Wirtschaft

Noch sechs Monate Firmen rüsten sich für Chaos-Brexit

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Die Zeit läuft.

dpa

Der Termin steht: Ende März des kommenden Jahres vollzieht Großbritannien seinen Austritt aus der EU. Der Zeitdruck ist enorm. Laut Deutschem Aktieninstitut können "nur die nötigsten Vorbereitungen" getroffen werden.

In sechs Monaten ist "B-Day": Am 29. März 2019 will Großbritannien die Europäische Union (EU) verlassen. Wegen der stockenden Verhandlungen zwischen der britischen Regierung und der EU gehen inzwischen viele Beobachter von einem harten Brexit aus - ohne neue Regeln für Handel, Investitionen, Produktzulassungen oder Datenschutz. Viele Firmen bereiten sich deshalb auf dieses "Worst-Case-Szeanario" vor, unterstützt von Behörden und Verbänden.

Dabei tickt die Uhr. Die verbleibende Zeit reiche bei weitem nicht aus, um alle drohenden negativen Folgen abzuwenden, konstatiert das Deutsche Aktien Institut in seinem jüngsten Positionspapier. "Aufgrund des Zeitdrucks und der hohen Unsicherheit umfassen die Notfallpläne meist nur die allernötigsten Vorkehrungen. Sie dienen dazu, einen Zusammenbruch großer Geschäftsteile zu vermeiden." Die Regierung in London hat bereits Dutzende Handreichungen für Bürger und Unternehmen veröffentlicht, um sich auf einen ungeordneten Brexit vorzubereiten.

Auch die EU-Kommission bemüht sich um Aufklärung mit einer Internetseite. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat eine Online-Brexit-Checkliste veröffentlicht, damit sich die deutschen Unternehmen mit Hilfe von 18 Themen auf mögliche Folgen vorbereiten können. Beim Industrieverband BDI gibt es seit Langem eine Task-Force aus Experten, die alle Aspekte des Brexit durchleuchten und Handlungsempfehlungen für ihre Unternehmen ausarbeiten. Für den Mittelstand hat der Verband einen Leitfaden veröffentlicht.

Parkplätze gegen Lieferengpässe

Je nach Branche sind die unmittelbaren Konsequenzen für die Unternehmen sehr unterschiedlich. Sie reichen von erschwerten Ex- und Importen, weil die Waren von einem Tag auf den anderen wieder verzollt werden müssen, bis zur Frage, ob laufende Verträge mit Lieferanten, Kunden oder Mitarbeitern überhaupt noch gültig sind.

BMW etwa ist auf der Suche nach Parkplätzen für Lastwagen und Lagerhallen auf beiden Seiten des Ärmelkanals, um sich so gegen mögliche Lieferengpässe zu rüsten. Sein Werk für den Kleinwagen Mini im englischen Oxford will der Münchener Autobauer unmittelbar nach dem "B-Day" für vier Wochen schließen - die Sommerpause wird einfach vorgezogen. Zudem investieren die Bayern in ihre IT-Systeme, weil mit einer Flut von Dokumenten und mit bürokratischen Hürden bei Einführung neuer Zölle gerechnet wird. Einem Insider zufolge kosten allein BMW die Brexit-Pläne mehrere Millionen Pfund.

Volkswagen und Daimler wollen sich nicht zu ihren Notfallplänen äußern - wie die meisten Firmen. "Wie die gesamte Industrie brauchen wir schnell und umfassend Klarheit über die Form der zukünftigen Beziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union", erklärte etwa der Wolfsburger Konzern. Zollprozesse müssten so unkompliziert wie möglich gestaltet werden, um die Produktion und die europaweit vernetzten Lieferketten nicht zu belasten.

Banken haben Brexit schon lange im Blick

Die Banken bereiten sich schon lange auf den Brexit vor und haben Konsequenzen gezogen. Denn während ein Weiterbestehen des Freihandels zwischen der EU und Großbritannien zumindest als möglich galt, war klar, dass viele Finanzgeschäfte wegen der getrennten Währungsräume nicht mehr aus London heraus abgewickelt werden können. Deutsche Bank und Commerzbank haben zum Beispiel einige Geschäftsbereiche aus London nach Frankfurt oder andere Standorte in Kontinentaleuropa abgezogen.

Beim Branchenprimus etwa ist die Entscheidung längst gefallen, dass das zentrale Buchungszentrum für die gesamte Unternehmens- und Investmentbank künftig am Main und nicht mehr an der Themse stehen wird. Die Commerzbank wiederum hat in den vergangenen drei Jahren Kapazitäten im Front- und Backoffice wie auch im IT-Bereich nach Kontinentaleuropa, Asien und vor allem nach Frankfurt zum Hauptquartier verlagert.

Die Deutsche Börse, die die größte deutsche Aktienbörse und die größte europäische Derivatebörse Eurex betreibt, hat eine eigene Projektgruppe ins Leben gerufen. Deren Aufgabe ist es unter anderem dafür zu sorgen, dass mit dem Stichtag Ende März alle nötigen Lizenzen verfügbar sind, die für eine reibungslose Fortsetzung des Handels nötig sind - eben auch mit Kunden aus Großbritannien.

Beim Clearing von Pfund auf Euro lautenden Derivaten hat die Börse schon länger ein Anreizprogramm für Kunden laufen, die sie dadurch von LCH Clearnet, einer Tochter der Londoner Börse LSE, abwerben will. LCH ist in diesem milliardenschweren Geschäft der absolute Platzhirsch in Europa, inzwischen laufen aber mehr und mehr Kunden zur Eurex über. Deren Marktanteil liegt beim Euroclearing inzwischen bei rund zehn Prozent, angepeilt werden 25 Prozent.

Produktgenehmigung und Flugrechte

Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland fürchtet durch einen ungeordneten Brexit schwerwiegende Folgen. So dürften dem Branchenverband VCI zufolge alle chemischen Stoffe, die im Vereinigten Königreich für den Vertrieb in der EU registriert wurden, unmittelbar nicht mehr ohne Weiteres in der EU verkauft werden. Der Chemieriese BASF rechnet im Falle eines "No-Deal" wegen höherer Zölle sowie bürokratischerer Zollverfahren mit jährlichen Mehrkosten in zweistelliger Millionenhöhe.

Regulatorische Abweichungen wie doppelte Registrierungs- und Genehmigungsschritte könnten zu zusätzlichen Kosten führen. BASF hat ein interdisziplinäres Brexit-Team eingerichtet, um mit Kunden, Lieferanten und Dienstleistern unter verschiedenen Annahmen an möglichen Lösungen zu arbeiten.

Auch der Reisekonzern TUI hat Notfallpläne für einen ungeregelten EU-Austritt in der Schublade. Die wichtigste Frage ist TUI-Chef Friedrich Joussen zufolge, ob die 150 Maschinen große Flugzeugflotte dann ihre Flugrechte in der EU behalte. Denn der in London börsennotierte Konzern hat mehr als 50 Prozent Aktienanteil außerhalb der EU.

Quelle: n-tv.de, wne/rts

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