicht schlecht da. Der Absatz stieg um 1,4 Prozent auf 23 Millionen Tonnen (Umsatz: 14,7 Milliarden Euro). Wachstumsmotor waren die Verpackungen mit einem Absatzplus von 3,4 Prozent auf 11,8 Millionen Tonnen - die Konjunktur brummt und der Online-Handel boomt, die Nachfrage nach Kartons steigt. Kleinere Sparten für Hygienepapiere und für Spezialprodukte verbuchten ebenfalls Zuwächse. Das grafische Papier hingegen verzeichnete ein Minus von 1,8 Prozent auf 8,2 Millionen Tonnen. Erst kürzlich meldeten mit Feldmühle Uetersen (Schleswig-Holstein) und Scheufelen (Baden-Württemberg) zwei Papierfabriken Insolvenz an.

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Gut eine halbe Million Tonnen Altpapier kommt jedes Jahr in Düren an.

(Foto: picture alliance / Oliver Berg/d)

"Wegen der deutlich erhöhten Zellstoffpreise und des weiteren Rückgangs der grafischen Märkte war dieser Schritt leider nötig", sagt Stefan Radlmayr, Chef von Scheufelen - die 1855 gegründete schwäbische Traditionsfirma hat noch rund 300 Mitarbeiter. Der Preis für Zellstoff - also verarbeitetes Holz - stieg 2017 je nach Art um 10 oder 20 Prozent, Gründe waren unter anderem eine erhöhte Nachfrage aus China sowie Produktionsengpässe in Südamerika.

Scheufelen schlug ebenfalls den Kurs hin zu Verpackungen ein. Mit einer neuen Technik setzt die Firma seit 2017 Graspapier für Kartons ein. Das Papier besteht aus Grasfasern und Eukalyptus-Zellstoff. Noch macht es nur etwa drei Prozent des Umsatzes aus, die Tendenz steigt aber. "Wir sind guter Dinge, dass es trotz der Insolvenz weitergeht", sagt Radlmayr.

Also bloß raus aus dem grafischen Bereich? Arne Kant von der Unternehmensberatung Pöyry schüttelt den Kopf. Zwar bleibe die Perspektive für diesen Bereich angesichts der Digitalisierung und veränderten Lesegewohnheiten problematisch. Es habe insbesondere 2017 aber eine deutliche Marktbereinigung gegeben. Das Angebot sei so stark geschrumpft, dass manche Firmen mangels Konkurrenz sogar Preissteigerungen durchsetzen konnten. In dem Markt ließe sich mit einer guten Positionierung und wettbewerbsfähigen Kostenstruktur weiter Geld verdienen. Der grafische Bereich habe Zukunft - "irgendwann wird es eine Kernnachfrage geben, die nicht mehr sinkt". Ob Kalender, Poster oder Bücher - Papier werde in einem gewissen Rahmen immer nachgefragt werden, ist sich Kant sicher.

Abschied von traditionsreicher Sparte

Beim Branchenverband VDP wiederum verweist man darauf, dass sich das Minus im grafischen Bereich zuletzt verlangsamt habe - 2016 lag das Absatz-Minus bei 3,6 Prozent, 2017 halbierte es sich auf 1,8 Prozent. "Wir nähern uns der Talsohle", glaubt ein Verbandssprecher. Für Bernd Scholbrock ist das Grafische nun Geschichte. Ob er Wehmut verspüre? "Absolut", sagt der 58-Jährige nachdenklich, der seit 1992 bei der Firma arbeitet. "Im New Yorker Museum of Modern Art hängen Bilder auf Schoellershammer-Künstlerpapier, und so gut wie alle deutschen Ingenieure haben früher auf unseren technischen Papieren gezeichnet."

Durchsichtiges Transparenzpapier aus seinem Hause habe zudem aufwendige Autokataloge und Werbeprospekte geziert. Der Abschied von der traditionsreichen Sparte sei schmerzhaft, aber unvermeidlich gewesen, sagt Scholbrock. Mit dem Schwenk zu Verpackungen habe man den Fortbestand des Unternehmens gesichert.

Quelle: n-tv.de, Wolf von Dewitz, dpa

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