Wirtschaft

Zinswende schon wieder am Ende? Fed-Chef deutet Kurswechsel an

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US-Präsident Donald Trump und Fed-Chef Jerome Powell (r., Archivbild): "Ich denke, dass die Fed mit dem was sie tut, ganz falsch liegt."

(Foto: REUTERS)

Der mächtigste Währungshüter der USA sorgt mit überraschenden Worten für Wirbel an den Weltbörsen: Top-Notenbanker Jerome "Jay" Powell signalisiert ein mögliches Aussetzen der fest eingeplanten Zinsanhebungen. Knickt der Fed-Chef unter der Kritik Trumps ein?

US-Notenbankchef Jerome Powell hat ein vorsichtigeres Vorgehen bei künftigen Leitzinserhöhungen signalisiert. "Wir wissen, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen unserer Zinserhöhungen unsicher sind", sagte Powell bei einer Rede in New York. Es könne bis zu einem Jahr oder mehr dauern, bis die Wirkungen sichtbar werden.

Powells neue Signale schlagen weltweit hohe Wellen: In Asien legte der Nikkei-Index in Tokio kräftig zu. Auch der deutsche Leitindex Dax wird zum Handelsstart in Frankfurt fester erwartet. Der Fed-Chef habe mit seinen Einlassungen die Furcht vor Zinserhöhungen als Konjunkturkiller gedämpft, hieß es aus Tokio. Seine Worte seien ein klarer Hinweis, dass sich die Straffung der US-Geldpolitik dem Ende nähere.

Seine Politik der stufenweisen Zinserhöhungen sei so angelegt, erklärte Powell, dass Gefahren ausbalanciert würden. Die aktuelle Leitzinsspanne von 2,0 bis 2,25 Prozent liege "knapp unter" dem geschätzt neutralen Niveau, mit dem die Wirtschaft weder gefördert noch gebremst werde.

Powells Äußerungen lösten in Fachkreisen und an den Märkten großes Aufsehen aus: Die Aussage lege den Schluss nahe, dass möglicherweise nicht mehr so viele Zinserhöhungen kommen würden wie von Investoren erwartet, hieß es an der Wall Street. Ökonomen gehen davon aus, dass die Fed den Leitzins keinesfalls über das von Powell genannte neutrale Niveau hinaus anheben dürfte.

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Für die Mehrheit der Börsianer kamen die Andeutungen Powells unerwartet: Bislang gingen Investoren und Anlagestrategen - gestützt auf frühere Wortmeldungen der US-Währungshüter - davon aus, dass die Fed ihren Leitzins schrittweise weiter anheben wird. Ob sich Jerome "Jay" Powell bei seiner Kursänderung von Kritik beeinflussen ließ, ist unklar. US-Präsident Donald Trump hatte die Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) erst am Vortag kritisiert. Bislang hatte sich Powell stets gegen jeden Verdacht einer unzulässigen Einflussnahme auf die Geldpolitik der Fed verwahrt.

"Die Fed liegt falsch"

"Bislang macht mich meine Wahl von Jay noch nicht einmal ein kleines bisschen glücklich", hatte Trump der "Washington Post" erst am Vortag erklärt. "Noch nicht einmal ein bisschen. Ich werfe das niemandem vor, aber ich sage Ihnen, ich denke, dass die Fed mit dem was sie tut, ganz falsch liegt." Trump selbst hat Powell vor gut einem Jahr für den Chefposten bei der Zentralbank nominiert.

Noch am 3. Oktober hatte Powell das Leitzinsniveau als weit von einem neutralen Niveau entfernt bezeichnet. Mit Blick auf die jüngsten Äußerungen Powells halten Beobachter mittlerweile eine Zinspause im kommenden Jahr für möglich. Damit bliebe die Geldschwemme der zu Ende gehenden Niedrigzinsphase den Aktienmärkten womöglich länger erhalten als bislang erwartet. Unabhängig davon gehen Analysten aber weiterhin fest von einer Leitzinsanhebung im Dezember aus. Dann dürfte der Leitzins im Dollarraum um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von dann 2,25 bis 2,50 Prozent steigen.

Letzter Zinsschritt im Dezember?

Die aktuelle Wirtschaftslage bewertet Powell weiterhin als sehr günstig. Er erwarte nach wie vor ein "solides" Wirtschaftswachstum. Die Arbeitslosigkeit dürfte niedrig bleiben und die Inflationsrate in der Nähe von zwei Prozent verharren. Die Fed strebt eigentlich eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an, um genügend Sicherheitsabstand zu einer gefährlichen Abwärtsspirale aus fallenden Preisen zu haben. Im bisherigen Jahresverlauf hatte die Fed angesichts der starken Konjunktur und der anziehenden Inflation bereits drei Mal den Leitzins angehoben.

An der Wall Street lösten Powells neue Signale größere Kursbewegungen aus: Der US-Dollar geriet nach den Aussagen unter Druck. Der Euro stieg zum Dollar auf ein Tageshoch von 1,1388 Dollar. Die Kurse der US-Staatsanleihen legten zu. Die nachlassenden Sorgen vor einer zu straffen US-Geldpolitik hievten die US-Aktienmärkte in die Gewinnzone: Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss mit einem Plus von 2,5 Prozent bei 25.366 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 erhöhte sich um 2,3 Prozent auf 2743 Zähler. Der Composite-Index der Technologiebörse Nasdaq rückte knapp 3,0 Prozent auf 7291 Stellen vor.

Quelle: ntv.de, mit dpa